Amberg
02.11.2018 - 14:29 Uhr

"Wir alle müssen dagegenhalten": Christian Berkel im Interview

Christian Berkel spielte in zahlreichen Filmproduktionen mit, wurde mit Bambi und Goldener Kamera ausgezeichnet. Nun hat er seinen ersten Roman veröffentlicht, in dem er den jüdischen Wurzeln seiner Familie nachgegangen ist.

Christian Berkel. Bild: Corinna Kern/dpa
Christian Berkel.

Von Andrea Herdegen

In seinem Roman-Debüt „Der Apfelbaum“ erzählt der Schauspieler Christian Berkel ein deutsches Epos. Im Gespräch mit der Kulturredaktion spricht er von der Entstehung dieses Buches, Liebe, Krieg und Antisemitismus.

ONETZ: Ihr Roman erzählt die Geschichte Ihrer Familie. Wie viel davon wussten Sie schon? Und wie viel mussten Sie recherchieren?

Christian Berkel: Es waren circa drei Jahre Recherche-Arbeit. In Archiven, auf Reisen zu Schauplätzen, mit Dokumentationen, die ich geschaut oder gelesen habe. Langsam entstand ein Bild. Die Herkunft, der ganze Weg der Figuren entspricht der Realität. Alles andere ist fiktional.

ONETZ: Wie schwierig war es, dies aufzuschreiben?

Als ich anfing zu schreiben, hatte ich mir vorgestellt, der Teil mit den Hauptfiguren, die ich ja sehr persönlich kenne, wird der einfachere sein. Viel schwieriger hatte ich es mir vorgestellt, die Familiengeschichte in das historische Umfeld einzuweben. Doch es war genau anders herum. Ich musste mich zunächst befreien, um Distanz zu bekommen, um erzählen zu können. Ich wollte ja nicht bloß eine biografische Aneinanderreihung von Ereignissen schaffen.

ONETZ: Das klingt, als hätten Sie mehr über die Zeiten damals recherchiert als über die eigene Familie, um dieses Bild formen zu können.

Auf der historischen Ebene stimmt das sicher. Für die Geschichte meiner Familie brauchte ich nicht so viel Recherche-Arbeit, schon, weil es kaum Material gab.

ONETZ: Hat Ihr Vater Ihnen von seiner Lagerzeit als Kriegsgefangener in Russland erzählt?

Gar nichts hat er erzählt. Nur eine einzige Geschichte. Die ist auch drin im Buch. Über alles andere, den Hunger, den Lager-Alltag, habe ich lange recherchiert. Zu diesem Thema gibt es eine Menge Literatur. Nun musste ich versuchen, das mit meiner Figur Otto in Verbindung zu bringen. Ich wollte nicht nur dokumentarisch schildern, wie das da abgelaufen ist, sondern, wie ein Mensch das tatsächlich erlebt.

ONETZ: Was für ein Mensch ist denn dieser Otto?

Otto ist jemand, der aus sehr einfachen Verhältnissen kommt und sehr früh gelernt hat, sich durchzubeißen. Das, was mich an den beiden Figuren Otto und Sala immer fasziniert hat, ist ihre Unterschiedlichkeit. Viele Menschen haben dieses Bild der idealen Beziehung, in der das Paar gleich fühlt, gleich denkt, die gleichen Dinge mag. Ich halte das nicht für das ideale Rezept einer glücklichen Partnerschaft. Meistens ziehen sich doch die Gegensätze an, ich denke, darauf basieren die tragfähigeren Beziehungen.

ONETZ: Sie haben einmal geschrieben, Sie seien jahrelang vor Ihrer Geschichte davongelaufen. Warum?

Ich erzähle in dem Roman den Initialschock, der den Stein ins Rollen gebracht hat: die Geschichte unterm Apfelbaum, wo ich zum ersten Mal von meinen jüdischen Wurzeln erfahre. Meine Mutter hat da – sicherlich unbewusst – ihr eigenes Trauma weitergereicht.

ONETZ: 2004 haben Sie in „Der Untergang“ einen SS-Arzt gespielt. Ist es nicht unheimlich schwierig, wenn man weiß, dass man selbst jüdischer Abstammung ist?

Für einen Schauspieler ist es oft viel einfacher, Figuren zu spielen, die weit weg von einem sind. Dieses „Dritte Reich” von meiner Perspektive aus zu betrachten, war wahrscheinlich einfacher, als es für jemanden gewesen wäre, dessen Vater oder Großvater in der SS war. Das würde sich wahrscheinlich mit so starken Schuldgefühlen mischen, dass es einem schwerfallen würde, die Distanz zur Figur zu halten.

ONETZ: Was empfinden Sie, wenn Sie hören, dass Juden in Deutschland wieder angefeindet werden?

