Knapp unter drei Stunden, ohne Pause, bleibt Heintz Rudolf Kunze auf der Bühne im Bayreuther "Zentrum" und begeistert die Zuhörer mit seinen tiefsinnigen, skurril-satirischen und lyrischen Texten. Praktisch allein sitzt er da im Rampenlicht, treue Begleiter sind drei Gitarren, ein Flügel, eine Mundharmonika und eben eine Stimme. Dass er das Solo-Programm nur "Einstimmig" genannt hat, klingt für einen wie Kunze fast schon etwas banal. Denn Kunze ist nach wie vor der, der er schon immer war: Ein Mann der Worte, der wohlformulierten Sätzen - messerscharf, pointiert, kompromisslos. Ein Poet und Lyriker, der mit der Sprache spielt und gerade deshalb auch eine enorme Wucht auslöst. Er spitzt zu, lässt auch dem Sarkasmus seinen freien Lauf und jongliert darüber hinaus manche Doppeldeutigkeit durch die Texte.
Im Gepäck hat er gleich zum Auftakt den Klassiker "Balkonfrühstück", in den sich ohne Schwierigkeiten in die Textzeile über die verbotene neonazistische Wehrsportgruppe Hoffmann auch ein Schwenk zur AfD einbauen lässt. Das Oeuvre des Musikers ist immens, berechtigterweise gilt er als produktivster "Singer-Songwriter" – die Bezeichnung hinkt vielleicht etwas, aber die passende Charakterisierung für Kunze gibt es in der deutschen Sprache einfach nicht – Deutschlands. Im Konzert wechseln sich Lieder und reine Texte ab, die Songbreite Kunzes reicht von dessen Anfängen bis zum aktuellen Album "Schöne Grüße vom Schicksal".
Kunze mag es radikal, in dem Lied "Schorsch genannt die Schere" geht es um eine mörderische Schere zwischen Arm und Reich, die damit droht, in den Nobelvierteln Blankenese und Bogenhauen Köpfe abzuschneiden und so für Gerechtigkeit zu sorgen. Und er mag es auch zu provozieren, wenn er sich zu Themen wie Feminismus und "Friday for Future" äußert. Er textet und rezitiert so, wie er es auch besingt: "Ich geh meine eigenen Wege, ein Ende ist nicht abzusehn. Eigene Wege sind schwer zu beschreiben, sie entstehen ja erst beim Gehen." "Nur" Sänger zu sein, reicht Kunze nicht. Die Texte sind Transmissionsriemen für Botschaften – meistens zumindest.
Und dann gibt es natürlich auch jene Lieder, die das Publikum mitsingen kann, jene Songs, die Kunze bekannt gemacht haben und auch in Bayreuth freilich nicht fehlen – allen voran "Dein ist mein ganzes Herz", das in einer beeindruckenden Piano-Variante daherkommt, und "Finden Sie Mable!", bei der Kunze die akustische Rockgitarre auspackt. Mit dem Publikum hat es Kunze leicht an diesem Abend: Extrem fokussiert folgen die Zuhörer dem Lied-Poeten die gesamte Zeit.
"Ich bin ein Lügner", "Aller Herren Länder", "Die Zitadelle, "Schäm Dich nicht Deiner Tränen", "Ich bin auch ein Vertriebener" und "Hartmann" – facettenreich setzt Kunze Stimme und Instrumente ein und demonstriert mit diesem Solo-Programm, warum man ihn als deutschsprachige Mischung aus Bob Dylan und Bruce Springsteen beschreiben kann. Dazu hätte es des fulminanten Spiels auf der Harp und der Zugabe "Blowin' in the wind" zwar gar nicht bedürft – umso besser, dass er es trotzdem zeigt. Standing Ovations für einen ganz Großen.














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