14.06.2019 - 13:51 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Vorsicht bei Fotos von Kindern

Einer unserer freien Berichterstatter ist auf eine Herausforderung gestoßen, die für ihn neu sei: Dürfen Bilder von Kindern auf öffentlichen Kita-Festen in der Zeitung veröffentlicht werden, obwohl die Eltern das nicht wünschen?

Eine pädagogische Fachkraft liest in einer Kindertagesstätte Mädchen und Buben aus einem Buch vor. In manchen Fällen empfiehlt es sich, Kinder von hinten und nicht identifizierbar zu fotografieren. Rückenansichten sind nicht schön, aber taugen zumindest als Notlösung.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Was wiegt schwerer, fragt sich der Mitarbeiter: der Wunsch der Eltern oder die öffentliche Veranstaltung? Der Mann, im Hauptberuf Lehrer und nebenbei für unser Haus als Reporter unterwegs, war gebeten worden, die Berichterstattung für das Fest zu übernehmen. Danach schrieb er mir: "Weil ich als Lehrer um die grundsätzliche Problematik der Veröffentlichung von Fotos weiß, habe ich der Kindertagesstätten-Leitung den Bericht und eine Auswahl an Bildern mit der Bitte um Prüfung geschickt. Es stellte sich heraus, dass auf jedem Bild mindestens ein Kind ist, dessen Eltern die Veröffentlichung von Fotos nicht wünschen. Zur Info: Von ca. 50 Kindern dürfen ca. 3 bis 5 nicht öffentlich abgebildet werden."

Nachdenklicher Mitarbeiter

Natürlich sei das Recht der Eltern am Bild ihrer Kinder zu respektieren, weiß der Mitarbeiter. Andererseits, so seine Überlegung, sei ein Kita-Fest an die Öffentlichkeit gerichtet. "Die Kinder haben bei dem Fest mehrere Aufführungen gezeigt, mit dem Ziel, das Gelernte der Öffentlichkeit zu präsentieren. Eltern und andere Besucher stehen mit dem Smartphone filmend und fotografierend um die Kinder herum. Wohin das Filmmaterial gelangen kann, ist bekannt."

Die Kita-Leitung habe als eine mögliche Variante vorgeschlagen, das Kind zu verpixeln, berichtete der Mitarbeiter. Was ihm nicht behagt: "Dies lehne ich jedoch aus zwei Gründen ab. Zunächst einmal passen verpixelte Bilder nicht in den Lokalteil einer regionalen Zeitung. Wichtiger erscheint mir aber, dass ein Teil der Leser das Kind trotz Verpixelung identifizieren kann, weil sie zum Beispiel selbst auf der Veranstaltung waren und ähnliche Bilder gemacht haben. Die Folgen für das verpixelte Kind wären unverantwortlich (Häme, Ausgrenzung)."

Was tun?

Der Berichterstatter kündigte an, er werde nun versuchen, Bilder von Kindern zu bekommen, deren Eltern mit einer Veröffentlichung einverstanden sind. "Wahrscheinlich kann dadurch nur ein kleiner Ausschnitt der Aufführung gezeigt werden", bedauerte er. Er persönlich fände das Gruppenbild mit möglichst vielen Kindern am besten - "auch um möglichst vielen Eltern gerecht zu werden". Von mir als Leseranwalt wollte der freie Mitarbeiter am Ende wissen, "welche Konsequenzen es für wen" haben könnte, wenn ein Bild gegen den ausdrücklichen Willen von Eltern veröffentlicht wird?

Eines muss jedem klar sein: Das ungenehmigte Zeigen und Verbreiten von Kinderfotos verletzt das Persönlichkeitsrecht. Das haben natürlich auch Kinder. Um möglichen juristischen Auseinandersetzungen von vornherein aus dem Weg zu gehen, ist es immer ratsam, die Veröffentlichung von Fotos durch eine schriftliche Einwilligung abzusichern. Dies gilt insbesondere bei Minderjährigen. Schulen und Kindergärten, das zeigt sich in der täglichen Praxis der Redaktionen, holen solche Erklärungen in der Regel von den Eltern ein. Vorsicht geboten ist, wenn Eltern getrennt leben oder geschieden sind. Es ist bereits passiert, dass die Mutter zum Beispiel kein Problem mit der Veröffentlichung eines Bildes mit ihrem Kind hatte, der Vater hingegen schon. Eine ungenehmigte Veröffentlichung und Verbreitung kann nicht nur zivilrechtliche, sondern unter Umständen auch strafrechtliche Folgen haben.

