Entspannte Virtuosität

Volker Kriegel war der "Weltgitarrist, der aus Hessen kam", wie ihn der Hessische Rundfunk Ende 2018 definierte. "Er spielte Jazzgitarre wie ein Gott." Jetzt gibt es Neues aus dem Nachlass.

Volker Kriegel war nicht nur Jazz-Gitarrist und Komponist, sonder auch ein begnadeter Zeichner. Von seinen Musik-Veröffentlichungen sind jetzt drei wiederveröffentlicht worden, angereichert mit zahlreichen Bonus-Tracks.
von Autor MFGProfil

An Heiligabend letzten Jahres wäre der Mann 75 geworden. Doch Volker Kriegel, von dem hier die Rede ist und dessen Sound als Inbegriff für "entspannte Virtuosität" gilt, hat dieses Jubiläum leider bei weitem verpasst: Der in Darmstadt geborene Ausnahme-Musiker (und Cartoonist) erlag am 14. Juni 2003, mit gerade mal 59 und bereits an Krebs erkrankt, beim Urlaub im spanischen San Sebastian einem Herzinfarkt.

Kriegel brachte sich das Spiel auf seinem Instrument ab dem 13. Lebensjahr selbst bei, wurde bald darauf Mitstreiter im Dave Pike Set, gründete in den 70ern eigene Bands wie "Spectrum" oder das "Mild Maniac Orchestra". Seit Anfang 2019 erscheint bei MIG-Records peu á peu digital remastert der Back-Katalog von Kriegel: "Schöne Aussichten", "The Biton Grooves" und "Mild maniac". Dafür verantwortlich ist Witwe Evelyn "Ev" Kriegel, die ihren späteren Mann mit 14 kennen- und lieben gelernt hat. Sie steht Rede und Antwort zum Werk des Gatten.

ONETZ: Sind sie stolz über den Umstand, dass etliche Werke Ihres Mannes jetzt wieder auf den Markt kommen?

Evelyn „Ev“ Kriegel:: Ich würde mal so sagen: Es ist eine große Freude, diese Initiative zu erleben. Das ist nämlich nicht alleine mein Verdienst. Stolz bin ich zum Beispiel darauf, dass ich so hervorragende Freunde gefunden habe. Ich nenne sie mal die „Kriegel-Bande“. Sie alle haben mir bei der Neuauflage enorm geholfen. Die Neuveröffentlichungen enthalten Bonusmaterial, das in dieser konsolidierten und überarbeiteten Form dem Interessierten so noch nie zur Verfügung stand. Und es gibt noch so viel schönes Material, dass bisher noch nicht veröffentlicht wurde. Da ist noch viel Potenzial!

ONETZ: Welchen Stellenwert hat die Musik von Volker Kriegel für das 21. Jahrhundert?

Den Stellenwert vermag ich nicht zu beurteilen. Tatsache ist, dass Volkers Musik weltweit noch immer gehört wird, dass auch die Anklicks bei Spotify oder YouTube und wie das alles heißt, im Verhältnis für „Jazz“ recht hoch ist. Das freut mich. Volker war sicher einer der Musiker, der die Entwicklung des Jazz-Rock speziell in Deutschland in den 70er und 80er Jahren beeinflusst und auch mit weiterentwickelt hat. Ansonsten möchte ich dieses Thema im Gesamtkontext „21. Jahrhundert“ nicht überhöhen. Der Einfluss von Jazz-Musikern ist realistischerweise generell als überschaubar einzuschätzen.

ONETZ: Wieviel Einflussnahme hatten Sie auf das Prozedere der Wiederveröffentlichung?

Ohne dass wir uns im Team vorher eine spezielle Agenda gegeben oder große Absprache getroffen hatten, war ich in jede wesentliche Entscheidung eingebunden. Das war einfach eine Selbstverständlichkeit, weil auch jeder Beteiligte wusste, dass nur eine verantwortungsvolle Einvernehmlichkeit von uns Allen zügig zum Ziel führt.

ONETZ: Welche Emotionen und Erinnerungen kamen bei Ihnen hoch, während Sie die Alben Ihres Mannes jetzt wieder intensiv hörten?

Das war gewissermaßen eine Zeitreise. Beim Wiedereintauchen und der intensiven Auswahl der Kompositionen lief bei mir ein Film ab, mir waren markante Situationen, Örtlichkeiten und Personen wieder sehr präsent, nah und lebendig. Insbesondere habe ich dann große Freude verspürt, als ich dieses neue Material so sorgsam überarbeitet und schön aufgemacht in meinen Händen hielt. Und dieser frische Klang und überhaupt, das ganze Projekt hat mich bewegt. Diese Begeisterung, dieser Schwung! Danke an die Plattenfirma an dieser Stelle. Und es geht ja, wie erwähnt, weiter mit Wiederveröffentlichungen.

ONETZ: Wie würden Sie persönlich den speziellen Sound Ihres Mannes definieren?

Immer schwierig, so etwas zu sagen, wenn man selber so nah dran war. Aber ich denke, dass man Volker nach wenigen Sekunden an seiner speziellen Handschrift auf der Gitarre erkennt. Seine Kompositionen plus Arrangements waren von vielen Musik-und Kunstrichtungen beeinflusst. Er hat sich das immer alles offengelassen; er war an allem interessiert, was in de Musikszene und in der Kunst passierte.

ONETZ: Sind Sie stolz auf das Werk Ihres Mannes?

Ja natürlich! Gar keine Frage. Es gefällt mir, dass es auf dieser Welt ein paar Menschen gibt, die Volkers Musik hören und seine Zeichnungen betrachten, die dann im günstigsten Fall sogar einige Glücksmomente abwerfen. Schön war es aktuell zu erleben, dass so viele Besucher sein zeichnerisches Werk in der Ausstellung im Frankfurter „Caricatura-Museum“ sehen wollten. Und jetzt haben wir noch diese neuen CDs am Start, die sich von der Nachfrage her vielversprechend entwickeln. Nostalgie kann etwas Schönes sein, aber ich glaube, dass das gezeichnete und tönende Oevre von Volker immer noch prächtig in die Zeit passt.

Volker Kriegel: Biton Grooves
Volker Kriegel & Spectrum: Mild Maniac
Volker Kriegel: Schöne Aussichten
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