Deutschland und die Welt
01.04.2026 - 18:09 Uhr
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Börsenkolumne von Robert Beer: Déjà-vu am Aktienmarkt

Die Blockade der Straße von Hormus gefährdet die weltweiten Lieferketten. Steigende Ölpreise und knappe Rohstoffe führen zu drohender Inflation und Unsicherheit an den Märkten. Kapital fließt verstärkt in den stabilen Energiesektor.

Die Nervosität an den Märkten ist aufgrund der Situation im Nahen Osten zurückgekehrt. Symbolbild: Arne Dedert/dpa
Die Nervosität an den Märkten ist aufgrund der Situation im Nahen Osten zurückgekehrt.

Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu: Kaum haben sich die Märkte vom massiven Zollschock des vergangenen Jahres erholt, kehrt die Nervosität mit voller Wucht zurück. Während im Jahr 2025 noch juristische Auseinandersetzungen um Handelsbarrieren das Bild prägten, ist die aktuelle Lage im ersten Quartal 2026 deutlich greifbarer und damit bedrohlicher für die weltweite Lieferkette.

Im Zentrum der Unsicherheit steht erneut der Nahe Osten. Die Straße von Hormus, die wichtigste Verbindung für die globale Energieversorgung, ist wieder ein Brennpunkt geworden. Die aktuelle Blockade und die massiven Störungen in dieser Meerenge wirken extrem bedrohlich auf die Weltwirtschaft. Betroffen ist dabei weit mehr als nur der Ölpreis, der sich seit Anfang des Jahres fast verdoppelt hat.

Verknappung von Düngemitteln

Viel kritischer für die Hightech-Industrie Asiens und die europäische Landwirtschaft ist die Verknappung von Helium und Düngemitteln. Ohne Helium gerät die moderne Chipfertigung unter Druck, und ohne bezahlbaren Dünger droht eine neue Welle der Nahrungsmittelinflation. Da ein Großteil dieser Kapazitäten an der Infrastruktur der Golfregion hängt, sind die Angebotsdefizite real und lassen sich nicht durch politische Entscheidungen ausgleichen.

Die US-Regierung versucht zwar händeringend, die Situation zu beruhigen und rudert verbal zurück, um die Märkte zu stabilisieren. Doch hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zum Zollstreit: Während Trump Zölle einfach anordnen oder zurücknehmen kann, lässt sich eine unterbrochene Lieferkette in der Straße von Hormus oder ein abgeschaltetes Förderfeld im Iran nicht per Dekret „reparieren“.

Leere Rohstofflager

Die physische Verfügbarkeit von Rohstoffen liegt außerhalb der direkten Kontrolle Washingtons. Diese Machtlosigkeit gegenüber Angebotsschocks führt zu Schwankungen. Da Zinsanpassungen der Notenbanken wenig gegen leere Rohstofflager ausrichten können, bleibt die Lage für die Fed und die EZB unübersichtlich.

Massiv steigende Ölpreise waren historisch oft ein Vorbote für Rezessionen, während die Angebotsknappheit die Angst vor Inflation schürt. Um die Wirtschaft zu unterstützen wären niedrigere Leitzinsen angebracht, für die inflationäre Entwicklung eher höhere.

Die Aktienmarktteilnehmer reagierten im Laufe des Quartals mit einer deutlichen Umschichtung: Bis Februar dominierten noch die Profiteure des KI-Booms wie SK Hynix sowie Banken und Gold. Doch die zunehmende Unsicherheit führte Ende Februar zu massiven Gewinnmitnahmen bei diesen High-Flyern, um Liquidität aufzubauen.

Energiesektor im Fokus

Aktuell fließt mehr Kapital in den Energiesektor. Europäische Schwergewichte wie Eni und Totalenergies stehen im Mittelpunkt. Die Gewinnaussichten dieser Konzerne haben sich durch den Anstieg der Ölpreise und die Knappheit bei Vorprodukten stark verbessert. Dank ihrer vielfältigen Geschäftsbereiche und starken Geldflüsse gelten sie derzeit als stabile Ertragsquellen in einem unsicheren Umfeld.

Trotz der wirtschaftlichen Unsicherheiten zeigt sich der europäische Finanzsektor stabil. Die Erträge sind dank der Zinssituation sehr gut. Die Nachricht über die Dynamik rund um die Übernahme der Commerzbank wirkt zudem als Antrieb für den gesamten Sektor. Diese Zusammenführung signalisiert den Beginn einer effizienteren Bankenlandschaft in Europa, die auch schwierige Zeiten aus einer starken Position heraus bewältigen kann. Rückenwind sollten Finanzwerte zudem von den gestiegenen Marktzinsen erhalten. Die Renditen deutscher 10-jähriger Staatsanleihen sind zuletzt auf den höchsten Stand seit 2011 gestiegen. Banken und Versicherer profitieren von steigenden und hohen Zinsen durch höhere Erträge und Zinsmargen.

Exzellente Geschäftsergebnisse

Das erste Quartal 2026 zeigt erneut, wie schnell sich an den Weltmärkten Trends ändern können und Unsicherheit aufkommen kann. Eine langanhaltende Blockade der Handelswege und die Unberechenbarkeit der US-Iran-Diplomatie könnten die Inflation weiter anheizen und die Realwirtschaft drosseln. Andererseits waren historisch diese Situationen die besten Zeitpunkte für Investitionen in breit diversifizierte Aktieninvestments. Viele Unternehmen weisen trotz der jüngsten Kurskorrektur exzellente Geschäftsergebnisse aus und reagieren auf die Situation.

Der Grundtenor bleibt daher trotz der Herausforderungen konstruktiv. Die Märkte reinigen sich durch die aktuellen Gewinnmitnahmen von Übertreibungen. Für den weiteren Jahresverlauf empfiehlt sich ein Fokus auf risikoadjustiertes Vorgehen. Den kurzfristigen Risiken begegnet man mit einer risikoadjustierten Herangehensweise, um große Rücksetzer zu dämpfen. Während langfristig Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht, starken Bilanzen und einer globalen Ausrichtung weiterhin vom Wirtschaftswachstum und der inflationären Tendenz profitieren sollten.

Robert Beer ist Fondsmanager und Gründer der Robert Beer Investment GmbH in Parkstein. Als Buchautor befasst er sich zudem seit den 1980er-Jahren mit der Wirtschaft und den Kapitalmärkten. Er wurde mit dem Deutschen Fondspreis 2026 des Magazins „Fonds professional“ ausgezeichnet.

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