Die deutsch-italienische Band „I Dolci Signori“ erobert die Theaterbühne. Diese Idee entstand gemeinsam mit Stefan Tilch, dem Intendanten des Landestheaters Niederbayern. In der Revue nehmen Musiker und Schauspieler ihre Zuschauer mit auf eine musikalische Reise durch Italien: Klassiker wie „Azzurro“, „Senza una Donna“ oder „Gloria“ werden gekonnt in den Handlungsstrang eingebunden und sorgen für Urlaubsstimmung. Die „Signori“ Rocky Verardo (Gesang), Gianni Carrera (Gesang, Gitarre), Michael Thomas (Schlagzeug), Richie Necker (Gitarre, Mandoline), Uli Zrenner-Wolkenstein (Bass) und Bernd Meyer (Piano, Akkordeon) bekommen auf der Bühne Verstärkung durch die beiden Schauspieler Katharina Wittenbrink als Frauke und Johann Anzenberger in verschiedenen Rollen. Die Kulturredaktion sprach mit dem Regisseur.
ONETZ: Wieviel Wahrheit steckt in "Azzurro"?
Stefan Tilch: Alles ist wahr, ganz echt. Die Verarbeitung aller denkbaren Deutschland-Italien-Klischees basiert auf lebenslanger Beobachtung, Deutschland kenn ich ja schon immer, dann bin ich studierter Italianist und Italien-Fan, und hab auch noch jede Menge Familie in der Basilicata, also ganz im Süden, insofern kenne ich auch süditalienisches Familienleben aus erster Hand. Die Geschichte über Fraukes Heino-Trauma habe ich selbst erlebt, wenn auch in Passau und nicht in Gelsenkirchen: Als Kind war ich ein riesiger Heino-Fan. Als er zu einer Gala angekündigt wurde, kaufte mein Vater Tickets, aber Heino tauchte nie auf. Wir schrieben ihm und es stellte sich heraus, dass er von dem Konzert nichts wusste. Selbst die deutsche Frau, die auf dem Campingplatz beim Kochen dauernd die französische Aussprache ihres Freundes korrigierte, um ihn im gleichen Atemzug um „Zutschini“ und „Brotscholi“ zu bitten, hab ich selbst getroffen. Alles wahr. Nur Giannis Anmachsprüche hab ich gegoogelt.
ONETZ: Hat Rocky seine Gloria im Stich gelassen?
Stefan Tilch: Aus Glorias Perspektive vielleicht, aus seiner sicher nicht. Sagen wir so: Die Beziehung wird von Beginn an als nicht gerade unproblematisch charakterisiert, und innerhalb der Erzählung ändert sich eben der Beziehungsstatus von beiden - vielleicht ist das einfach, was das Leben so macht und muss gar nicht bewertet werden.
ONETZ: Was bildete die Basis beim Schreiben des Stückes? Gibt es Anlehnungen an Adriano Celentano?
Stefan Tilch: Die Basis war ganz klar die Playlist der "Dolci Signori". Sie stellten zuerst die Titel zusammen, die sie sich nach jahrzehntelanger Erfahrung mit dem Repertoire gut für so ein Italo-Pop-Musical vorstellen konnten. Damit hab ich mich beschäftigt, die Lieder für mich übersetzt, verstanden, sortiert und so lange hin- und her und rein und rausgeschoben, bis sich aus und mit ihnen einen musikalisch und dramaturgisch stimmige Abfolge herauskristallisierte. Damit war das Stück quasi fertig. Und: Nein, die Celentano-Filme hab ich nie gesehen, Azzurro aber ist der einzige Song, den ich seit jeher auswendig kann und seine Stimme war die ganze Zeit bei uns.
ONETZ: Worin lagen die Schwierigkeiten bei der Umsetzung? Welche Lösungen wussten Sie anzuwenden?
Stefan Tilch: Das Format ist natürlich in der Umsetzung nicht ohne: sechs Popbandmusiker spielen mit den zwei Schauspielern alle Rollen und jedes Musikstück -gleichzeitig müssen sie ständig die Bühne umbauen, sich umziehen und bei den Choreographien mitwirken. Das Schwierigste war die Entwicklung der Logistik für jeden einzelnen und zwar so, dass wir mit Drive durchspielen können und nicht dauernd quälenden zehn Umbausekunden zusehen müssen.
ONETZ: Wie schafft man es, die Grenze zwischen Klischee und Kitsch nicht zu überschreiten?
Stefan Tilch: Mit einem andauerndem Augenzwinkern, das über dem ganzen Stück liegt. Wir spielen durchgehend mit Klischees und überschreiten bewusst punktuell die Grenze zum Kitsch – aber durch die ironische Spielhaltung empfindet man beides als stilbildend, nicht als unangenehm.
ONETZ: Liegt es in der Natur der Italiener, dass sie gute Schauspieler sind? Ihnen wird nachgesagt, dass sie impulsiv und theatralisch, dramatisch und emotional sind.
Stefan Tilch: Genau (lächelt). Da habe ich ihnen impulsive, theatralische, dramatische und emotionale Rollen geschrieben, lasse sie auch so spielen und schon sitzen wir wieder extrem genüsslich in einem unserer Klischees.
ONETZ: Sie feiern ein Doppeljubiläum in diesem Jahr. 20 Jahre Regie im Landestheater Niederbayern und ihren 50. Geburtstag. In welche Richtung hat sich Ihre Arbeit als Regisseur entwickelt? Sind Sie kritischer oder gelassener? Wieviel Intuition steckt in Ihrer Arbeit?
Stefan Tilch: In vielem bin ich gelassener. Die wichtigste Entwicklung war für mich die wachsende Erkenntnis, dass Theater entgegen dem alten Bild vom genialen Überregisseur eben niemals ein Ego-Projekt sein darf, sondern immer von einem riesigen Team abhängt. Der Gruppe und allen Mitarbeitern zu vertrauen, zuzulassen, dass niemals vorhergesehene Dinge sich entwickeln dürfen, eine Gesamtdynamik zu ermöglichen, die viel größer ist als man selbst, war mir in jüngeren Jahren nicht immer selbstverständlich. Intuition hat einen hohen Anteil, das ist ja letztlich das Vertrauen auf emotionale Prozesse. Mentale Aspekte hat die Arbeit auch immer noch, sie nehmen aber sichtbar über die Jahre ab – nur weil ich etwas im Kopf verstanden und wochenlang ausdiskutiert habe, habe ich noch kein Theater – da funktioniert ja sehr viel jenseits der linken Gehirnhälfte.
„Azzurro“ im Stadttheater Amberg: Donnerstag, 11., und Freitag, 12. Oktober (jeweils 19.30 Uhr). Karten: Tourist-Information Amberg (Hallplatz 2), Telefon 09621/101233, per E-Mail an tourismus[at]amberg[dot]de und Abendkasse.














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