11.06.2019 - 09:35 Uhr
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Rockparadies für Rückkehrer

Bei "Rock im Park" haben sich die "Ärzte" zwölf Jahre nicht blicken lassen. Sechs Jahre dauert ihre Auszeit. Der Wiedersehen ist herzlich, wenngleich nicht begeisternd. Es ist ein anderer Rückkehrer, der für echte Gänsehaut sorgt.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Ein Jahr vor seinem 25. Jubiläum steht das kultige Rockspektakel im Zeichen der Comebacks und eines Abschieds. Alle Blicke der 72 500 Fans richten sich dabei auf die "Ärzte". Das Zugpferd der Zwillingsfestivals im Park und am Ring lässt trotz der kreativen Pause nichts vermissen. Mit Mitsing-Hits am Fließband und sarkastischen Sprüchen zieht der Funpunk trotz eines etwas statischen Auftritts nach wie vor. Vom "Schunder-Song" über "Zu spät" und "Lasse redn" bis "Westerland: Jeder singt mit, alles ist gut. Auch Regen mit heftigen Windböen am Freitagabend - der einzigen Schlechtwetterphase am sonnigen Wochenende - dämpft die Stimmung nicht.

"Smashing Pumpkins" bewegen

Mit deutlich weniger Erwartungen, aber viel Neugier bei den Fans und einem großen Nostalgie-Faktor treten dagegen die Alternative-Ikonen "Smashing Pumpkins" ihr Comeback an. Seit langem erstmals wieder fast in Originalbesetzung auf der Bühne sorgen Billy Corgan und Co. bei ihrem knackig-kurzen einstündigen Auftritt für einen der Höhepunkte des Festivals. Bei "Disarm" überzieht die Arena eine kollektive Gänsehaut und "Tonight, tonight" lässt die Fans gar euphorisch zurück.

Rap im Park oder Metal im Park?

Auch wenn das Line-Up dieses Mal in der Tiefe nicht so spektakulär aufgestellt ist, findet jeder Musikfan unter den mehr als 75 Bands etwas: Ob bissiger Politpunk von "Feine Sahne Fischfilet", der mitreißende Metal-Auftritt von "Bring Me the Horizon" oder der Hardcore-Folk der "Dropkick Murphys" - die beinahe ihren Auftritt verpasst hätten - ist jede Spielart des Rock vertreten.

Ein Schlusspunkt am Sonntag ist ein dauerhafter. "Slayer" verabschieden sich auf ihrer letzten Tour von den Parkgängern - mit bewährtem Tempo und krachenden Power-Chords. Zugleich sorgen die US-Thrash-Metal-Veteranen gemeinsam mit "Tool" um Exzentriker Maynard James Keenan und der Death-Metal "Arch Enemy" (mit beeindruckendem Kehlgesang: Alissa White-Gluz) für ein harten Abgang des Festivals. Glücklicherweise - denn sonst würde eine Diskussion, die gefühlt älter ist als die von der Henne und dem Ei ihre Fortsetzung finden: "Wie viel Nicht-Rock verträgt ein Rockfestival?"

So einigen, gemessen am großen Andrang auch der härtesten Rockfans bei gelungenen Rap- und Crossover-Acts wie "Marteria & Casper" oder "Bastille". Zumal Anhänger der harten Schiene mit Hammer-Auftritten von Headliner "Slipknot" oder "SDP" gut bedient werden. Den richtigen Weg gibt hier "Tenacious D" vor. Mit herrlichem theatralischen Comedy-Rock würdigen und karikieren Schauspieler/Sänger Kyle Gass und Jack Black das breitgefächerte Genre gleichzeitig. Nach dem Motto: Hauptsache es ist gute Musik und macht Spaß.

Ruhig trotz Attacke, Grabscher und Hitze:

Die Einsatzkräfte bei „Rock im Park“ haben Bilanz gezogen und auf ein friedliches Festival zurückgeblickt. Die Zahl der Körperverletzungen sei mit 55 Anzeigen zwar etwas angestiegen, bleibe aber auf niedrigem Niveau, hieß es am Sonntagnachmittag. Zudem wurden 21 Diebstähle und drei sexuelle Übergriffe gemeldet.

Ein Fall beschäftigt die Polizei zudem besonders. Demnach sollen zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes (26 und 29 Jahre) am Samstagabend zwei junge Männer ohne erkennbaren Grund gewürgt haben. Ein 18-Jähriger musste ins Krankenhaus. Die Polizei nahm die Verdächtigen fest, gegen den Jüngeren wurde Haftantrag gestellt. Insgesamt behandelten 1780 Sanitäter mehr als 3500 Menschen – meist wegen leichterer Verletzungen oder Hitzefolgen. Darunter waren nach BRK-Angaben 33 Notarzt-Einsätze. 189 Menschen mussten ins Krankenhaus. (tos/dpa)

Shitstorm, Raupen und Müllberge:

Das Wetter spielte mit. Die Camper am Nürnberger Zeppelinfeld beschäftigten jedoch andere Themen. Dass zu Beginn des Drei-Tages-Festivals viele Toiletten und Duschen ausgefallen waren, sorgte für Unmut. Der Shitstorm der Besucher gipfelte in einer Online-Petition zur Teilrückerstattung der Ticketpreise. 250 nachbestellte Chemieklos entspannten am Samstag jedoch die Lage. Auch die Raupen des Eichenprozessionsspinner verursachten Probleme. Obwohl Nester mit Absperrbändern gesichert waren, mussten 152 Menschen wegen des Nesselgiftes behandelt werden. Auch der herumliegende Müll der Mitcamper – trotz vieler Sammelstellen – ärgerte viele: Bis zu 300 Tonnen müssen laut Experten in den kommenden Tagen aufgesammelt werden. (tos)

„Stadt des Rock“: Zahlen und Fakten:

Für „Rock im Park“ entsteht in nur drei Wochen am Dutzendteich eine kleine Stadt. Veranstalter „Argo Konzerte“ nennt einige Zahlen:

* 50 Gerüstbauer verbauen 250 Tonnen Stahl an den drei Bühnen. Die Hauptbühne ist 51 Meter breit und 19 Meter hoch.

* 53 Kilometer verlegte Kabel sorgen für Licht, Ton und Strom. Leistung: 500 000 Watt.

* Mehr als 3200 Crew-Mitglieder sind im Einsatz – davon 1600 Gastronomie-Mitarbeiter.

* 320 Duschen, 730 Toiletten und viele Wasserstellen sind bereit.

* 4000 Essen gibt es für die Crew und Bands. In den Garderoben gibt es 2000 Handtücher und 200 Deko-Pflanzen. (tos)

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