02.04.2020 - 16:58 Uhr
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Amberg: Endloses Corona-Testverfahren

Als der Amberger Philipp B. aus dem Urlaub zurückkehrt, hat er Corona-Symptome. Er begibt sich in Quarantäne und lässt sich testen. Auf das schriftliche Ergebnis wartet der 37-Jährige auch nach drei Wochen noch – mit großem Unverständnis.

Philipp B. ist nicht am Coronavirus erkrankt. Dennoch ist der Siemens-Ingenieur gezwungen, im Home Office zu arbeiten – weil er seit Wochen vergeblich auf sein Testergebnis wartet. Das scheint verschwunden zu sein.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

An ein Ski-Wochenende in der Schweiz nahe der italienischen Grenze schloss sich für Philipp B. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) Anfang März ein Sieben-Tage-Trip nach New York an. Als der 37-jährige Amberger zurück war, litt er unter Hals- und Gliederschmerzen, Kurzatmigkeit und einem Schwächegefühl. "Das hat mich beunruhigt, weil ich das so von mir nicht kenne", sagt der gebürtige Duisburger. Weil er befürchtet, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, bittet er seinen Hausarzt um einen Test. Dieser wird ihm zunächst nicht nur verwehrt - das Verfahren zieht sich bis heute über Wochen hin, so dass B. jegliche Geduld verloren hat.

Sein Hausarzt schrieb den Elektroingenieur bei Siemens zwar telefonisch für eine Woche krank. Einen Coronatest lehnte der Mediziner aber zunächst ab, weil beide Urlaubsorte - Schweiz und USA - Anfang März noch nicht auf der Liste der Risikogebiete des Robert-Koch-Instituts (RKI) standen. Als B. eine Woche später, am 16. März, im Home Office zu arbeiten beginnt, geht es ihm gar nicht gut. Der Ingenieur erleidet einen Rückfall.

"Ich hab mich erneut beim Arzt gemeldet. Jetzt konnte er nicht anders, als mich zu testen, weil New York inzwischen zur Risikozone erklärt wurde." Laut B. meldete der Arzt den Fall an das Amberger Gesundheitsamt. "Ich habe drei Tage vergeblich darauf gewartet, dass jemand kommt, um mich zu testen. Als ich beim Gesundheitsamt anrief, wussten die aber von nichts." Die Behörde empfiehlt B. lediglich, sich unter der Hotline 116117 an die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) zu wenden.

Mit Schutzanzug an der Haustür

Erst nach drei weiteren Tagen Wartezeit bekommt der Patient Besuch. Ein Arzt und seine Assistentin mit Brille, Atemmaske und Schutzkittel machen bei dem 37-Jährigen einen Rachenabstrich und schicken die Probe an das private Synlab-Labor in Weiden. "Die Situation war nicht schön. Ich wohne im Mehrfamilienhaus und musste zur Eingangstür runterkommen." B. wird zwischen Tür und Angel untersucht. "Alle Nachbarn haben doof gekuckt und machen seitdem einen Bogen um mich", beschreibt der Siemensianer die unangenehme Begegnung.

Alle Nachbarn haben doof gekuckt und machen seitdem einen Bogen um mich.

Philipp B. (37)

"Ich habe keinerlei Auskunft erhalten, wann, von wem und über welche Weise ich über das Testergebnis informiert werde", klagt der Amberger. B. ruft täglich bei Synlab in Weiden an. Doch das Labor ist völlig überlastet und wimmelt ihn ab. Erst nach sechs Tagen kommt die frohe Kunde: Der Test ist negativ - kein Corona. "Das habe ich aber auch nur auf Nachfrage am Telefon erfahren", kritisiert er die Informationspolitik.

Chaos und keine Informationen

Doch das für den Amberger belastende Wartespiel geht weiter. Denn bis heute hat er keine schriftliche Bestätigung des Tests - nur mit dieser aber kann der Ingenieur zurück an seinen Arbeitsplatz. Das Labor sagte mir, ich soll mich an die KVB wenden. Und die haben mich ans Gesundheitsamt verwiesen." Weder das Synlab-Labor, noch die KVB oder das Gesundheitsamt konnten B. das Testergebnis bestätigen - bis heute.

Der Amberger bleibt gezwungenermaßen vorerst im Home Office, denn: "Bei Siemens in Amberg arbeiten 5000 Leute. Solange ich mein Ergebnis nicht schwarz auf weiß habe, lässt mein Chef mich vermutlich nicht rein. Sollte ich doch infiziert sein und andere anstecken, könnte das ganze Werk stillgelegt werden." B. gibt zu Bedenken: "Wenn jeder Gesunde so lange auf sein Ergebnis warten muss, bricht die Wirtschaft zusammen."

Nicht jeder, der getestet werden will, kann getestet werden.

Dr. Roland Brey, Leiter Gesundheitsamt Amberg-Sulzbach

Dr. Roland Brey, Leiter Gesundheitsamt Amberg-Sulzbach

Auf Nachfrage versucht Roland Brey zu beruhigen. "Dass es zu Verzögerungen bei der Auswertung von Testergebnissen kommt, haben wir nicht zu verantworten", erklärt der Leiter des Gesundheitsamtes in Amberg. Der Medizinaldirektor bittet die Bürger um Verständnis: "Die Testkapazitäten konnten anfangs nicht schnell genug hochgefahren werden. Sie sind noch nicht ausreichend vorhanden und die Labore sind überfüllt." Dies gelte für die gesamte Oberpfalz. Im Fall von Philipp B. habe der Hausarzt richtig gehandelt. "Das RKI zeigt klare fachliche Vorgaben und Prioritäten an. Nicht jeder, der getestet werden will, kann getestet werden."

Kapazitäten werden ausgebaut

Zudem seien die Labore auf zahlreiche Testmaterialien angewiesen: Abstriche, Reagenzien und Personal. Daran fehle es. "Aber die Politik baut das gerade mit Hochdruck aus", informiert Brey. Doch warum weiß keine der beteiligten Stellen darüber Bescheid, wo sich B´s schriftliches Testergebnis befindet? "Die Gesundheitsämter bekommen nur die positiven Ergebnisse", klärt der Medizinaldirektor auf. "Die Stelle, die den Test angefordert hat, müsste auch das Ergebnis haben. Also die KVB." Brey gibt zu, dass dies viele Bürger verwirrt: "Es ist ein Problem, dass wir die negativen Befunde nicht bekommen."

Zumindest künftig dürften die Prozesse klarer geregelt sein, wenn die neuen Testzentren in der Oberpfalz ihren Betrieb aufnehmen. Dann laufen die Tests zentral ab, und nicht mehr über den Hausarzt.

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