19.10.2018 - 19:45 Uhr
BärnauDeutschland & Welt

Aus Schwarz wird Grün

Was sich am Sonntag in Bayern veränderte, lässt sich an einer Blitzkarriere ablesen: Anna Toman, mit 16 in die JU eingetreten, verlässt die CSU und zieht nach einem Jahr als erste Grüne der nördlichen Oberpfalz in den Landtag ein.

Anna Toman, erste Grünen-Abgeordnete der nördlichen Oberpfalz, hat den Glauben an die Allmacht der CSU längst verloren.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die 27-jährige Lehrerin kann immer noch nicht recht glauben, was da in ihrem Heimatstädtchen passiert ist: "Wir haben selbst am Land unser Ergebnis verdoppelt", sagt Anna Toman. Und ihre Mutter freut sich mit: Noch 2012 kandidierte Cornelia Schwamberger für die CSU als Bürgermeisterin. Nach ihrer Nominierung ließ sich der unterlegene Kandidat Alfred Stier kurzerhand von zwei Wählergemeinschaften aufstellen - und gewann klar. "Das war eine Watschen für uns alle", erklärt Toman die Enttäuschung, die zum Austritt aus der Partei führte. Für den kleinen Bärnauer Ortsverband ein schmerzlicher Aderlass: "Meine ganze Familie, Mutter, Vater, Tante und ich hatten genug von den Intrigen."

Auch, weil die bayerische Staatspartei es den eigenen Frauen so schwer macht: "Da ist mal eine gestandene Kommunalpolitikerin am Start, und dann so was." Auch Toman selbst merkt früh, dass die Mädels bei der JU eher willkommene Dekoration sind: "Meine Vorschläge wurden belächelt, auch wenn sie ganz reell waren, wie die Sanierung eines Spielplatzes." Dennoch fühlte sich die Bärnauerin noch aufgehoben in ihrer früheren Partei: "Auf Bundes- und Landesebene machte aus meiner damaligen Perspektive Edmund Stoiber einen guten Job, und vor Ort kümmerte sich Tobi Reiß wirklich gut um Anliegen der Bürger."

Allerdings habe die frisch gebackene Abgeordnete damals Politik nur oberflächlich betrachtet - bis sie mehr und mehr mit der Wirklichkeit konfrontiert wurde. Und die weiche doch erheblich ab vom weichgezeichneten Porträt Bayerns, das die Staatskanzlei zeichne:

  • Von wegen Schutzmacht der Bauern:"Ein guter Freund hat mir erklärt, dass ein kleiner Familienbetrieb schlicht nicht mehr von der Landwirtschaft leben kann und er nicht weiß, ob er den elterlichen Hof übernimmt."
  • Von wegen Patron des ländlichen Raums:"Da wurde einfach vieles verschlafen", erkennt Toman zwar die jüngsten Internetinitiativen des Heimatministeriums an, "aber was nützt es, wenn sich wegen der vielen blinden Flecken und Funklöcher nur wenige Firmen ansiedeln?"
  • Von wegen bestes Schulsystem:"In meiner Klasse in der Mittelschule saßen zwei Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse neben anderen Schülern mit Lernschwächen - Unterstützung gab es keine." Sie habe selbst Fördermaterial besorgt und sich um die Kinder gekümmert.
  • Von wegen Bewahrung der Schöpfung:"Trotz Klimakrise bremst die CSU bei regenerativen Energien und treibt die Flächenversiegelung voran."
  • Von wegen christliche Nächstenliebe: "Nach 2015 ist die CSU der AfD beim Flüchtlingsthema hinterhergerannt und hat sie damit erst richtig stark gemacht."

Toman hält dagegen, engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Im Integrationskurs wird aus praktizierter Nächstenliebe echte Liebe: "Ich habe meinen heutigen Mann Mohammed kennengelernt", erzählt sie, "und mit ihm die ganzen Defizite der bayerischen Integrationspolitik hautnah erfahren." Im Integrationskurs seien zu Beginn junge, motivierte Flüchtlinge gesessen: "Sie wollten was lernen, um schnell arbeiten und sich selbst ernähren zu können." Aber besonders nach dem Integrationsgesetz hätten die Behörden Anträge fast immer abgelehnt: "Vorher waren zumindest Praktika kein Thema, danach waren die Leute zur Tatenlosigkeit verurteilt." Dabei sei es Ziel des Gesetzes gewesen, Leute in Arbeit zu bringen: "So ging es auch Mohammed, der schon einen Ausbildungsplatz hatte, aber keine Erlaubnis bekam. Nach der Heirat trat der leidenschaftliche Hobbyfotograf ganz pragmatisch eine Lehre als Koch in der Witt-Kantine an: "Die werden eben gesucht." Die Gastronomie kann sich auf Nachwuchs freuen.

Geglückte Mischehe

Tomans Eltern haben den 25-Jährigen fast wie ein drittes Kind aufgenommen. Der freundliche Bagdader ist geübt in religiöser Toleranz: "Meine Mama ist Shiitin, mein verstorbener Papa war Sunnit und hatte viele Christen als Freunde." Deshalb hat der aufgeschlossene Neubürger keine Berührungsängste: "Ich gehe schon mal mit der Schwiegermama in die Kirche." Vielleicht um für seinen Vater zu beten, der als Berufssoldat viele Einsätze überlebte, um dann bei der Explosion einer Gasflasche bei einer Grillparty ums Leben zu kommen.