Kinderfotos im Internet

Es ist noch nicht lange her, da hatte Thomas Webel, unser Leitender Redakteur für Digitales, die Problematik von Kinderfotos im Internet erläutert. Zum einen gebe es Eltern, die selbst Fotos ihrer Kinder ohne Bedenken in sozialen Netzwerken posten. Auf der anderen Seite sind nicht wenige Eltern überhaupt nicht damit einverstanden, dass Fotos ihrer Kinder im Internet zu sehen sind. Denn: Das Netz vergisst nichts.

"Deswegen gehen wir im Onetz sensibel mit Kinderfotos um", versicherte Webel. Klassenbilder zum Schuljahresanfang gehen nicht mehr online. Bei Berichten von Veranstaltungen wird darauf geachtet, dass die Kinder nur von hinten zu sehen sind oder die Einverständniserklärungen der Eltern vorliegen. "Bilder von spärlich bekleideten Kindern, zum Beispiel aus dem Freibad, zeigen wir gar nicht mehr", betonte Webel. Leider gebe es ja Leute, die das Netz bewusst nach Fotos von nackten oder spärlich bekleideten Kindern durchforsten. Hintergrund

So hat der Presserat entschieden:

Eltern hätten einwilligen müssen

In einer Regionalzeitung erscheint ein Bericht unter der Überschrift „Kindergarten schrammt an der Katastrophe vorbei“. Tags zuvor hatte die Zeitung – am Tag des Brandes – online unter der Überschrift „Nach der Feuerwehrübung brennt es im Kindergarten tatsächlich“ über das Ereignis berichtet. Was war geschehen?

Am Vormittag findet ein Fest statt, zu dem der Kindergarten auch die Feuerwehr zu einer Übungsvorführung eingeladen hat. Am Nachmittag brennt es tatsächlich im Kindergarten. Ein Grill im Garten hatte Feuer gefangen. Die Regionalzeitung veröffentlicht auch ein Foto der Kinder. Es zeigt, wie sie vor dem Kindergarten am Sammelpunkt auf ihre Eltern warten. Eine Mutter beschwert sich beim Presserat. Die Zeitung habe online über den Brand mit Foto berichtet, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal alle Eltern informiert gewesen seien. Zudem sollen weder Erzieher noch Eltern ihr Einverständnis zur Veröffentlichung des Fotos gegeben haben.

Der Chefredakteur der Zeitung ist der Meinung, dass die Berichterstattung vollkommen korrekt gewesen sei. Autor und Fotograf hätten die Anonymität der Kinder gewahrt und nicht unangemessen sensationell über das Ereignis berichtet. Vielmehr habe die Zeitung die besonderen Umstände einfühlsam und rücksichtsvoll dargestellt. Die Redaktion habe in mehreren Mails an die Beschwerdeführerin versucht, ihre Entscheidung zu erläutern. Zuletzt habe man auch bei ihr ein gewisses Verständnis festgestellt.

Der Beschwerdeausschuss des Presserats sieht einen Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) in Verbindung mit der Richtlinie 8.3 (Kinder und Jugendliche). Er spricht einen Hinweis aus. Der Ausschuss ist einstimmig der Meinung, dass – auch wenn ein Brand in einem Kindergarten auf lokaler Ebene ein Ereignis der Zeitgeschichte sein kann – es einer Einwilligung der dazu Berechtigten bedarf, wenn Kinder abgebildet werden. Ein Foto von hinten, das keines der Kinder identifizierbar dargestellt hätte, wäre zulässig gewesen. Der Zeitpunkt der Online-Veröffentlichung wird als ungünstig empfunden. Die Redaktion hätte warten müssen, bis alle Eltern informiert gewesen wären.

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