15.11.2019 - 09:06 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Der Mann im Mini-Rock oder: Die Sache mit der Toleranz

Ein Rentner, der gern Mini-Rock trägt - es war vorhersehbar, dass sich Zeitungsleser darüber beschweren. Im Netz, auf Facebook, tat sich hingegen Überraschendes.

In Wildenreuth lebt ein Rentner (66), dem das Tragen von Mini-Röcken und Frauenschuhen gefällt.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Der Bericht ("Oben bin ich Mann, unten Frau") der Kollegin war am vergangenen Montag im Blatt und im Onetz zu lesen. Nur wenige Stunden nach Erscheinen klingelte mehrmals das Leseranwalt-Telefon. Tenor der Beschwerden: So etwas wolle man in der Zeitung nicht lesen, solche Artikel seien ein Grund, sie abzubestellen. Und: Wen interessiere schon ein 66-Jähriger, der im Mini-Rock durch den Ort laufe?

Offensichtlich interessierte das dann doch viele: Die Geschichte des Wildenreuthers war im Onetz und in unseren sozialen Netzwerken mit riesigem Abstand der meistgelesene Artikel (das können wir übrigens messen). Was sicher nicht gleichbedeutend damit ist, dass er den Geschmack des Publikums getroffen haben könnte. Aber er fand erwiesenermaßen große Beachtung.

Zum Bericht

Wildenreuth bei Erbendorf

Gehört "nicht in die Zeitung"

In einer Mail an mich äußerte sich ein Leser folgendermaßen: "Im ersten Moment habe ich gedacht, dass dieser Artikel (...) ein Faschingsscherz ist. Aber dem ist anscheinend leider nicht so. Es gäbe an einem Montag bestimmt wichtigere Nachrichten, als eine halbe Seite über den Hr. (...) und seine Marotte zu berichten. Der Mann gehört zum Arzt und nicht in die Zeitung. Demenz und Alzheimer lassen grüßen. Und der Verfasser dieses Artikels sollte ihn begleiten."

Ich sag mal so: Seine Meinung hätte der Leser netter formulieren können. Gerne wiederhole ich als Entgegnung, was ich auf der Leseranwalt-Seite schon öfter hervorgehoben habe: Ob eine Berichterstattung unter der Gürtellinie oder unangebracht ist, ist meist eine individuelle Einschätzung. In einer Zeitung stehen mitunter Dinge, die uns nicht gefallen (müssen), die wir aber als Leser "ertragen" können sollten. Wenn ich das nicht kann, muss ich den Artikel ja nicht lesen, kann ich ihn schlicht überblättern. Hört sich jetzt sehr banal an, ist aber eine Möglichkeit. Wenn mir das TV-Programm nicht gefällt, schalte ich ja auch einfach um oder aus. Aber verzichte ich künftig auf den Fernseher und räume ihn weg? Wohl eher nicht.

Journalistisch gesehen ist an dem Artikel nichts zu beanstanden. Bei aller Kritik sollte man vielleicht nicht vergessen: Der Rentner, über den die Kollegin geschrieben hat, ist ein Mensch. Man könnte seiner Entscheidung, sich zu outen und an die Öffentlichkeit zu gehen, auch einen gewissen Respekt zollen und den Mann nicht ab- oder bewerten. Einfach ein kleines bisschen Toleranz an den Tag legen. Andere Überzeugungen gelten lassen, andere Menschen gewähren lassen, ihre Handlungsweisen akzeptieren. Zumal dieser Rentner, wie jemand auf Facebook angemerkt hat, niemandem weh tut. Er war nur ziemlich mutig - und sich wohl bewusst, welche Konsequenzen er unter Umständen in Kauf nehmen muss.

Stichwort Facebook. Dort gab es diesmal überwiegend positive Reaktionen. Vor allem von Frauen. Hier einige Stimmen (in Auszügen):

"Und? Er steht wenigstens zu sich selbst und wenn er sich damit wohlfühlt, warum nicht?! Gibt Schlimmeres als Röcke tragende Männer (...). In unserer Zeit ist wenigstens alles möglich, was dass Äußere betrifft, und sexuelle Orientierung kann man sich halt auch nicht aussuchen."

"Gut so, jeder sollte sich so anziehen dürfen, wie er/sie möchte."

"So schlimm ist das jetzt nicht. Frauen tragen immerhin ja auch Hosen."

"Man muss es nicht verstehen. Aber wenn es ihn glücklich macht. Hut ab vor seiner Frau. Ich würde mich schwer tun, wenn mein Mann sich entschließen würde, Rock zu tragen."

"Leben und leben lassen! Wenn er sich dabei wohlfühlt, ist das ganz alleine seine Sache. Auf andere Leute zeigen und lästern, da sind sie alle ganz groß."

"Man kann einen Menschen, egal ob Mann oder Frau, nicht auf seine Kleidung reduzieren."

"Ich finde es super, dass er anzieht, was ihm gefällt. Warum sollte man sich sein Leben lang verstecken oder nicht ausleben, was einen glücklich macht. Nur weil andere damit ein Problem haben? Da sollten sich diejenigen, die sich daran stören, was jemand trägt, lieber mal in Therapie begeben. Da stimmt dann nämlich was nicht, wenn man keine anderen Vorlieben akzeptiert und immer nur mit dem Strom schwimmt. Leute, seid doch mal offen für Veränderungen. Und seine Kinder sollten sich schämen. Nicht für ihren Vater, sondern für ihr intolerantes Verhalten."

"Das ist Mut, zu tun, was einem gefällt und drauf zu pfeifen, was andere denken. Respekt, er schadet doch niemandem damit."

"Verstaubt-spießige" Gesellschaft

Auch Männer beteiligten sich auf unser Onetz-Facebook-Seite an der Diskussion. Einer schrieb: "Ein Mann mit Minirock - na und? Wenn es ihm gefällt. Abartig finde ich lediglich jeglichen Kommentar, in dem sich darüber abfällig geäußert wird. Wir leben im Jahr 2019. Die Gesellschaft ist heutzutage so verstaubt-spießig wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Ich dachte, die Zeiten wären vorbei."

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