27.09.2018 - 18:36 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Stirbt langsam: Der Niedergang der Oberpfälzer Videothek

Bald schließt die letzte Videothek Ambergs. Der Untergang der Branche scheint unaufhaltsam. Die letzten in der Region verbleibenden Betreiber sehen das genauso, wollen aber nicht aufgeben - egal wie verzweifelt die Lage ist.

von Julian Trager Kontakt Profil

Drei Jahre, drei mickrige Jahre. Wolfgang Hauser ballt die linke Hand zur Faust, schlägt auf den Tisch und sagt: "Ich hab gemeint, ich erleb hier drin noch meine Rente. Aber die Neuzeit hat mich überholt." Hauser, 62, betreibt den Laden "Videogigant", die letzte Videothek Ambergs. Bald ist aber Schluss, spätestens Ende Oktober möchte er schließen. Bis dahin will er alle Filme, die in den Regalen hinter ihm parken, verkauft haben - "sonst muss ich sie herschenken oder wegschmeißen".

So weit ist es schon gekommen. Das Videothekensterben in Deutschland ist nicht zu stoppen. Bundesweit gibt es nur noch etwa 600 Läden, vor 30 Jahren waren es rund 9000. "Ich sehe keine Zukunft mehr für Videotheken", sagt Hauser, "letztlich geht alles übers Internet." Das Netz, der Totengräber der Branche - seitdem jeder bequem über Netflix oder Amazon Filme schauen kann, geht fast keiner mehr in ein Geschäft, das Filme verleiht. "Die Umsätze sind nicht mehr da, es ist nicht mehr kostendeckend", sagt Hauser.

Als der Schwandorfer im Oktober 1988 die Videothek in Amberg eröffnete, war alles anders. "Das waren die goldenen Zeiten", erzählt der 62-Jährige. In Amberg habe es zeitweise fünf Videotheken gegeben. "Jeder hat gut gelebt." Die Läden entwickelten sich zu Treffpunkten. "Ein bisserl mit den Leuten reden, ein kleiner Schwatz", schwärmt Hauser. An diesem Donnerstagnachmittag betreten mehr Paketboten den Laden als Kunden. Denen rutscht gerade mal ein leises Servus raus, dann verschwinden sie in der Erotik-Ecke.

Erotik geht noch immer

"Ich kann mir inzwischen kaum vorstellen, ohne Erotikverleih und -verkauf auszukommen", sagt Andreas Karl, 62, Betreiber von "Mega-Movie", der letzten Videothek in Regensburg. Die sollte vor kurzem auch schließen - die Miete war zu hoch, am alten Standort hätte sein Laden nicht überleben können. Dank eines Stammkunden hat er nun einen neuen, günstigeren gefunden. Die Videothek überlebt, fürs erste. Karl glaubt nicht, dass sie eine lange Zukunft hat. Ein paar Jahre will er aber noch durchhalten. Es ist sein Traum, schon lange wollte er eine eigene Videothek besitzen. Seit er 20 Jahre alt ist, arbeitet er in dem Geschäft, seit März 2017 gehört es ihm. Und so schnell will er es nicht wieder hergeben. Der Regensburger setzt auf seine Stammkundschaft und auf ältere Menschen, die mit dem digitalen Filmverleih nichts anfangen können. Und auf Erotik. "Wir machen gut 35 bis 40 Prozent vom Umsatz mit Erotik", sagt Karl. Die neue Erwachsenen-Abteilung soll größer werden.

Fast nichts mehr geht in den Videotheken in Waldsassen und Mitterteich. Die Besitzerin, die nicht mit Namen in der Zeitung stehen will, sagt: "Ich bin glücklich, wenn am Tag zwei, drei Kunden kommen. Oft hast nicht mal die." Sie macht trotzdem weiter. "Weil's Spaß macht."

Erst vor vier Jahren eröffnete in Weiden eine Videothek neu. Nicht ohne Risiko, findet Besitzerin Helga Lindner. "Wir haben's halt probiert", sagt die 67-Jährige, die sich mit dem Laden "Planet Video" ein bisschen was zur Rente dazu verdienen möchte. Ihre Videothek ist klein und anders. "Die ganz großen rentieren sich nicht mehr", sagt Lindner, die früher jahrelang eine in Tirschenreuth hatte. Nun zieht sie es im kleinen Rahmen auf. Sie und ihr Team suchen die Nische. Neben dem Verleih verkauft sie Sammlerstücke. Figuren, ältere Filme und B-Movies, die man im Internet nur schwer findet. "Wir sprechen ein bestimmtes Publikum an", sagt Mitarbeiter Thomas Häckl. Auch der Laden unterscheidet sich von klassischen Videotheken. Musik dröhnt aus den Boxen wie in einer hippen Bar. Überall stehen Filmfiguren, in einer Ecke wacht der Terminator in Lebensgröße, das Maschinengewehr auf die Theke gerichtet. "Planet Video" ist übrigens nicht die einzige Videothek in Weiden, auch der "Videostore" hält sich tapfer.

"Da steckt Herzblut drin"

Im Kreis Schwandorf ist eine Videothek übrig geblieben: "Movie Rent". Die existiertet seit 1982, vor gut zwölf Jahren hat sie Markus Stephan von seinem Vater übernommen. Im Juni hat der Schwandorfer begonnen, das Konzept zu ändern. "Das, was die Videotheken lange gemacht haben, funktioniert nicht mehr", sagt der 49-Jährige. "Die klassische Videothek ist tot." Stephan verleiht nur noch Neuheiten. Alles, was älter als sechs Monate ist, kommt in den Abverkauf. "Ältere Filme werden ja bei Netflix verramscht." Die ganz neuen aber, die müssten auch im Netz extra gebucht werden - meist teurer als in einer Videothek.

"Das ist auf jeden Fall eine Chance", findet der 49-Jährige. Aber allein davon leben könne man nicht. "Unser Hauptstand ist der Verkauf. Aber reich wirst auch damit nicht mehr." Warum er noch nicht aufgegeben hat? "Das ist ein Familienunternehmen, da steckt unser Herzblut drin." Das neue Konzept stimmt ihn optimistisch, auch wenn es nicht leicht wird. Stephan sagt: "So lange es irgendwie geht, mache ich weiter."

Hintergrund:

Zahlen des Niedergangs: Nach dem Mauerfall 1989 gab es mehr als 9000 Videotheken in Deutschland, zur Jahrtausendwende waren es noch gut die Hälfte. Das teilt Jörg Weinrich vom Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) mit. Ende 2017 zählt der IVD nur noch 601 Videotheken, 99 davon in Bayern. (jut)

Angemerkt: Trotzige Relikte:

Von Frank Stüdemann

In Zeiten, in denen dank Netflix oder Prime Video jeder Film jederzeit verfügbar ist, muten Videotheken wie Relikte aus der Urzeit an. Dabei war früher ihr beschränktes Angebot ja genau der Reiz: Wie groß war die Freude, wenn bei der heißersehnten Neuerscheinung am Regal noch der farbige Anhänger baumelte – der Film war auf Lager, und der Abend war gerettet! Heute wird man vom Angebot bei Streamingdiensten und in TV-Mediatheken geradezu erschlagen. Umso schöner, dass sich ein paar Videotheken den modernen Zeiten verweigern und einfach nicht zusperren. Denn: Es braucht ja nur mal länger das Internet auszufallen, schon stehen die Leute hier wieder Schlange.

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