12.06.2020 - 15:59 Uhr
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Rassismus: Fünf Fragen an Professorin Susan Arndt

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Professorin Susan Arndt forscht an der Universität Bayreuth zum Thema Rassismus. Die Literaturwissenschaftlerin ist eine der deutschen Vertreterinnen der Kritischen Weißseinsforschung. Ein Interview.

Mehrere tausend Menschen demonstrieren mit Plakaten auf dem Königsplatz in der bayerischen Landeshauptstadt während einer "Silent Demo" gegen Rassismus. Anlass ist der gewaltsame Tod von George Floyd in den USA.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

ONETZ: Frau Arndt, wie entstand das Wort „Rassismus“?

Susan Arndt: Susan Arndt: Rassismus lässt sich im Prinzip bis zurück in die Antike nachweisen. Mit Kolonialismus, Sklaverei und Völkermord brauchte Europa schließlich eine Erzählung, die all diese Dinge rechtfertigen sollte. Deshalb wurde 1684 das Prinzip „Rasse“ vom französischen Arzt François Bernier aus dem Tierreich auf den Menschen übertragen – kategorisiert nach Hautfarben. Es war Immanuel Kant, der diese Idee in den deutschen Aufklärungskontext einführte – und dafür stritt. Im 19. und 20. Jahrhundert explodierten die „Rassentheorien“. Im Kern aber ging es immer nur darum, die Überlegenheit der Weißen zu proklamieren – und ihr Recht, People of Colour weißer Gewalt auszusetzen und weiße Privilegien zu verteidigen. Im späten 19. Jahrhundert wurde das Weißsein in Deutschland, angestoßen von Richard Stewart Chamberlain, nochmals differenziert; nämlich durch den Begriff des „Ariers“. Weißsein in Deutschland wurde vom Rassismus zur Krone des Menschseins erklärt. Das prägte nachhaltig ein Verständnis von „Deutschsein“, wonach dieses an Weißsein gebunden sei. Eben diese Auffassung ist immer noch stark in der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft verankert – und einer der Gründe, aus dem die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 ein solch großes Thema war. Eigentlich war das eine Identitätskrise: Wem dürfen Deutschland und seine Ressourcen und Zugehörigkeiten gehören – und wem nicht?

Wie eine Oberpfälzerin mit Alltagsrassismus umgeht

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ONETZ: Definieren wir in Deutschland „Rassismus“ falsch?

In Deutschland passiert es oft, dass, wenn über Rassismus gesprochen wird, nur der Nationalsozialismus gemeint wird. Dabei ist die Geschichte des Rassismus sehr lang – und irgendwann unter anderem in den Nationalsozialismus gemündet. Für mich ist Rassismus „White Supremacy“, also die Vorherrschaft der Weißen, die die Erfindung der Rasse als Zweck benutzt, um das Recht auf ein besseres Leben zu rechtfertigen. Ich kenne keinen umgekehrten Rassismus. Auch Weiße können unter Formen von Diskriminierung leiden, aber als Rassismus würde ich das nicht bezeichnen.

ONETZ: Was bedeutet Weißsein in Deutschland?

Weißsein bedeutet, Privilegien zu haben – und damit Anteil an rassistischen Strukturen. Ob ich das will oder nicht, ich profitiere davon. Auf Kosten von anderen.

ONETZ: Was können wir tun, um Rassismus entgegenzutreten?

Darüber nachdenken, wo wir selbst in rassistische Prozesse verwickelt sind. Ich kann zum Beispiel ganz offen sagen, dass ich rassistisch sozialisiert bin. Ich trage daran keine individuelle Schuld, aber die Verantwortung, wie ich damit umgehe. Ich empfehle zum Einstieg gerne die Lektüre von „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus“ von Noah Sow. Es gibt noch viele andere Bücher, es gibt Anti-Rassismus-Trainings – viele Informationen findet man auch in den Sozialen Medien.

ONETZ: Und wenn wir informiert sind, wie kann es weitergehen?

Jeder kann anfangen, sich in seinem Kompetenzfeld einzubringen. Sich umsehen: Wie kann ich Rassismus thematisieren? Oder ganz konkret: Wenn ich Apotheker in einer M-Apotheke bin, kann ich diese umbenennen.

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