29.10.2019 - 15:10 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Kosmos des Körpers

Medizinische Fachzeitschriften sind ihr nicht fremd. Im Gegenteil: Seit über 30 Jahren arbeitet Michaela Biet als Epithetikerin in Nürnberg. Die Künstlerin zeigt jetzt auch in Amberg Mikro-Organismen im Makro-Format.

von Dagmar WilliamsonProfil

Sie heißen Shigellen, Neisseria oder Streptococcus. Viren, Erreger und Bakterien, die die Künstlerin einfach als "Lebensform" bezeichnet. "Faszinierend, wie klein, unsichtbar diese Mikro-Organismen in unserem Körper auch eine große zerstörerische Kraft haben", sagt Michaela Biet. Sie bringt die Guten und Bösen ganz groß raus. Eine Skulptur kann bis zu 500 Kilogramm wiegen. Mit Hilfe eines Portalkrans und eines Steinmetzes konnten die schweren Geschütze in die Galerie Alte Feuerwache in Amberg aufgefahren werden. Jura-Kalkstein mit Eisen verwendet die Künstlerin vorzugsweise, damit sie aus einem Block naturgetreue Viren und Bakterien darstellen kann. Dabei bleibt die Oberfläche rau und Elemente wie Spitzen ragen aus der gerundeten Form.

Auch Plankton dient der Bildhauerin als Inspiration. Mikro-Organismen aus dem Meer, die im Großformat auch den Erregern im menschlichen Körper ähneln. In einem Museum für alte Kulturen entdeckte Michaela Biet ihr Interesse an schwarzem Ton. Sie war beeindruckt von den archaischen Formen. Wieder zurück in der Heimat begann sie, ihre etwa 15 Kilogramm schweren Skulpturen zu brennen.

Artemis, Stern, Knochen oder Kosmos sind die auserwählten Titel. Im Mittelpunkt ihrer detaillierten, aber groben Arbeiten steht immer das Leben mit all seinen organischen Formen. Der gesellschaftliche Mehrwert ihrer Werke ist unumstritten. Ihre plastischen Fertigkeiten perfektioniert sie auch in einem Labor: Für Unfallopfer und Tumorpatienten formt Michaela Biet perfekt gestaltete Nachbildungen von Körperteilen.

Seit 1985 ist sie freischaffende Künstlerin. Europaweite Ausstellungen, viele Kunstwerke im öffentlichen Raum und etwaige Kunstpreise gehören zu ihrer Vita. Die Künstlerin selbst ist ruhig und zurückhaltend. Und auch den Vergleich ihrer Werke mit phallischen Symbolen und Brüsten nimmt sie gelassen. Ein Beweis dafür, dass sich die Oberflächlichkeit vieler Betrachter erst nach Erklärung der Kunst beschämend zurückzieht und den Ernst der Dinge erkennen lässt.

Keine musikalische Untermalung ihrer Vernissage, kein Laudator, der sie lobgesanglich hoch leben lässt. Michaela Biet ist anders. Sie befindet sich bei der Eröffnung von "Eisen. Steine. Erden." mitten im Gespräch mit ihren Gästen und sorgt nach anfänglicher Verwirrung ohne großes Gedöns für strukturierte Klarheit und Bewunderung. Michaela Biets schwere Mikro-Organismen im Makro-Format sind noch bis 1. Dezember in der Stadtgalerie Alte Feuerwache in Amberg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag (11 - 16 Uhr), Samstag und Sonntag (11 - 17 Uhr).

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