09.09.2020 - 17:51 Uhr
PragDeutschland & Welt

Corona: Alarmierender Rückfall in Prag

Die Tschechen waren erst Corona-Musterschüler, doch nun bekommen auch sie die Zahl der Neuinfektionen nicht in den Griff. Das Prager WHO-Büro übt Kritik. Ministerpräsident Andrej Babis reagiert gereizt.

An einem Fenster einer Postfiliale hängt ein Schild, welches die Menschen darauf hinweist, einen Mundschutz zu tragen. In Tschechien breitet sich das Coronavirus weiter rasant aus. Bei der Zahl der täglichen Neuinfektionen wurde ein Rekordwert erreicht.
von Autor HJSProfil

Tschechiens Hauptstadt Prag erleidet einen heftigen Covid-19-Rückfall. Am Dienstag wurden in der Moldaumetropole 221 Menschen als Corona-positiv registriert. In ganz Tschechien sind 1164 neue Fälle hinzugekommen. Ein trauriger Rekord: Noch nie war diese Zahl seit Beginn der Pandemie über die Grenze von 1000 gestiegen. Die Chefin der Prager Hygienebehörde, Zdenka Jágrová, nennt in den Mittwoch-Zeitungen die Lage in der Hauptstadt "alarmierend" und folgt damit der Prager Außenstelle der Weltgesundheitsorganisation WHO, die die Situation als "besorgniserregend" bezeichnet.

Die Zahlen überschreiten auch deutlich die aus den unmittelbaren Nachbarländern. Sie nähren die Befürchtungen, dass Deutschland Tschechien in ein Risikoland einstufen könnte. Man hofft, dass Sachsen zu der Verabredung der beiden Regierungschefs Andrej Babis und Michael Kretschmer steht, die gemeinsame Grenze nicht noch einmal zu schließen. Österreich will Tschechien derzeit nicht als Risikoland einstufen, heißt es am Mittwoch in Wien. Man beobachte aber die Entwicklung genau.

Nicht mehr ernst genommen

Die Regierung in Prag reagiert. Allerdings ebenso sprunghaft wie zuletzt, als an einem Tag Maßnahmen ausgeschlossen wurden, um sie am Tag darauf hektisch einzuführen. Dem Kabinett von Premier Babis ist nach Meinung der Opposition "die Souveränität abhanden gekommen, die sie bei der ersten Welle von Corona bewiesen" hatte.

Man habe damals "richtigerweise sehr schnell gehandelt, als erstes Land in Europa beispielsweise die Maskenpflicht eingeführt". Aber man habe auch "leichtsinnig früh die Zügel schleifen" lassen. Viele Tschechen hätten das Virus nicht mehr ernst genommen, hätten wie eh und je Urlaub in Kroatien gemacht, obwohl das ein Risikogebiet gewesen sei. Das räche sich jetzt womöglich.

Damit Tschechien seinen Nimbus als einstiges Vorzeigeland in Sachen Corona-Bewältigung nicht verliert, herrschen seit Mittwoch wieder andere Zeiten: Zunächst zog man im größten "Risikozentrum" Prag die Zügel neu an: Einkäufe aller Art oder Besuche bei der Post gehen nur noch mit "Schleier", wie die Tschechen ihre Masken nennen. Die Maskenpflicht wurde von der Metro auf die U-Bahnstationen selbst, alle Bahnhofsgebäude und auf den Flughafen ausgeweitet. "Ein Viertel der täglichen Infektionszahlen geht auf Ausländer zurück", begründet die Prager Hygiene-Chefin Jágrová letztere Vorschrift. Jágrová bestätigt auch, dass junge Deutsche sich Prag auserkoren hatten, um - daheim verboten - wieder richtig "Party" machen zu können. Drei Deutsche hätten sich in Prager Clubs angesteckt. Eine Folge unter anderem davon: sämtliche Restaurants und Nachtklubs müssen ab sofort von Mitternacht bis 6 Uhr morgens schließen.

Nach massiver Forderung aus der kritischer werdenden tschechischen Presse kommt am Mittwochvormittag eine neue, massive Maßnahme: Das Gesundheitsministerium weitet die Prager Maskenpflicht für alle Innenräume auf das gesamte Land aus. Sie soll schon ab Donnerstag gelten. Ohne Neuauflage der "Schleier" geht demnach vorerst nichts mehr in Tschechien.

