Einsamkeit als Inspiration

Sarah Lesch zählt zu den interessantesten Singer/Songwriterinnen der letzten Jahre. Auf vielen Konzerten hat sie sich ein treues Publikum erspielt, das sie jetzt mit ihrem neuen Album "Der Einsamkeit zum Trotze" belohnt.

Sarah Lesch schreibt, singt und trägt Lieder, die Traditionen weiterführen und sie neu denken, die so kraftvoll wie zurückhaltend strahlen und dabei Anmut und Eigensinn vereinen.
von Autor MFGProfil

Über Einsamkeit zu sprechen ist ähnlich wie über den Tod zu sprechen - ein großes Tabu. Vor allem in Zeiten, in denen jeder dazu gehören und keiner sterben möchte. Die Thüringer Liedermacherin Sarah Lesch ist zwar auch nicht begeistert davon, über so ein heikles Thema zu schreiben und zu singen. Doch sie spürt eine innere Notwendigkeit. Beim Komponieren dahin gehen, wo es vermutlich am meisten weh tut, das fasziniert sie. Deshalb nennt sich das vierte Album der 34-Jährigen, die ab ihrem fünften Lebensjahr mit der alleinerziehenden Mutter von Altenburg nach Schwaben siedelte, richtiggehend provokant "Der Einsamkeit zum Trotze" (Räuberleiter/Edel).

Sarah Lesch kann erst seit 2013 von der Musik leben. Zuvor hat sie als Erzieherin in Tübingen gearbeitet, Lieder schreiben war der kreative Neben-Kriegsschauplatz. Doch seit sieben Jahren geht es ordentlich voran mit der Kreativ-Karriere der selbst ernannten "ehrlichen Haut". Lesch machte sich vor allem als so explosiver wie emotionaler Live-Act einen Namen. Sie gewann einige Förderpreise. Und "Der Einsamkeit zum Trotze" stieg, als erste ihrer Produktionen überhaupt, in die deutschen Charts ein. Eine überraschende Entwicklung für eine Frau, die sehr gut mit sich alleine sein kann - meint sie gleich zu Beginn des Gesprächs.

ONETZ: Was bedeutet „Einsamkeit“ für Sie? Und ist „Trotz“ das Heilmittel, um ihr besser zu begegnen?

Sarah Lesch: Ich habe im Laufe des Entstehungsprozesses dieses Albums gemerkt, dass ich mehr und mehr alleine bin. Und das mit all den Musikern und Produzenten um mich herum, allesamt feine Menschen – dennoch existierte Einsamkeit in mir. Man mag annehmen, das ist eine ganz schlimme emotionale Krankheit. Ist sie aber gar nicht. Einsamkeit kann sehr inspirierend sein. Schlimm wird sie nur, wenn sie sich in Isolation verwandelt. Die verschafft dem Menschen einen negativen Zustand. Ich habe sie irgendwann erlebt. Und wusste, aus der Nummer muss ich raus kommen. Hat dann auch sehr gut geklappt. Das war dann die im Albumtitel angesprochene Trotzphase.

ONETZ: Mal definieren die Medien Ihre Lieder als „zart“. Dann wieder als „laut“. Wie fühlen Sie sich zwischen diesen Antipoden?

Sarah Lesch: Ich fürchte, das trifft es schon ganz gut. (lacht) Gerade dieser offensichtliche Widerspruch zeichnet mich aus. Ich habe, unter emotionalem Aspekt, eine äußerst turbulente Achterbahnfahrt hinter mir. Mir ging es stets darum, ein intensives Leben zu führen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Problematisch wurde es, als vor 15 Jahren mein Sohn auf die Welt kam. Da musste ich zurückstecken mit den eigenen Ansprüchen. Was ich liebend gerne getan habe. Heute lebt der Junge bei seinem Vater. Doch wir haben ein prima Verhältnis zueinander.

ONETZ: „Der Einsamkeit zum Trotze“ ist Ihr viertes Werk. Worin gibt es Unterschiede zu den drei Vorgängern?

Sarah Lesch: Der große Unterschied ist: Ich war stets eine Live-Künstlerin. Entsprechend spontan und gelegentlich etwas chaotisch klingen meine ersten Scheiben. Dieses Mal habe ich mich auf die konzentrierte Studio-Atmosphäre voll und ganz eingelassen. Was soll ich sagen: Es war ein ganz anderes Arbeiten als früher. Alle Stücke sind eingebunden in einen Kontext, alles ist sehr fokussiert.

ONETZ: Sie haben immer mal wieder behauptet, Ihre Kompositionen sind „Spiegel für mich selbst“. Wie ist das konkret zu verstehen?

Sarah Lesch: Das ganze Zeug ist schon sehr autobiographisch und intim. Meine Stücke sind selbstverständlich wie Atmen. Und wie der Schmerz, der sich immer wieder in mein Leben einschleicht. Ich weiß nicht genau, warum ich mir ab und an die Büßer-Kapuze aufsetze. Aber täte ich das nicht, besäßen meine Lieder nicht diese Originalität und Kraft.

ONETZ: Wie viel persönlichen Schmerz darf man in der Öffentlichkeit zulassen, ohne dass man irgendwann emotional vor die Hunde geht?

Sarah Lesch: Ich bin ein äußerst verletzlicher Mensch, dessen bin ich mir bewusst. Und ich weiß auch, dass ich nicht an den Punkt kommen darf, an dem ich mich vor mir selbst schützen muss, um nicht unterzugehen. Was mir nicht immer leicht fällt. Deshalb verwende ich beim Schreiben immer wieder Metaphern. Ganz nackig kann ich mich nicht machen, das wäre gefährlich. Doch ich bin bereit, weiterhin verletzbar zu bleiben.

ONETZ: Aber der Ausgangspunkt Ihres Werks ist, dahin zu gehen, wo es weh tut, richtig?

Sarah Lesch: Das würde ich so unterschreiben. Man muss ans Äußerste gehen, wenn man „wahre“ Songs schreiben möchte. Was immer „Wahrheit“ auch bedeuten mag.

ONETZ: Um am Ende unseres Gesprächs auf seinen Anfang zurückzukommen – ist Einsamkeit am Ende Fluch oder Segen?

Sarah Lesch: Einsamkeit kann im Laufe der Zeit zu einer guten Freundin werden. Manchmal nervt sie, doch das tun irgendwann alle guten Freundinnen. Am Ende jedoch schätzt man sich. Ansonsten sind bei mir keine aktuellen Männergeschichten in Sicht. Manchmal schade. Doch ich bin sehr anspruchsvoll bei der Wahl meiner Weggefährten. Ich suche einen Kerl, der mit mir bei Punkt Null los startet. Der nicht nach hinten blickt. Und der einfach nur läuft, Hand in Hand mit mir. Wohin auch immer.

Cover der aktuellen CD "Der Einsamkeit zum Trotze".
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