03.03.2019 - 15:51 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Höhepunkte der Sinneswahrnehmung

Die Avantgarde der Auserwählten ist der Grund für eine frappante Ausstellungseröffnung. Der Sparda-Bank-Kunstpreis 2018 ist die Krönung Ostbayerns für junge Kunstschaffende.

Ein neues Zeitalter ist im künstlerischen Bereich eingetreten. Schon vor einer Weile, klar, aber der Prozess ist schleichend, unbemerkt für einen Scheuklappen-Wanderer durch die Gassen einer Stadt – bis dato. Die vier preisgekrönten Künstler bilden die selbsterklärende Avantgarde der Generation Y. So ist es nicht verwunderlich, dass digitale Technologien die Kunstszene aufmischen. Optimiert werden diese allerdings mit traditionellen Mitteln und definieren somit die Grenzen und Parallelen der Kunstwelt inhaltlich neu.

Auf einer amorphen Grundsubstanz basiert „Strassen“ von Lena Schabus. Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart würden die Augen beim Betrachten dieser Matrix übergehen. Ein Werk, wie geschaffen für das Ministerium. Die digitale Bildkomposition ist von einer wahren Fotografie nicht zu unterscheiden. Lediglich die Unmöglichkeit des Seins ist Hinweis auf die exzellente technische Umsetzung. Dass sich eine junge Frau mit Zukunftsthemen wie vernetzte und autonome Fahrzeuge in einer irren und wirren Infrastruktur auseinandersetzt, lässt jeden Schenkelklopfer-Reißer über das weibliche Autofahren verstummen. Zu Recht. Lena Schabus ist ein Paradebeispiel, dass die Rollenverteilung der Geschlechter längst überholt ist.

„Es darf ruhig rotzig sein“, sagt Jonas Beutlhauser. Sein Rotziges ist gar ein Muss, hätte doch etwas gefehlt, wäre sein „Gehschreiber“ von der Jury nicht beachtet worden. Fünf Hühnerköpfe, ergo Hydra, aus dem Offsetdruck erklären das gemeinsame Kacken auf dem Weg zu einem Meeting, das nicht stattfand. Das politische Anprangern oder Verspotten kommt nicht von ungefähr. Mehr Mut dazu fordern diejenigen, die dem Nachplappern etwaiger Kabarettisten müde geworden sind. Ist es doch das Kunsthandwerk, das zum eigenen Denken auffordert. Beutlhauser animiert mit seinen Werken zum Handeln und Hinlangen. Selber blättern und hölzerne Hebel bewegen eines digital erstellten Heimatfilms. Genial umgesetzt ist sein Konzept über die Anführer der Bauernräte, Karl und Ludwig Gandorfer.

Beton, Papier, Epoxidharz, Stahl, Rost und gefärbter Gips sind die verwendeten Materialien des Künstlers Patrick Ostrowsky. Was nach voller Härte und Kälte klingt, erstrahlt dann doch in befremdlicher Wärme, wie bei seinen Werken „onement“, „annähern“, „landschaft“ und „nebeneinander“ klar erkennbar ist. Minimalistisches Gut, fabelhaft arrangiert in einer Gruppe aus vier Teilen bestehend. Den einzigen Hinweis, dass es keine Leinwand ist, geben beim flüchtigen Hinsehen die Ecken und Kanten. Robust und stark, gleichzeitig weich und verletzlich. Widersprüche, die auch den Entstehungsprozess näher erläutern. „Der kontrollierte Zufall ist Mitspieler bei der Bildfindung“, erklärt Ostrowsky.

Textilbeton wird erst seit zehn Jahren im Baugewerbe eingesetzt. Ganz neu und weltweit einzigartig ist hingegen die Entwicklung von Textilstein. Der Erfinder kommt aus Burglengenfeld und ist auch deswegen unwiderruflich die Nummer Eins an diesem Abend. Florian Nörl setzt mit seiner Bildenden Kunst neue Maßstäbe. Hoch und gar schwer zu überholen ragt die zu ermessende Skala seines Schaffens. Zurückhaltend und schüchtern wirkt der Künstler selber. Die Haptik des Textilsteins macht die täuschende Optik begreiflich. Frei von Lösungsmitteln, ungiftig und ohne Kunstharze stellt Nörl seinen Stein her. Teil seiner Arbeit ist auch der Rahmen aus Eschenholz, in dem die Gemälde fest verankert liegen. Sein Geheimnis des Entstehungsprozesses hütet der 29-Jährige und das ist auch gut so. Alleinstellungsmerkmale müssen genutzt werden – seine sind vergleichbar mit der Revolution von Bauhaus. Es ist Design für Lampen, Tische oder gar Fliesen. Chapeau, Florian Nörl!

Und weil eine Vernissage dieses Kalibers ohne musikalische Umrahmung ganz und gar nicht auszudenken wäre, ist stimmgewaltiges Singen und versiertes Klavierspiel der Gruppe Luisa Funkenstein perfekt positioniert. Vergleichbar mit Tori Amos und Kate Bush bleibt der Zuhörer nicht unterfordert. Schwebende Melodien unterstützen die assoziativen Texte. Nach Perfektion soll bekanntlich nicht gestrebt werden, aber im Falle der neunten Preiskrönung und Förderung der Sparda-Bank darf und muss es ausdrücklich erwähnt werden: Diese facettenreiche Ausstellung erreicht eine seltene Vollkommenheit. Bis 31. März können die Werke in der Stadtgalerie Alte Feuerwache in Amberg bewundert, erfühlt und sogar gehört werden.

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