15.07.2019 - 10:40 Uhr
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Nach Unfall Gesicht entstellt: Nadine Schmidt kämpft sich zurück ins Leben

Nadine Schmidt ist 33 Jahre, hat einen Beruf, den sie liebt, und drei Kinder. Sie steht mitten im Leben. Das ist bewundernswert: Die junge Frau wurde vor 16 Jahren bei einem Unfall schwer verletzt.

Nadine Schmidt mit Mann Stefan und Sohn Louis.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Gößweinstein. Es waren nur ein paar Sekunden, aber sie haben das Leben von Nadine Schmidt aus Gößweinstein im Landkreis Forchheim in Oberfranken vollkommen verändert. Die heute 33-Jährige hatte vor knapp 16 Jahren - im November 2003 - einen schweren Autounfall, bei dem ihr Gesicht vollkommen entstellt wurde. Für die junge Frau ist damals eine Welt zusammengebrochen.

Es sei ihr lange schwer Gefallen über den Unfall zu sprechen. Mittlerweile "geht es" aber. Ihre Familie habe ihr durch diese schwere Zeit geholfen - wie auch ihr Mann, der aus Oberbibrach (Kreis Neustadt/WN) stammt und den sie ein halbes Jahr nach dem Unfall kennengelernt hatte. "Es hat ihn nicht gestört, wie ich aussehe." Mittlerweile haben die beiden drei Kinder.

"Ich war 17 Jahre alt. Wir saßen zu fünft im Auto wollten weggehen", beginnt Schmidt zu erzählen. Eine Freundin sei gefahren. Sie selbst saß auf dem Beifahrersitz. Auf der Landstraße ist es passiert. "Die Freundin kam mit dem Auto aufs Bankett. Sie hat das Steuer verrissen, wir kamen ins Schleudern. Dann hat sich das Auto dreimal überschlagen und wir sind im Acker liegen geblieben."

Die damals 17-Jährige konnte sich selbst aus dem Wagen befreien. "Ich bin losgelaufen, um Hilfe zu holen." Schmerzen habe sie zu diesem Zeitpunkt nicht gespürt. Sie dachte noch, ihr sei nichts passiert - so wie ihren Freunden. Denen ging es bis auf die Tatsache, dass sie sich nicht selbst aus dem Auto befreien konnten, gut.

Alles voller Blut

Ein Auto hielt an. Der Fahrer sagte durch das Fenster, er habe schon Hilfe gerufen. "Er ist nicht ausgestiegen", erzählt Schmidt. Das habe sie gewundert. "Erst im Scheinwerferlicht des Wagens habe ich gemerkt, dass ich blutüberströmt war. Ich hatte damals etwas weißes an." An mehr kann sie sich nicht mehr erinnern. "Dann war ich weg. Ich bin zusammengeklappt." Beim Unfall kam eine Autoscheibe ins Wageninnere. Die Scherben haben Schmidt das Gesicht "komplett zerschnitten". Die Wunden im Gesicht der jungen Frau wurden noch in der Unfallnacht sechs Stunden lang genäht. "Danach kam ich noch in eine Augenklinik. Es war nicht klar, ob mein Auge entfernt werden muss", sagt sie. Das Augenlid sei damals komplett zerstört gewesen. Die Ärzte konnten das Auge aber retten. "Anschließend durfte ich heim. Aber das war vielleicht gar nicht so gut. Ich habe dann erst realisiert, was eigentlich passiert ist."

Sie sei damals vollkommen am Boden gewesen. Habe nicht gewusst, wie es weitergehen soll. Vor dem Unfall stand Schmidt mitten im Leben, ging feiern, absolvierte eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin, machte gerade den Führerschein - und hatte sich für die Wahl zur Miss Bayern qualifiziert, die zwei Wochen nach dem Unfall gewesen wäre. Nach dem Unfall traute sie sich nicht mehr aus dem Haus, war "entstellt". "Die Leute drehten sich nach mir um." Es seien auch Kommentare wie "Sei froh, dass du nicht im Rollstuhl sitzt" gefallen. Schmidt habe damals mit Selbstmordgedanken gespielt, gibt sie offen zu. "Wenn meine Mutter nicht dagewesen wäre, weiß ich nicht, ob ich nicht eine Dummheit gemacht hätte".

"Einige Wochen nach dem Unfall musste ich das Haus wieder verlassen", erzählt Schmidt weiter. Sie musste ihre Ausbildung beenden. In dieser Zeit habe sie "zwei Gesichter" gehabt. Wenn sie aus dem Haus ging versteckte sie ihre Narben unter Camouflage-Make-up. Ihr Pony ging damals bis über die Augenbrauen. "Damit man die Stirn nicht sah." Daheim habe sie dann aber "die Maske abgelegt" und sei wieder am "Boden zerstört" gewesen.

Sieben Jahre in Behandlung

Sieben Jahre war Nadine Schmidt in Behandlung - bei Kosmetikern aber auch Chirurgen. Ihr Augenlid musste wieder hergestellt werden, ebenso ein Teil ihrer Wange. "Mittlerweile erkennt man die Narben auch wenn ich ungeschminkt bin fast nicht mehr." Ihre Ausbildung hat Schmidt abgeschlossen und ihren Führerschein gemacht - auch wenn sie es eigentlich nicht wollte. Ihr Mann habe sie damals überredet. Er wohnte ja in der Oberpfalz - eine Stunde von Nadine Schmidt entfernt. Ohne Führerschein sei das schwierig gewesen.

Rückblickend sagt die 33-Jährige aber, sie sei durch diesen Unfall und die Zeit danach nur stärker geworden ist. "Ich lasse mich nicht mehr unterkriegen, freue mich über Kleinigkeiten." Und: Nadine Schmidt hat dadurch ihren Traumberuf gefunden: Sie hat sich entschieden selbst Kosmetikerin zu werden und eröffnet Gößweinstein das erste private Day-Spa in der Fränkischen Schweiz.

Ganz losgelassen hat sie der Unfall aber nicht. Bis heute kann Schmidt mit dem Auto nicht auf der Autobahn fahren - "wegen der Geschwindigkeit". Und auch wenn ihre Kinder noch recht jung sind - die älteste Tochter ist 12 Jahre alt - macht sie sich ihre Gedanken, wenn diese später mal weggehen wollen - mit dem Auto unterwegs sein werden. "Mich haut so schnell nichts mehr aus der Bahn - aber wenn die Kinder einen Unfall hätten ..."

Nadine Schmidt kurz nach dem Unfall. Scherben der Autoscheibe zerschnitten ihr das Gesicht.
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