23.08.2019 - 17:41 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Grob bearbeitet – Sanfte Formen

Da sitzt er in seinem Atelier und hämmert auf ein Blatt – Reinhard Wöllmer ist Papier-Schmied, und seine Objektreihen gleichen Retro-Dekorationen aus den 50er bis 70er Jahren. Nur eben ästhetisch.

Hypnotisches Farbspiel seiner Tondi: Reinhard Wöllmer stellt in der Stadtgalerie Alte Feuerwache aus. Schatten werfende Kunstobjekte mit feinen Pigmenten zwischen Simultan-Kontrast und der komplementären Divergenz aus Papier.
von Dagmar WilliamsonProfil

Sind es subtil eingearbeitete Kindheitserinnerungen des 1957 in Nürnberg geborenen Künstlers? Man kann nur mutmaßen. Fest steht jedoch, dass seine Werke nicht weit der Tapetenmuster, Etageren oder Tischen mit abgerundeten Kanten liegen. Formen in Groß mit Abstand zur Wand befestigt, ein eingefärbter Hohlraum, der durch Lichteinfluss Schatten wirft und die Wahrnehmung des Werkes verändert. Drei Kilogramm können diese Papier-Kreationen wiegen und wirken dennoch viel schwerer.

Wie Papier entsteht

Reinhard Wöllmer nutzt unter anderem Büttenpapier, geschichtet und geleimt, und schneidet mit ruhiger Hand das Innere heraus. Und wenn er zittert, seine Wunschform dadurch verändert wird? „Dann ist es kaputt und nicht mehr zu gebrauchen“, sagt der Künstler. Was ihm aber nur noch selten passiere. Seit 28 Jahren ver- und bearbeitet er auch eigenständig hergestelltes Papier. Zellulose-Flocken werden, gemischt mit Wasser und wenig Leim, in einem Bottich gerührt, danach gewalzt und in die gewünschte Form gehämmert. Wölbungen entstehen, die es dem Künstler erlauben, ein weiteres Innenleben zu generieren, kaum zu durchschauen und den Betrachter verwundert hinterlassend. Wöllmer lässt behutsam feine Lichtspiele an der Wand entstehen. Ästhetisch und geschmackvoll mit höchstens zwei unterschiedlichen Farben.

Ausdruck des Einfachen

Die Haptik entpuppt sich als weder glatt noch faltig oder scharfkantig. Als ob der Künstler selbst sein ganzes Wesen in diese Objekte hineinarbeitet. Ihm scheint das Reden über seine kunstvollen Tondi vor Publikum doch unangenehm, und er widmet seine Darstellung und Erklärung dessen lieber im Dialog. Radiale Strukturen, eingefärbt in Magenta, schwarze Farbraumreliefs oder lineare Strukturen sind sein Ausdruck von Vereinfachung und lenken den Blick auf das Wesentliche. Diese Formel ist sein Erfolg. Über 30 Einzelausstellungen und doppelt so viele Beteiligungen an Vernissagen von Ansbach bis Berlin, Zürich und Wien kommen nicht von ungefähr.

Wöllmers Arbeiten sind jetzt bis 13. Oktober in der Stadtgalerie Alte Feuerwache in Amberg zu betrachten und zu erwerben.

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