16.08.2018 - 21:24 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Kein Genua in der Oberpfalz

Bei den Katastrophen-Bildern aus Genua reagiert der Brücken-Experte wie der Laie: entsetzt. Wenn es um die Situation in der Oberpfalz geht, hat Hannes Neudam vom Staatlichen Bauamt dagegen interessante Informationen zu bieten.

Die Brücke über der Haidenaab bei Mantel. Die Experten der Staatlichen-Bauamts haben bei ihrer Prüfung erhebliche Mängel festgestellt - und reagiert. Nach dem Einsturz von Genua dürfte nun auch das Verständnis bei vielen Anliegern gestiegen sein, dass das Bauwerk nur mehr einspurig befahrbar ist.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

1100 Brücken in der nördlichen und mittleren Oberpfalz betreut das staatliche Bauamt Amberg-Sulzbach. Eine eigene Abteilung ist mit Prüfung und Sanierung betraut. Natürlich verfolgt deren Leiter Hannes Neudam die Geschehnisse von Genua mit besonderem Interesse.

ONETZ: Herr Neudam, was geht in ihnen als Bauingenieur und Brückenexperte vor, wenn Sie die Bilder aus Genua sehen?

Hannes Neudamm: Als verantwortlichen Brückenbauer nehmen einen solche Bilder natürlich mit. Es ist entsetzlich was dort passiert ist.

ONETZ: Können Sie ausschließen, dass so etwas bei einer Brücke in der Oberpfalz passiert?

Hannes Neudamm: 100 Prozent Sicherheit gibt es nicht. Um einen Vorfall wie in Genua ausschließen zu können, müsste man zudem die genaue Ursache des Unglücks dort kennen. Und bis es so weit ist, wird wohl noch viel Zeit vergehen. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich ein sehr gutes Gewissen habe, was die 1100 Brücken in unserer Zuständigkeit angeht.

ONETZ: Was macht Sie so zuversichtlich?

Hannes Neudam: Es gibt genaue Vorgaben, wenn es um die Prüfung und die Sicherheit unserer Brücken geht. Das bayerische Bauministerium und die zugeordneten Staatlichen Bauämter in Bayern legen großen Wert auf eine gewissenhafte Überwachung der Brücken und sonstigen Ingenieurbauwerke.

ONETZ: Wie sehen diese Vorgaben genau aus?

Hannes Neudam: Das regelt die DIN-Norm 1076. Diese schreibt genau vor, wie häufig Brücken überprüft werden, worauf bei den Prüfungen zu achten ist, wie tief die Prüfungen jeweils gehen müssen - und auch, was zu tun ist, wenn bei den Untersuchungen Mängel gefunden werden. Das kann dann im Extremfall bis zur Sperrung einer Brücke führen.

ONETZ: War das schon einmal nötig?

Hannes Neudam: So etwas ist schon vorgekommen. Ich denke zum Beispiel an die Regenbrücke bei Nittenau. Dort hat die Überprüfung Mängel ergeben, so dass es nötig war, das Bauwerk abzulasten. Dies heißt, dass dort das zulässige Gewicht von normalerweise 40 Tonnen auf bis zuletzt 3,5 Tonnen abgelastet werden musste.

ONETZ: Wie häufig erfolgen Überprüfungen?

Hannes Neudam: Alle sechs Jahre steht eine Hauptprüfung an, bei der tatsächlich jeder Quadratzentimeter des Betons auf Schäden abgeklopft wird. Alle drei Jahre gibt es zusätzlich eine etwas einfachere Prüfung. Dazu kommen halbjährliche Besichtigungen und Befahrungen. Die Ergebnisse werden in einer Datenbank gespeichert, so dass wir immer einen genauen Überblick über die Entwicklung möglicher Schäden haben. Bei Bedarf können zudem die Prüfintervalle verkürzt werden. Bei der Regenbrücke in Nittenau gibt es zum Beispiel vier mal im Jahr statt einmal in sechs Jahren eine Hauptprüfung.

ONETZ: Spiegel-Online hat vor einigen Wochen eine virtuelle Karte zum Zustand der Brücken in Deutschland veröffentlicht. Darin weisen auch Bauten in der Oberpfalz die Note "ungenügend" auf.

Hannes Neudam: Die Benotung ergibt sich aus den Ergebnissen der regelmäßigen Prüfungen. 1,0 bedeute ohne Makel, 4,0 heißt, dass die Brücke gesperrt werden muss. Ungenügend entspricht der Stufe von 3,0 bis 4,0. Allerdings sagt der Wert nicht unbedingt etwas über die Standsicherheit aus, weil auch die Verkehrssicherheit und die Dauerhaftigkeit wichtige Kriterien sind. Ungenügend bedeutet, dass umgehender Handlungsbedarf besteht. Aber das heißt nicht automatisch, dass jede Brücke, an der eine Schutzplanke fehlt, die beim Bau der Brücke noch nicht vorgesehen war, sofort handlungsbedürftig wäre.

ONETZ: Bei Mantel ist eine Brücke über die Haidenaab schon seit Jahren nur einspurig befahrbar. Eine Ampel regelt den Verkehr. Was ist dort schief gelaufen?

Hannes Neudam: Aus meiner Sicht nichts. Die Brücke zeigt, dass unser Sicherheitssystem funktioniert. Bei einer Prüfung wurde festgestellt, dass die recht alte Brücke erhebliche Schäden an der Quervorspannung vorweist. Nach einer statischen Nachrechnung wurde festgestellt, dass die Tragfähigkeit nicht voll gegeben ist. Somit konnten wir eine Lösung umsetzen, so dass die Brücke bis zur Erneuerung sicher weitergenutzt werden kann.

ONETZ: In Italien haben Politiker die Sparvorgaben der EU für den Einsturz verantwortlich gemacht. Auch in Deutschland war lange von Sanierungsstau bei der öffentlichen Infrastruktur die Rede. Ist es denkbar, dass fehlendes Geld die Sicherheit gefährdet?

Hannes Neudam: Hier kann ich klar mit „Nein“ Antworten. Wenn an einer Brücke ein Mangel festgestellt wurde, wird auch gehandelt. Wenn Mittel knapp sind, muss eben eine weniger wichtige Straßenbaumaßnahme warten. Schlimmstenfalls muss eine Brücke gesperrt werden. Dass auf einen Mangel nicht reagiert wird, weil das Geld fehlt, kann bei uns nicht vorkommen.

Hannes Neudam leitet beim Staatlichen-Bauamt die Abteilung, die sich um die Prüfung und Sanierung der Brücken kümmert.

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