14.06.2019 - 16:08 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

VW überbietet sich bei Rückkauf-Aktion

Nach dem Diesel-Skandal will VW eine weitere Kuh vom Eis bringen: Der Wolfsburger Konzern verkaufte Fahrzeuge, die zu Testzwecken gebaut wurden. Die Rückrufaktion 01c5 betrifft auch Kunden in der Oberpfalz.

Die Ambergerin Doris Maget vor ihrem VW Passat, Limousine Blue Motion, Baujahr 2009. In drei Etappen steigerte der Konzern sein Rückkaufangebot von 8500 auf 16 200 Euro.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ende vergangenes Jahr flatterte Doris Maget ein Brief des Kraftfahrt-Bundesamtes ins Haus: "Ich soll meinen VW Passat, Limousine Blue Motion, Baujahr 2009, an VW zurückgeben", wundert sich die Ambergerin. "Das Auto hat zehn Jahre einwandfrei funktioniert und plötzlich stellt man fest, dass Vorserienteile verbaut wurden, die nicht dokumentiert sind." Die kaufmännische Angestellte ist verunsichert. "Besteht ein Risiko?", fragt sie sich. Genauere Auskünfte erhält sie nicht. "Welche Teile das sind, könne man nicht mehr nachvollziehen", erfährt sie. "Die Fahrzeuge werden zurückgekauft und anschließend zertifiziert verschrottet." Klingt bedrohlich.

Sonderteam Rücktritte

Dann die erste Kontaktaufnahme eines VW-"Sonderteams Rücktritte": "Man hat mir 8500 Euro für den Wagen angeboten", erzählt sie. "Ungesehen, der Kilometerstand reichte." Das Fahrzeug hat immerhin 187 000 Kilometer auf dem Buckel. Maget lässt sich das Angebot durch den Kopf gehen. Großzügigkeit ist man von VW im Dieselskandal eher nicht gewöhnt. "Ich fragte mich, was dahinterstecken könnte", sagt die Oberpfälzerin und recherchiert im Internet. Auf dem Forum Motor-talk.de berichten Betroffene von ihren Erfahrungen.

Außerdem wirbt die Rechtsanwaltsgesellschaft Dr. Stoll & Sauer mit kostenloser Erstberatung und einschlägiger Erfahrung: "Wir sind bereits beauftragt, Ansprüche gegen VW geltend zu machen. Es handelt sich um einen weiteren Skandal. VW hat die Kunden offensichtlich getäuscht. Dies muss VW nunmehr ausbaden. Geschädigte sollten sich anwaltliche Hilfe holen, damit sie nicht übervorteilt werden." Maget ist unsicher, welche Kosten auf sie zukommen könnten, zögert, der Kanzlei ein Mandat zu erteilen. "

Vor meinem TÜV-Termin hat mich VW erneut angerufen und ein neues Angebot unterbreitet", sagt sie. Jetzt will das Unternehmen 10 399,50 Euro bezahlen. Wieder zögert die Kundin: "Mir kommt das spanisch vor, dass man mir mehr als den Schätzwert von 7500 Euro anbot." Und zuwarten scheint sich zu lohnen: "Ein dritter Anrufer schlägt 16 200 Euro vor - ein Maximalangebot, sagte er mir."

Der VW-interne Bieterwettbewerb lässt ahnen, wie sehr dem Konzern der Verkauf von Autos in "unklarem Bauzustand" unter den Nägeln brennt. "Das Inverkehrbringen eines solchen Fahrzeugs dient ausschließlich der Gewinnoptimierung", kritisiert Fachanwalt Dr. Gerrit Hartung, "so etwas kann nicht zufällig passieren und ein solches Handeln erfüllt meiner Meinung nach den Tatbestand der vorsätzlichen sittenwidrigen Schädigung."

Hartung empfiehlt, nicht einmal die volle Kaufpreiserstattung zu akzeptieren. Wie bei sittenwidriger Schädigung üblich solle auch der Zinsverlust seit Kauf des Fahrzeugs berechnet werden.

Rückrufaktion für 5700 Fahrzeuge:

„Enge Zusammenarbeit mit den Behörden“

„Im Rahmen von internen Überprüfungen haben wir festgestellt, dass in den Modelljahren von 2006 bis 2018 weltweit in Summe etwa 5700 Fahrzeuge in einem Bauzustand vermarktet worden sein könnten, der möglicherweise nicht dem Serienstand entspricht“, teilt Andreas Brozat, Leitung Kommunikation Produktsicherheit bei Volkswagen Communications auf unsere Anfrage hin mit. „Zumeist handelt es sich hierbei um Vorserienfahrzeuge. Betroffen sind Fahrzeuge der Modellreihen Up, e-up, Polo, Golf, e-Golf, Golf Plus, Golf Cabrio, Golf Variant, Sportsvan, Scirocco, Eos, Touran, Tiguan, Sharan, Volkswagen CC, Passat, Passat Variant, US-Passat, Phaeton und Touareg.“

Die Aktion sei erforderlich, weil möglicherweise Fahrzeuge aus der laufenden Serienfertigung, zu Versuchs- und Erprobungszwecken, mit noch nicht freigegebenen Prototypenteilen umgerüstet worden sind. „Aber auch, weil Vorserien- und Serienfahrzeuge, die auf Automobilmessen ausgestellt werden, als Ankündigung auf künftige Innovationen und Technologieentwicklungen, mit noch nicht freigegeben Komponenten ausgerüstet worden sein könnten.“ Ob die vom Rückruf betroffenen Fahrzeuge nach Versuchs- oder Messeende in den ursprünglichen Serienzustand zurückgebaut worden sind, sei dabei nicht immer zweifelsfrei dokumentiert worden. „Volkswagen arbeitet im Rahmen dieser Aktion sehr eng mit den zuständigen Behörden zusammen.“ Die vom Rückruf betroffenen Kunden seien von Volkswagen schriftlich informiert.“

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.