24.03.2026 - 23:04 Uhr

Castor-Behälter rollen ins Münsterland

Hochradioaktiver Atommüll aus Jülich wird seit Dienstagabend ins Zwischenlager Ahaus gebracht. Wie sicher sind die Transporte und was bedeuten sie für Anwohner an der Strecke?

Atommüll auf Reisen: Seit Dienstagabend rollt der erste von zahlreichen Castor-Transporten vom rheinischen Jülich ins Zwischenlager Ahaus im Münsterland. Der in Spezialbehältern verpackte hochradioaktive Abfall wird über die Straße in das rund 170 Kilometer entfernte Hochsicherheitslager gebracht. Was bedeutet das für Anwohner an der Strecke und die Bevölkerung?

Worum geht es?

Es geht um die sichere Zwischenlagerung von exakt 288.161 tennisballgroßen Brennelementen sowie 124 brennstofffreien Grafitkugeln aus einem Versuchsreaktor im rheinischen Jülich. Sie dürfen dort nicht mehr bleiben und werden jetzt nach und nach ins Atommüll-Zwischenlager Ahaus gebracht. Der Reaktor war ein Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktor. Betreiber war die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH in Jülich, kurz: AVR. Die Anlage war von 1967 bis 1988 in Betrieb. 

Wie gefährlich sind diese Abfälle noch?

Außerhalb der Castoren immer noch hochgefährlich, weil die Brennstoffe in den Kugeln weiterhin radioaktive Strahlung abgeben. Laut der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen mbH (JEN) als Auftraggeber der Transporte wäre rein theoretisch die Strahlendosis einer nicht abgeschirmten, durchschnittlichen AVR-Kugel in einem Meter Abstand nach etwa einem Monat Dauerbestrahlung tödlich für einen Menschen. Deshalb müssen die Brennelemente in Spezialbehältern aufbewahrt werden, die die Strahlung weitgehend abschirmen.

Dringt trotzdem Strahlung aus den Transportern in die Umwelt?

Ja. Die gesetzlichen Grenzwerte werden dabei aber weit unterschritten, betont die JEN. Laut der Gesellschaft liegt die mittlere Dosis neben dem Transportfahrzeug bei 0,04 Mikrosievert pro Stunde. Zum Vergleich: Bei einer einzigen Mammografie, also einer Brustkrebsuntersuchung bei Frauen, liegt laut Bundesamt für Strahlenschutz die Strahlendosis bei 400 Mikrosievert. In Deutschland liegt die jährliche Strahlendosis pro Einwohner aus natürlichen und künstlichen Quellen wie etwa Röntgenuntersuchungen im Schnitt bei insgesamt 4.000 Mikrosievert. Eine JEN-Untersuchung der sogenannten Ortsdosisleistung in der Umgebung der Transporte kommt zu dem Schluss: „Durch die Transporte entsteht keine nennenswerte zusätzliche Strahlenexposition für Personen in der Umgebung.“

Wie werden die Kugeln beim Transport aufbewahrt?

In Spezialbehältern der Essener Firma GNS mit dem Markennamen Castor. Der Name erinnert an das englische „cask“ für Behälter und „storage“ für Lagerung. Die Behälter des Castor-Typs THTR/AVR sind etwa 2,70 Meter hoch und damit deutlich kleiner als die rund sechs Meter hohen Castor-Behälter für Brennelemente aus kommerziellen Kernkraftwerken. In jeden Behälter passen maximal 1.900 AVR-Kugeln, die insgesamt rund zwei Kilogramm Brennstoff enthalten. Die Kugeln liegen in zwei Kannen aus Edelstahl. Jeder AVR-Behälter wiegt leer etwa 25 Tonnen, voll rund 27 Tonnen.

Im Brennelemente-Zwischenlager Ahaus liegen bereits 305 Behälter gleichen Typs. Sie enthalten die ebenfalls kugelförmigen Brennelemente aus dem Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) Hamm-Uentrop.

Wie laufen die Transporte ab?

Wer die Transporte beobachtet, die nachts unterwegs sein sollen, sieht spezielle Lastwagen, die die Castor-Behälter transportieren. Ein Sattelzug, Transporteinheit genannt, kann dabei nur einen einzigen Behälter aufnehmen. Eine solche Einheit besteht aus einer vierachsigen Zugmaschine und einem neunachsigen Auflieger plus Aufbauten. Das Ganze ist 30 Meter lang und mehr als drei Meter breit. Einschließlich Behälter wiegt die ganze Einheit knapp 130 Tonnen. Damit handelt es sich um einen Schwerlasttransport.

Wie viele Fahrten soll es geben?

Das ist noch offen. Möglicherweise werden auch zwei oder drei Transporteinheiten zusammen fahren, um den Aufwand zu verringern. Die JEN verfügt über vier Einheiten. Die Transportgenehmigung gilt zwei Jahre lang bis Ende August 2027.

Wie werden die Transporte abgesichert?

Durch die Polizei. Die Federführung hat das Polizeipräsidium Münster. Die Vorbereitungen für die jetzt gestarteten Transporte laufen seit Monaten und waren im Januar 2026 fast abgeschlossen. Gerichtsentscheidungen Anfang des Jahres und Anfang März hatten den Verantwortlichen noch ein Zeitpolster verschafft. Die Auswertung von Testfahrten Ende 2023 mit Leertransporten begleitet durch die Polizei war Grundlage für die Einsatzplanung. In der Nacht zu Mittwoch waren nach dpa-Informationen rund 2.400 Polizisten eingesetzt.

Was passiert mit den 152 Behältern im Zwischenlager Ahaus?

Für das Zwischenlager Ahaus ist die bundeseigene BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung zuständig. Sie übernimmt die Verantwortung für die Behälter, wenn sie die Eingangsschleuse zum Zwischenlager erreicht haben. Der Vorgang der Einlagerung ist immer gleich: Sind die Castoren auf dem Gelände, werden zunächst die äußeren Strahlungswerte überprüft. Anschließend entfernen die BGZ-Mitarbeiter eine Transport-Schutzhülle, die sogenannte Sicherungseinhausung. Darin befindet sich ein Transportgestell, in dem der eigentliche Behälter liegt, gelagert auf zwei speziellen Stoßdämpfern. Im oberen von zwei Deckeln wird dann ein Sensor installiert, der die Dichtheit rund um die Uhr überwachen soll. Dann wird der Behälter an seinen Standort in einer großen Lagerhalle gebracht.

© dpa-infocom, dpa:260324-930-861969/1

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