Der unerwartete Einzug ins Maximilianeum erspart dem Paar jetzt auch eine drohende Fernbeziehung: "Ich war schon eine Woche in meiner neuen Schule in Bad Reichenhall", erzählt Toman, "eine ganz schöne Gurkerei dorthin." München ist zwar auch nicht um die Ecke, aber doch besser zu erreichen und vor allem: "Ich möchte natürlich so viel wie es geht im Wahlkreis für unsere Bürger da sein." Zunächst aber will die grüne Novizin vom erfahrenen Oberpfälzer Kollegen Jürgen Mistol lernen: "Am 5. November haben wir die erste Plenarsitzung", freut sie sich auf die junge Fraktion mit mehreren Kollegen unter 30.

Kommentar:

Fremdsicht und Eigensicht weichen nicht selten drastisch voneinander ab. Deshalb darf man vieles, was der neue Ministerpräsident verlautbaren lässt, sicher als mehr oder weniger geglücktes Marketing abhaken.

Dennoch: Wenn man die vergangenen Jahre den Kraftakt von Markus Söder und Albert Füracker bei der Aufholjagd in puncto ländliche Digitalisierung, den Einsatz vieler Abgeordneter wie Tobias Reiß Petra Dettenhöfer, Harald Schwartz oder Alexander Flierl für Bürgeranliegen aller Couleur, die wirtschaftliche Entwicklung gerade auch in der Oberpfalz beobachtet hat, muss man kein Schwarzer sein, um neidlos anzuerkennen: Alles falsch kann die ewige Regierungspartei nun auch wieder nicht gemacht haben.

Die zwei Beispiele auf dieser Seite zeigen stellvertretend, warum die CSU dennoch auch treue Anhänger verloren hat: Persönliche Enttäuschungen spielen dabei eine genauso große Rolle wie politische Entfremdung. Die Grüne Anna Toman diagnostiziert der Partei ihrer Jugend noch immer eine Macho-Haltung. Auf der anderen Seite fühlt sich Polizist Stefan Löw nicht nur von der Partei, sondern auch vom Staat im Stich gelassen.

Ganz vermeiden lassen sich solche Enttäuschungen sicher nicht – man kann es nicht allen recht machen links und rechts der Mitte.

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Kommentare

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Marta Harig

Soso, da war Frau Toman schon eine ganze Woche an ihrer neuen Schule in Bad Reichenhall und konnte die Option einer Fernbeziehung und die "Gurkerei dorthin" nicht als Bereicherung ihres Lebens erkennen.
Da werden viele KollegInnen, die seit über zehn Jahren in Oberbayern festsitzen und ebenso viele abgelehnte Rückversetzungsanträge gestellt haben, nur zustimmend nicken können.

Für die anderen fünf Schulwochen war sie wohl für den Wahlkampf frei gestellt, oder wie darf man sich das vorstellen? Die Schule wird das dann schon irgendwie zu regeln gehabt haben, dass eine fest eingeplante Lehrkraft wegbleibt - und jetzt sogar dauerhaft.
Ein interessanter Aspekt vor dem Hintergrund des derzeit - in Bayern natürlich nicht! - vorherrschenden Lehrermangels.
- Dennoch ist zumindest aus den beiden Landkreisen ihres Stimmbezirks hinter vorgehaltener Lehrerhand (vorgehalten deshalb, weil es irgendwo im Beamtenrecht und der Lehrerdienstordnung verboten ist, als Insider Missstände zu veröffentlichen und sich damit gegen politische Verlautbarungen zu stellen) zu erfahren, dass bereits seit Schuljahresbeginn keine freie Mobile Reserve mehr vorhanden ist, da diese alle in Langzeit- oder Dauereinsätzen festsitzen.
Jede erkrankte Lehrkraft muss also von den Schulen selbst irgendwie durch Zusammenlegungen, Doppelführungen, Aufteilungen oder Differenzierungs-, bzw. Förderungsverlust an anderer Stelle abgefangen werden.
Es gilt sogar schon als unkollegial, seine Pensionierung im Februar in Anspruch zu nehmen. Der Personalrat fordert auf, persönliche Interessen vor dem Hintergrund des Personalnotstandes zugunsten der Allgemeinheit nochmal zu überdenken - und gerne auch zurück zu stellen.

Ansonsten hat die "Frau vom Fach", wie sie in einem anderen Onetz-Artikel bezeichnet wird, wohl alles richtig gemacht. Im Lehrerberuf vermutlich noch nicht fest verbeamtet den Sprung ins Berufsbeamtentum geschafft, womit sie sich in bester Gesellschaft zu ihrem Kultusminister befindet, der nach ca. drei aktiven Schuljahren dem Betrieb, in dem man sich Förder-, Unterrichts- und Arbeitsmaterial selber beschaffen und - Datenschutz hin oder her - nach wie vor auf ungewarteten und je nach individuell technischer (Un-)Fähigkeit gesicherten Privatcomputern arbeiten muss, den Rücken gekehrt hat.
Wenn in München für sie keine durchgängige Residenzpflicht besteht, kann sie zumindest An- und Abreisen vom Wahlbezirk sowie entsprechende Unterbringung sicher anders abrechnen als die Gurkerei an Wohnorte in die teuersten Gegenden Bayerns, für die oft auch noch Zweitwohnsitzsteuer erhoben wird.

21.10.2018