21.10.2020 - 09:55 Uhr
EbermannsdorfDeutschland & Welt

Rettung vor der Roten Armee: Wie das Hauptmann-Archiv in die Oberpfalz kam

Vor 75 Jahren gelangte das Schloss Kaibitz mit der Rettung des Gerhart-Hauptmann-Archivs in den Blickpunkt der deutschen Literatur. Die Literaturwelt gedenkt des „Retters“ und Schriftstellers Erich Ebermayer.

Bis ins 11. Jahrhundert reichen die Anfänge von Burg und Schloss Kaibitz zurück. Ab 1939 ist der Autor und Drehbuchverfasser Erich Ebermayer der Besitzer. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich das Gerhart-Hauptmann-Archiv kurzzeitig in dem Gebäude.
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Erich Ebermayer (1900-1970), als Sohn eines Oberreichsanwalts in Leipzig geboren, Jurist, Schriftsteller, Theaterdichter und erfolgreicher UFA-Drehbuchautor genießt in den 1920er und 1930er Jahren als Flaneur den Lebensstil eines wohlhabenden Intellektuellen, der zu seinem Freundeskreis Stefan Zweig, Emil Jannings, Gerhart Hauptmann, Gustaf Gründgens, Klaus Mann und Thomas Mann sowie Zarah Leander zählt. Er hält feudal Hof, reist gerne ins Aus- land und – bleibt in Deutschland, obwohl er „in völkischen Kreisen“ als „Systemdichter“ und „Judenfreund“ gilt.

Durch seine bekannt gewordene Homosexualität sucht der in Berlin lebende Ebermayer eine Villa in der Provinz und erwirbt so im Sommer 1939 das kleine Wasser- und Hammerschloss Kaibitz am Fuße des Vulkans „Rauher Kulm“ – zu dessen Refugium Ökonomiegebäude und eine Brauerei (heute: Gasthof) gehören – unweit der Stadt Kemnath (Kreis Tirschenreuth). Schon bald entsteht um sein Oberpfälzer Gut – wo illustre Feste mit Autoren, Künstlern und UFA-Schauspielern gefeiert werden – in den Orten Berndorf, Oberndorf, Landsassengut Unterbruck und Schloss Wolframshof auch eine stattliche Künstlerkolonie: Carl Friedrich Wilhelm Behl (1889-1968), engster Vertrauter von Gerhart Hauptmann, Peer Baedeker (1912- 1999), Mitarbeiter und Lebenspartner von Erich Ebermayer, der Literaturwissenschaftler Felix A. Voigt (1892-1962), die baltisch-deutsche Schriftstellerin Gertrud Freiin von den Brincken (1892-1982) sowie die Presse- und Theaterzeichnerin Christa von der Schulenburg (1908- 1993) siedeln sich dort an.

Die eigentliche Rettung des sogenannten „Gerhart-Hauptmann-Archivs“ ist sicherlich C. F. W. Behl zu verdanken, das ihm Gerhart Hauptmann am 5. Februar 1945 vor seiner Abreise vom „Haus Wiesenstein“ im niederschlesischen Agnetendorf im Riesengebirge nach Dresden schriftlich überlässt. In einem Güterwagon der deutschen Wehr- macht, der einem Lazarettzug angehängt ist, soll es zu Erich Ebermayer nach Schloss Kaibitz „in der bayerischen Ostmark“ gebracht werden, „weil es der nächste sichere Platz“ ist. Die Rote Armee nähert sich bereits Oberschlesien.

"Beim Einmarsch erbrochen"

Erich Ebermayer notiert: „… am 7. März 1945 rollten zwei Lkw der Wehrmacht in den Hof meines Landhauses bei Bayreuth und brachten die Kisten des Gerhart Hauptmann Archivs aus dem Wiesenstein. Die Kisten, sorgsam aufbewahrt, wurden beim Einmarsch der Amerikaner am 19. April 1945 erbrochen [sic!] und nach Waffen durchsucht. Aber keines der vieltausend Blätter: Manuskripte, Entwürfe, Notizen, Tagebücher Gerhart Hauptmanns fehlt heute.“ Der Verbleib des immensen „Gerhart-Hauptmann-Archivs“, einer immensen Sammlung von unveröffentlichten Manuskripten, Tagebüchern, Presseberichten und Briefen, war aber nicht von langer Dauer.

Kriegsende heil überstanden

Gerhart Hauptmanns jüngster Sohn, Dr. Benvenuto Hauptmann (1900-1965), der in Oberhaselbach bei Passau heil und zivil das Kriegsende überstanden hat, lässt jedoch am 18. Dezember 1945 per Autorisierung der US-Military Government Regensburg das gesamte Archiv abholen und verbringt den „Schatz vom Wiesenstein“ nach Garmisch-Partenkirchen in die Villa des ebenfalls mit Gerhart Hauptmann befreundeten Komponisten Richard Strauss. Nach dortiger zeitweiliger Unterbringung verbringt er es weiter in sein Privathaus nach Ronco bei Ascona im Tessin (Schweiz). Bis in die 1960er Jahre war damit eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Gerhart-Hauptmann-Archiv“ ausgeschaltet

In der Oberpfalz geht nach Kriegsende 1945 das Leben weiter. Der Schriftsteller Erich Ebermayer wird kurzfristig „Bürgermeister von Kaibitz“ und vertritt – als Rechtsanwalt beim Landgericht Weiden – in den beginnenden „Entnazifizierungsprozessen“ NS-Prominente wie Emmy Göring, Schauspielerin und Ehefrau von Hermann Göring und Winifried Wagner, der Leiterin der „Bayreuther Festspiele“. Zahlreiche Bücher von Erich Ebermayer erscheinen in Neuauflage, aber auch neue Romane entstehen sowie beliebte Serien in deutschen Illustrierten.

Popularität mit Drehbüchern

Seine Popularität erreicht mit den Film-Drehbüchern für „Canaris“ (1954 mit O. E. Hasse) und „Die Mädels vom Immenhof“ (1956 mit Heidi Brühl) nochmals einen literarischen Höhe- punkt. Den Rest seines Lebens verbringt er in seinem italienischen Landhaus „Casa Ebermayer“ in Terracina/Latina bei Rom. Einige Tage nach seinem 70. Geburtstag 1970 verstirbt Erich Ebermayer während eines Autoausflugs in Italien an einem Herzinfarkt. Kurz darauf wird in seinem Schloss Kaibitz eingebrochen und zahlreiche wertvolle Antiquitäten und Bücher gestohlen

Im Schlossgarten befindet sich auch der Grabstein von Erich Ebermayer.
Erich Ebermayer.
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