20.04.2019 - 16:42 Uhr
BodenwöhrDeutschland & Welt

Weil "Gretel" ein "Hänsel" war: Ein ganzer Stall voll Osterhasen

"Hänsel" hatte die Zeit seines Lebens. Das Thüringer Kaninchen ist auf dem Gnadenhof für Kleintiere in Bodenwöhr versehentlich für ein Mädchen gehalten worden. Betreiberin Jeanette Medack setzte "Hänsel" - damals noch "Gretel" - ins Gehege zu den 14 Kaninchendamen. Alle 14 bekamen Nachwuchs.

Als könnte er kein Wässerchen trüben: „Hänsel“ auf dem Arm von Jeanette Medack.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Hänsel" hat keine einzige ausgelassen. "Lisl", "Rosi", "Goldy", "Lotta", "Wuschi", "Ricke" und wie sie alle heißen. Auch die Optik war ihm gleich, ob Löwenköpfchen, Bartkaninchen oder Lothringer. Der helle Thüringer deckte sogar die schwarze Riesin "Gloria". "Wir wissen gar nicht, wie er das geschafft hat. Sie ist dreimal so groß wie er." Es entstanden Hasenbabys in interessanten Variationen: insgesamt 45, die meisten davon auffallend blond.

Wie kam's? "Hänsel" war erst wenige Wochen alt. Die Geschlechterbestimmung bei Kaninchen ist nicht leicht. Jeanette Medack sah mehrfach nach, legte sich schließlich auf "Gretel" fest und ließ das Kaninchen im Gehege der weiblichen Tiere laufen. Von nächtlichen Aktionen bemerkte sie nichts. "Ich habe ihn nicht ein einziges Mal beobachtet, sonst wäre ich eingeschritten." Als vier Wochen später das erste Jungtier in einer Futterkrippe lag, dachte sie, jemand hätte heimlich ein "Findelkaninchen" auf dem Gnadenhof entsorgt. Sie zog den Winzling mit der Flasche auf.

Gewagte Frisur

Kleine Hoppler

Bis dann aus allen möglichen Erdlöchern und Heuhöhlen kleine Hoppler krabbelten. "Ich wusste gar nicht, soll ich lachen oder weinen", sagt die 52-Jährige. Den Schlamassel machte ein Wildkaninchen perfekt. Als "Hänsel" längst zu den männlichen Tieren in die Scheune umquartiert war, warf Weibchen "Goldy" nach 36 Tagen noch einmal. Dieses Mal kam der Casanavo offensichtlich von außen: Diese Jungtiere haben einen deutlichen "Wildtouch", was Fell und Hinterläufe angeht. Das Wildkaninchen muss eine Sicherheitslücke im Gehege genutzt haben, angelockt vom Kraftfutter.

Zu Spitzenzeiten lebten damit über 80 Tiere auf dem Hof in Bodenwöhr. "Das war schon eine Herausforderung", sagt Jeanette Medack. Inzwischen kann sie darüber lachen. Die Jungtiere sind gut durchgekommen und jetzt alt genug für die Vermittlung. 25 haben schon neue Besitzer gefunden. 20 Jungtiere sind noch auf dem Hof, aber auch dafür gibt es schon Anfragen. Interessenten sind jederzeit willkommen. Voraussetzung für eine Abgabe ist ein ausreichend großes Gehege. "Kaninchen müssen hoppeln. Es kann keine Innenhaltung für Kaninchen geben." Kaninchen sind zudem gesellig. Die Tiere werden nur zu zweit abgegeben.

Spenden sind wichtig

Seit über zehn Jahren betreibt die Diplom-Landwirtin den privaten Gnadenhof. Unterstützt wird sie von ihrem Mann Frank, einem Zimmermann, der die Ställe gezimmert hat, und Tochter Viviane-Louica. Wenn die unerwartete Kinderstube jetzt im Frühjahr ein Ende findet, will sich Jeanette Medack wieder verstärkt dem eigentlichen Zweck des Gnadenhofs widmen: Sie pflegt kranke Tiere und "Trauertiere", die ihren Partner verloren haben. Kaninchen leiden tatsächlich sehr, wenn sie plötzlich allein sind. Oft wollen die Halter keine neuen Gesellen anschaffen. Solche "Witwer" sind bei Medacks herzlich willkommen. Im letzten Jahr kam zudem eine Gruppe schwarzer Riesen auf den Hof, die verwahrlost aus nicht tiergerechter Haltung geholt wurde.

Der Hof lebt von Spenden, auch was das Futter anbelangt. Frank Medack holt jeden Abend bei "Netto" das nicht mehr verkäufliche Obst und Gemüse ab. Zusätzlich hat die Familie in diesem Winter 800 Kilo Karotten und 500 Kilo Kraftfutter verfüttert. Dazu kommen Unmengen an Heu und Stroh, 200 Kilogramm Haferflocken und 20 Stiegen Äpfel.

Jeanette Medack rettet Kaninchen - und die Kaninchen haben sie gerettet. "Ohne sie säße ich schon im Rollstuhl" ist die 52-Jährige überzeugt. Seit über zehn Jahren leidet sie an Arthrose der Wirbelsäule. "Die Tiere sind meine tägliche Motivation, mich zu bewegen und nicht aufzugeben."

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