Potsdam.Von den 60er Jahren bis 2016 sind auf zwei Etagen über 90 Arbeiten zu sehen, gut ein Drittel als private Leihgaben. Das Hauptanliegen ist zu zeigen, wie Gerhard Richter trotz aller Abstraktion im Gegenständlichen verhaftet bleibt. In jeder Abstraktion steckt ein gegenständlicher Moment. "Bilder stellen immer etwas dar, was sie nicht sind", betont der Künstler. Die Basis für die grauen Wellenbewegung ist ein Vorhang. 50 Jahre später funkeln aus farbkräftigen Kompositionen paradiesische oder umweltzerstörte Landschaften, je nachdem ob man Gelb als Sonnen- oder Schwefelgelb empfindet.
Abstrakte Werkgruppen
Dramaturgisch klug von Dietmar Elger, Leiter des Gerhard-Richter-Archivs an den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, und in enger Zusammenarbeit mit Gerhard Richter konzeptioniert, öffnet sich in neun Kapiteln der Kosmos des Kunstschaffenden in abstrakten Werkgruppen - vom fotografischen Grau bis zur digitalen Farbigkeit.
Die Ausstellung beginnt mit den "Strukturen und Illusionen" der grauen Bilder, überrascht dann umso mehr mit Richters großformatigen Farbtafeln. "1024 Farben" setzt er in kleinen Quadraten zum drei auf drei Metern großen Farbquadrat zusammen und beweist im Gegensatz zur klassischen Farblehre, dass alle Farben zusammenpassen. Es sind wunderbar energetische Bilder, die Raumatmosphäre und seelische Gestimmtheit aufhellen. Gerade in diesen Bildern zeigt sich Gerhard Richters Freiheitsdrang. Nach zwei erlebten diktatorischen Systemen, NS-Zeit und DDR-Sozialismus, ist ihm jegliche Bevormundung furchtbar.
Nach den frühen abstrakten Bildern - zwischen Unschärfe, Konstruktion und landschaftliche Abstraktionen - fokussiert die Ausstellung auf Ausschnitte und Vermalungen, in denen den Richter die "reinen" Grundfarben von ihrem symbolischen Pathos durch Farbmischungen befreit, auf "Detail und Geste".
Noch intensiver
In den 80er Jahren werden die Farbschichtungen noch intensiver, Farben verwischen, verschleifen glatt und schrundig mit reliefartiger Wirkung und versiegeln. In späteren Jahren löst er die Grundfarben in einen energetisch abstrakten Farbpointillismus auf, in dem sich dennoch Fantasielandschaften abzeichnen.
Selbst in den letzten Projekten, den digitalen Abstraktionen von 2015/16, schwingen in neun Meter langen linearen Farbstrukturen Naturmomente mit. Eine besondere Rolle spielt der Werkstoff Glas. Hinter dem Glas beginnt ein eigenständiger Farbprozess durch sich ständig wechselnde Spiegelungen. Am markantesten erlebt rund um das "Kartenhaus", in dessen großen Glasflächen sich aufgrund gegenüberliegenden Fensterfronten Außenbereiche, gleichzeitig ausgestellten Editionen und die Besucher spiegeln.
Eine wunderbare Metapher für den Malprozess, aus der Monochromie des Nichts ein belebtes Spiel flexibler Realitäten zu gestalten. Zu sehen im Barberini Potsdam (Humboldtstraße 5-6) bis 21. Oktober. www.museum-barberini.com













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