Die Entscheidung trifft die Redaktion

Aus aktuellem Anlass unterstreicht der Deutsche Presserat: Es gibt klare Kriterien zur Nennung der Nationalität von Straftätern.

Nach der tödlichen Attacke auf einen acht Jahre alten Jungen: ein Meer aus Blumen, Kuscheltieren und Beileidsbekundungen am Gleis 7 des Hauptbahnhofs in Frankfurt.

(nt/az) Vor dem Hintergrund der Debatte um den mutmaßlichen Straftäter vom Frankfurter Hauptbahnhof erinnert der Deutsche Presserat an die im Pressekodex festgehaltenen Kriterien zur Nennung der Nationalität von Straftätern.

Laut Richtlinie 12.1 des Pressekodex ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit von Tätern nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Nur bei einem begründeten öffentlichen Interesse darf die Nationalität genannt werden. Die bereits 2017 vom Presserat herausgegebenen Praxis-Leitsätze zur Richtlinie 12.1 definieren, wann ein solches öffentliches Interesse vorliegt. Sie sind auf der Homepage des Presserats abrufbar: unter www.presserat.de.

Für die Nennung der Zugehörigkeit von Straftätern kann beispielsweise sprechen, wenn eine besonders schwere oder außergewöhnliche Straftat vorliegt. "Jede an den Pressekodex gebundene Redaktion muss verantwortungsbewusst entscheiden, ob sie die Nationalität des mutmaßlichen Täters nennt oder nicht. Unsere Leitsätze sollen dabei helfen", so der Sprecher des Presserats Volker Stennei, in einer Pressemitteilung.

Reine Neugier oder Vermutungen über den Zusammenhang der Gruppenzugehörigkeit und der Tat sind laut den Leitsätzen keine Kriterien für die Nennung. Auch die Erwähnung der Nationalität durch die Polizei entbindet die Redaktionen demnach nicht von ihrer eigenen presseethischen Verantwortung.

In der Richtlinie 12.1, gültig seit 22. März 2017, heißt es wörtlich: "In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Reaktionen:

Nationalität nennen: Pro und Contra

(kan) Soll die Nationalität eines Täters genannt werden? „Die Frage, wie man über Täter und Verdächtige berichtet, wo Voyeurismus und Vorverurteilung Vorschub geleistet wird, und wo hingegen Informationspflicht gilt und Medien für Glaubwürdigkeit stehen müssen, war immer eine, die in den Redaktionen des Landes stets neu zu verhandeln ist“, hatte kürzlich die Süddeutsche Zeitung geschrieben. Nach der Tat in Frankfurt – ein Eritreer stieß einen Jungen vor einen Zug, der Achtjährige starb – fand sich bei den Kollegen der Berliner Zeitung ein interessantes Pro und Contra, das wir hier in Auszügen wiedergeben.

Die Contra-Seite nimmt Tanja Brandes ein. Nationalität erwähnen? „Nein, weil es nicht relevant ist“, sagt sie. Viele Medien würden die Nationalität von Straftätern nennen, um Transparenz zu zeigen, um sich weniger angreifbar zu machen. Denn tun sie es nicht, stehe sofort der Vorwurf der Verschleierung im Raum. „Die Angst vor dem Kampfbegriff Fake-News bringt auch Journalisten inzwischen immer wieder dazu, in vorauseilendem Gehorsam die eigenen Grundsätze über Bord zu werfen. Wohlgemerkt nur, wenn sich herausstellt, dass der mutmaßlicher Täter eben kein Deutscher war“, stellt Brandes fest. Die Nationalität des Täters, so ihre Position, sollte für das Verbrechen keine Rolle spielen. Weiter heißt es in ihrem Beitrag: „Wir müssen uns also die Frage stellen, warum wir bei einem Verbrechen, wie es in Frankfurt geschah, überhaupt wissen wollen, aus welchem Land ein Täter stammt. Die Tat wird durch dieses Wissen nicht weniger grauenvoll. Was also brächte die Information, als die Befeuerung von Vorurteilen, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft eben doch die böseren sind? Dass Eritreer (oder Serben) eher geneigt sind, andere Menschen vor Züge zu stoßen? Es werden niedere Instinkte bedient, mehr nicht.“

Nationalität nennen? „Ja, weil Fakten entgiften“, antwortet in ihrem Pro-Artikel Maritta Adam-Tkalec und betont: „So muss das sein. Immer. Es kommt heraus: Die allermeisten Kriminellen in Deutschland sind Deutsche. Logisch. Werden Deutsche dadurch pauschal stigmatisiert? Unsinn. Ebenso weiß jeder, der einigermaßen bei Verstande ist, dass die allermeisten Leute, deren Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen, nie kriminell werden. Die Nationalität und Herkunft der Verdächtigen gehört zur Aufklärung dazu.“

Zugegeben, fährt die Autorin fort, es gebe Leute (und es werde sie immer geben), die aus generellem Ausländerhass jubeln, wenn mal wieder eines ihrer Hassobjekte ein Verbrechen begeht. „Aber soll man in vorauseilender Angst vor Hetzwellen rechte Verschwörungstheorien durch Beschweigen von Tatsachen auch noch bestätigen?“, fragt sich die Journalistin. Käme die „Schere im Kopf“ regelmäßig zum Einsatz, würde die Mehrheit der Bürger pauschal für unmündig erklärt und für unfähig, Verbrechen rational einzuordnen. „Die Leute sind aber nicht blöd. Sie haben ein Recht auf informierende Medien, Experten, Politiker, Polizisten.“ Um ein Verbrechen aufzuklären, seien viele Fakten zusammenzutragen. Setzen sich nun Staat oder Medien dem Verdacht aus, Wissen um ausländische Kriminelle zu unterschlagen, „provoziert das noch wildere Verschwörungstheorien als sie ohnehin aus dunklen Quellen sprudeln“. Nicht-Information stärke die Krisen- und Notstandsrhetorik der Einwanderergegner. „Dagegen helfen Fakten.“

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