04.03.2019 - 12:12 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Nie wieder Rosenkrieg!

Auftragsmörder und Gemetzel: Shakespeares "König Richard III" sorgt für düstere Atmosphäre im Amberger Stadttheater. Eine zwar teils langatmige, aber trotzdem gelungene Zeitreise.

Wer sich König Richard III. widmet, weiß, dass er keine Gute-Nacht-Geschichte zu erwarten hat. Auch das Drama von Shakespeare, das einhundert Jahre nach den geschichtlichen Ereignissen geschrieben wurde, erzählt detailliert über die innere Hässlichkeit des gefürchteten Throndiebes. Ein Scheusal, in Widerwärtigkeit nicht zu übertreffen, das Ekelpaket, das man nicht einmal mit der Kneifzange anfassen möchte: Max Tidof übernimmt diese schmierige Rolle in dem dreistündigen Stück unter der Regie von Manfred Langner.

Im Stadttheater Amberg wird es düster. Der unlängst prophezeite Untergang der Zivilisation ist deutlich erkennbar. Das Bühnenbild bestehend aus bröckelndem Gemäuer, Ghetto-Tonne zum Wärmen und im Hintergrund das Bildnis kaputter Strommasten. Etwas Steam-Punk-Mode ohne Maschinerie, der obligatorische politische Anzug, Turnschuhe und Krönchen markieren die Vermischung unterschiedlicher Zeitalter – gekonnt wohl gemerkt. Grund dafür soll die Aktualität der Epoche der Rosenkriege im Mittelalter sein. Zumindest ist das die Intention dieser Inszenierung. Henker, die IS-Kämpfer anmuten oder Richard, der beim Aussteigen aus der Badewanne einen riesigen Penis als Anspielung auf Trump, Putin oder Erdogan präsentiert.

Es geht auch gleich zur Sache: hier rollt ein Kopf und dort wird er in der Aktentasche präsentiert, Kinder bleiben vor dem grausamen Gemetzel nicht verschont, Intrigen und Spott. Max Tidof blüht in seiner Rolle wahrlich auf. Agil, zwar hinkend, gestikuliert er sich teuflisch von Szene zu Szene, inklusive Artikulationsschwierigkeiten. Für das ungeübte Ohr des Mittelalter-Jargons führt Tidofs Genuschel zum Stirnrunzeln. Weniger anstrengend hingegen für Schauspieler und Publikum ist die moderne Sprache, egal ob Englisch oder Deutsch.

Auftragsmörder spielen Schnick-Schnack-Schnuck, Ritter Catesby (Martin Böhnlein) drückt blasphemisch seine Zigarette im Weihrauchbehälter aus und Ratcliff (Marcus Born) pfeift beim Morden „Somewhere over the rainbow“ oder das Mundharmonika-Stück aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ - wie treffend. Hervorragend übernimmt Darsteller Christoph Bangerter seinen Part als Vetter Buckingham. Ob fürchtend oder feige, listig oder seiner Fehler bekennend – er scheint die Schlüsselposition unter den 22 unterschiedlichen Charakteren zu übernehmen. Immer interagierend und auf seine Kollegen reagierend. Wie tragisch, als auch er zum Opfer des Machthungrigen wird.

Lethargisch hingegen wirkt Kim Zarah Langner in der Rolle der Prinzessin Anne, gekleidet im kleinen Schwarzen. Zwar bespuckt sie Richard als dieser um sie wirbt, aber ihre Empörung über den Tod ihres Gatten Edward hält sich in Grenzen und ist sehr unglaubwürdig. Auch in Zeiten der weiblichen Unterordnung im Mittelalter. Schade. Stumm, also ohne zugewiesenem Text, ist die junge Lady Elizabeth, gespielt von Antonia Döring. Dafür versprüht sie in einer der letzten Szenen die Angst einer Geschändeten, deren Mutter mit Richard um ihre Heirat feilscht. Endlich naht das Ende. Die berühmten Wörter fallen. „Ein Pferd! Ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!“ Die Warnungen, Graf Heinrich von Richmond (Reinhold Weiser), sei im Anmarsch, scheinen Richard jedoch nicht zu entmutigen. Zum (ent-)krönenden Abschluss kommt der Heiland auf das Eiland und stürzt nach lang ersehntem Warten den mittlerweile psychotischen König mit zwei Degen in die Brust. Erleichterung.

Für einen Zuschauer, der seit Jahrzehnten vor Krieg bewahrt wurde, sind die Parallelen zum heutigen Zustand im nahen Osten nur bedingt erkennbar, vor allem wenn dieser der Einführung des Stückes fern blieb. Dennoch ist das, teils langatmige, Theaterstück in seiner Zeitreise gelungen. Erdrückend ist die Bösartigkeit. Gar erschütternd, wie viel Unterstützung ein machtgieriger Mensch durch Lügen in seinen loyalen Helfern findet. Auch das muss Kunst können. Das menschlich gebliebene Herz möchte schreien: Nie wieder Rosenkrieg.

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