Erboster Premier

Diese Betriebsamkeit steht im Gegensatz zu Äußerungen von Premier Babis vom Vortag. Der hatte auf Kritik der WHO ungewöhnlich scharf geantwortet: "Die WHO, die (im Frühjahr) Masken ablehnte und nicht einmal von einer Pandemie sprach, sollte meiner Meinung nach die Klappe halten", schrieb er erbost auf Twitter. Hintergrund des Streits sind offenkundige Befürchtungen, dass die Möglichkeiten zur Rückverfolgung der Kontakte Infizierter schon bald ausgereizt sein könnten. Die wachsende Zahl der positiv Auffälligen, so verteidigt sich Prag, hänge mit der gesteigerten Zahl der Tests zusammen. Hygieneexperten warnten schon vor ein paar Tagen, dass man die Kontakte der Infizierten nicht mehr vollumfänglich nachvollziehen werden könne.

Das tschechische Gesundheitsministerium will "effektiver" werden, nur noch Kontakte von positiv Infizierten nachverfolgen, die tatsächlich auch Anzeichen einer Corona-Erkrankung zeigen. Ärzte in Tschechien sagen, "80 Prozent der positiv Getesteten haben keine oder nur minimale Krankheitszeichen". Man sei in der Lage, alle schweren Verläufe zu beherrschen.

Kommentatoren machen jedoch geltend, dass Tschechien mit dem günstigen Verlauf der Erkrankungen bislang auch nur Glück gehabt haben könnte. Das könne sich im Herbst und Winter ändern, sollte das Virus neuerlich an Kraft gewinnen.

Kurz vor Regionalwahlen

Kritische Kommentare kommen der Regierung nicht nur aus gesundheitspolitischer Sicht denkbar ungelegen. In etwa drei Wochen finden in Tschechien Regionalwahlen und Teilwahlen zum Senat statt. Es sind die ersten Wahlen seit Ausbruch von Corona. Die Umfragen bislang sahen namentlich für die von Premier Babis geführte liberale Bewegung ANO hervorragend aus. Und mit Versprechen wie einem 5000 Kronen (200 Euro) hohen "Weihnachtsgeld" für alle Rentner soll die wichtigste Wählerschicht bei der Stange gehalten werden. Doch die Rentner sind auch die Schicht mit dem höchsten Risiko. Vor allem jetzt, wenn die Infizierten-Zahlen wieder hochschnellen.

Tschechien und die Pendler

Weiden in der Oberpfalz
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Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

Je mehr Verkehrskontrollen die Polizei durchführt, desto mehr Raser wird sie auch erwischen. Aber niemand käme auf die absurde Idee anzunehmen, dass nun die Raserei auf unseren Straßen zugenommen hat. - Genauso verhält es sich mit den Coronatests.

11.09.2020
Klaus Wichert

Die Erregung des tschechischen Premierministers ist für mich durchaus verständlich. Er hat doch vollkommen Recht, wenn er sagt, die „wachsende Zahl der positiv Auffälligen, hänge mit der gesteigerten Zahl der Tests zusammen.“
Damit vertritt er konsequent die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auch unser Gesundheitsminister Jens Spahn schon Mitte Juni in einem Interview mit der ARD verbreitet hat: „Wir müssen jetzt aufpassen“, so Spahn damals, „dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen … zu viele falsch Positive haben. Weil die Tests ja nicht 100 Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber auch eine Fehlerquote haben. Und wenn insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und Sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben Sie auf einmal viel mehr falsch Positive als tatsächlich Positive.“
Ja, besser kann man die gegenwärtige Situation in Europa eigentlich kaum erklären. Wenn gleichzeitig zum inflationären Testen – wie zur Bestätigung – die Krankenhausbetten für Covid-19-Patienten leer stehen und die Zahl der Toten durch das Virus nicht zunimmt, dann ist nach allgemeinem Wissensstand der Epidemiologie die Virus-Pandemie beendet. Was wir jetzt erleben ist also eine Labor-Pandemie, die mit erheblichem Aufwand künstlich erzeugt wird und allein manipulativen Zwecken dient.

10.09.2020