Ich habe das Gefühl, Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit sind Dinge, die es wahrscheinlich immer gegeben hat. Und die es auch weiterhin geben wird. Es war eine der fast absurden Folgen des Holocausts, dass über Jahrzehnte der Antisemitismus in unserem Land absolut tabu war. Eine Tabuisierung, die auf der einen Seite sicher gut und richtig war, die aber gleichzeitig auch problematisch war: Wenn jemand etwas nicht aussprechen darf, heißt das noch lange nicht, dass er es nicht denkt.

ONETZ: Und jetzt hält dieses Gedankengut wieder Einzug in die Sprache...?

Das ist das eigentlich Erschreckende. Man sollte nicht sagen: Auf einmal ist der Antisemitismus wieder da. Sondern: Auf einmal kann man wieder so reden. In dem Moment, in dem etwas sprachlich akzeptiert wird, in dem nicht mehr widersprochen wird, wird es gefährlich.

ONETZ: Sehen Sie unsere Gesellschaft an diesem Punkt?

Wenn sich jemand fremdenfeindlich, antisemitisch, rassistisch äußern will, ist das – bis zu einem gewissen Punkt – Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses im Bereich der freien Meinungsäußerung. Es wäre nur dringend notwendig, dass ebenso klar der Widerstand dagegen formuliert wird. Dann sind wir in einer Demokratie: Der eine sagt etwas, der andere hält dagegen. Wir alle sind jetzt aufgerufen, mit unserer Sprache dagegenzuhalten.

ONETZ: Sehen Sie da Parallelen zu 1932, zu dem Jahr, in dem die Handlung Ihres Buches beginnt?

Auf jeden Fall. Ich glaube, auch damals ist die Sprache unterschätzt worden. Natürlich geschehen solche Dinge am Anfang immer schleichend. Andererseits: Hitlers Reden waren ja nun wirklich nicht verklausuliert. Und heute sind die Reden von Gauland und ähnlichen Leuten ebenfalls nicht verklausuliert. Sie nutzen – und das ist entscheidend – ihre Fähigkeit, Angst zu instrumentalisieren. Sie können den Leuten, die Angst haben, eine Heimat geben. Programmatisch haben sie nichts zu bieten.

ONETZ: Gibt Ihnen die Liebesgeschichte Ihrer Eltern Kraft für die eigene Ehe mit Schauspiel-Kollegin Andrea Sawatzki, die ja inzwischen auch eine erfolgreiche Roman-Autorin ist?

Auf jeden Fall. Dem entkommen wir so oder so nicht. Wir alle bilden unsere Beziehungen doch nach den Mustern, die wir sehr früh erfahren haben. Ob wir das mit Abgrenzung tun oder in Annäherung, ändert nichts an der Tatsache, dass diese Muster für uns in der einen oder anderen Weise bindend sind. Ich hatte ja vorhin schon gesagt, dass ich glaube, dass Gegensätze uns sehr viel Kraft geben und sehr interessant sein können. Das erlebe ich in unserer Ehe ganz stark. Wir sind sehr verschiedene Menschen.

Im Portrait:

Christian Berkel, geboren am 28. Oktober 1957 in West-Berlin, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er war an vielen nationalen und internationalen Produktionen beteiligt, spielte unter anderem im oscarnominierten Film „Der Untergang“ den SS-Arzt Dr. Schenck, in „Flightplan“ an der Seite von Jodie Foster, in „Operation Walküre“ mit Tom Cruise und in „Inglourious Basterds“ unter der Regie von Quentin Tarantino mit Brad Pitt und Christoph Waltz. In der ZDF-Serie „Der Kriminalist“ spielt er seit 2006 die Hauptrolle des LKA-Hauptkommissars Bruno Schumann. Berkel lebt seit 1997 mit der Schauspielerin Andrea Sawatzki zusammen, im Dezember 2011 haben sie geheiratet. Das Paar hat zwei Söhne und wohnt in Berlin.

Der Roman:

Berlin 1932: Sala und Otto sind dreizehn und siebzehn Jahre alt, als sie sich ineinander verlieben. Er stammt aus der Arbeiterklasse, sie aus einer intellektuellen jüdischen Familie. 1938 muss Sala ihre Heimat verlassen, Otto zieht als Sanitätsarzt in den Krieg. Erst in den 1950er Jahren finden sie sich im Nachkriegs-Berlin wieder. Christian Berkels Familienepos führt über drei Generationen von Berlin über Paris und Moskau bis nach Buenos Aires. Am Ende steht die Geschichte zweier Liebender, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch ihr Leben lang nicht voneinander lassen.

Christian Berkel: „Der Apfelbaum“ (416 Seiten, 22 Euro, erschienen im Ullstein-Verlag).

Die Lesung:

Christian Berkel liest am Freitag, 16. November (20 Uhr), in der Amberger Buchhandlung Rupprecht (Georgenstraße 10) aus seinem aktuellen Roman „Der Apfelbaum“. Karten gibt es telefonisch unter: 09621/973344, in der Buchhandlung und an der Abendkasse.

 
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