12.06.2020 - 09:15 Uhr
EschenbachDeutschland & Welt

Urlaub in Schweden: Entspannt und unbeschwert - trotz hoher Todeszahlen

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Keine Maskenpflicht, keine geschlossenen Geschäfte oder Schulen - dafür wesentlich mehr Tote. Der "schwedische Weg" ist nach wie vor umstritten. Ein Eschenbacher macht sich im Urlaub ein Bild von der Lage vor Ort.

Oliver Würschum und sein Sohn Raphael am Hafen von Hjo am Vätternsee.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

"Von einer Corona-Hysterie ist nichts zu spüren in Schweden", sagt Oliver Würschum. Der Eschenbacher ist erst ein paar Tage zurück in der Oberpfalz - und resümiert: "Der Umgang mit dem Virus ist dort viel entspannter." Zusammen mit seinem Sohn Raphael war er zehn Tage in seinem Ferienhaus in Tibro in der Nähe des Vätternsees. Und er war nicht der einzige deutsche Urlauber: "Die Fähre ab Rostock, mit der wir nach Schweden gefahren sind, war gut besucht."

Würschum selbst habe vor der Reise überhaupt keine Bedenken gehabt, vor allem am Land hält er die Lage für "absolut unbedenklich". "Wer in Schweden Urlaub macht, sucht die Ruhe und die Weite der Landschaft. Da besteht absolut kein Risiko und man kann den Urlaub genießen", sagt er.

Schwedens Sonderweg

Schweden geht im Kampf gegen die Coronakrise einen international beachteten Sonderweg. Im Vergleich zu den meisten anderen Ländern hat das skandinavische Land mit lockereren Maßnahmen auf die Pandemie reagiert, Restaurants, Geschäfte, Kindergärten und Gesamtschulen wurden zum Beispiel niemals geschlossen. Das Versammlungsverbot liegt bei maximal 50 Teilnehmern, ein Einreiseverbot gilt lediglich für Menschen außerhalb der EU und der Europäischen Freihandelszone. Vielmehr appelliert Schweden an die Vernunft der Bürger, damit diese Abstand halten und die Corona-Verbreitung so abgebremst werden kann.

Maskenpflicht? Unvorstellbar!

Besonders auffällig sei, dass im Alltag keiner eine Maske trage, berichtet Würschum, der mit dem "schwedischen Weg" sympathisiert. Aus Gesprächen mit Schweden resümiert er: "Für die meisten ist vor allem eine Maskenpflicht nicht vorstellbar." Auch in Geschäften werde an die Kunden lediglich appelliert, Abstand zu halten. "Ein gutes Beispiel ist eine sehr beliebte Eisdiele in Hjo am Vätternsee. Da herrscht kein Gedränge." Würschum erzählt von einem System, bei dem man, um bestellen zu können, eine Nummer ziehen muss, statt sich in einer Reihe anzustellen. "Wie bei uns an der Zulassungsstelle." Das funktioniere einwandfrei.

Allgemein sei Schweden strukturell besser aufgestellt als Deutschland: "Ältere Menschen, die beim Einkaufen kein Riskio eingehen wollen, können beim Supermarkt an einem Drive-in-Terminal bestellen. Sie wählen aus, was sie haben möchten und können sich die Lebensmittel dann eine halbe Stunde später aus einem Schließfach holen." Unproblematisch laufe auch die Schulbetreuung der ersten neun Klassen ab, erzählt der Eschenbacher: "Zwei Häuser von unserem Ferienhaus entfernt wohnt eine Lehrerin. Als ich der erzählt hatte, dass mein Sohn und ich jetzt elf Wochen Homeschooling hinter uns haben, hat sie nur gelacht." Aber ab nächster Woche kehrt auch Ruhe ins Schwedische Schulsystem ein - aber aus ganz anderen Gründen. "Die Sommerferien beginnen."

Viele im Land hießen den eingeschlagenen Weg Schwedens gut, nach und nach mehrte sich jedoch auch die Kritik - vor allem, weil die Infektions- und Todeszahlen pro Einwohner im Vergleich zum restlichen Skandinavien und auch zu Deutschland weiter hoch sind: Bislang sind in dem Land mit seinen etwas mehr als zehn Millionen Einwohnern knapp 4700 Menschen mit Corona-Infektion gestorben, es gab bislang rund 45 000 positive Corona-Fälle.Regierungschef Stefan Löfven will in den kommenden Wochen wahrscheinlich eine Kommission einberufen, die das Vorgehen Schwedens im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus bewerten soll. Dabei gehe es darum, Erfolge, aber auch Fehler zu finden.

Schweden-Urlauber müssen in Quarantäne

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Kritikpunkt: Altenheime

Schweden habe, so sagt Oliver Würschum, speziell die Ausbrüche in Altenheimen zu spät in den Griff bekommen. "Kritik gibt es insbesondere auch daran, dass Stockholm als Großstadt nicht in den Lockdown gegangen ist." Übertrieben findet der Eschenbacher aber die Einführung der einen zweiwöchigen Quarantäne für Schweden-Rückkehrer, die seit Dienstag auf für Bayern gilt. Für Oliver Würschum steht fest, dass er im Sommer wieder für zehn Tage nach Schweden fahren will. "Da muss ich nicht lange überlegen", sagt der Eschenbacher.

Schwedens Todeszahlen im europäischen Vergleich

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind US-Wissenschaftlern zufolge weltweit mehr als 400 000 Menschen infolge einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Das ging am Sonntag aus Daten der Universität Johns Hopkins in Baltimore hervor. Die meisten Opfer haben demnach die USA zu beklagen, hier starben rund 110 000 Menschen. An zweiter Stelle lag Großbritannien mit mehr als 40 000 Toten, gefolgt von Brasilien mit mehr als 35 000 Todesopfern. Weltweit wurden von der Universität fast sieben Millionen Infektionen seit Beginn der Pandemie verzeichnet, 1,9 Millionen davon in den USA.

Die Opferzahl in den USA, einem Land mit rund 330 Millionen Einwohnern, ist weltweit die bislang höchste in absoluten Zahlen. Relativ zur Einwohnerzahl ist die Zahl der Toten jedoch in einigen europäischen Ländern höher. In den USA starben den Daten der Johns-Hopkins-Universität zufolge rund 33 Menschen pro 100 000 Einwohner. In Frankreich liegt dieser Wert gerundet bei 43, in Schweden bei 45, in Italien bei 56 und in Großbritannien bei 61 – in Deutschland bei 10. (dpa)

Info:

Schwedens Epidemiologe: Hätten mehr Corona-Maßnahmen ergreifen sollen

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell hat sich erstmals selbstkritisch über den schwedischen Sonderweg in der Coronakrise gezeigt. Schweden hätte schon von Beginn an mehr Maßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus ergreifen sollen, sagte Tegnell in einem Interview mit dem schwedischen Radio. "Ich glaube, dass es sicherlich Verbesserungspotenzial bei dem gibt, was wir in Schweden gemacht haben, klar. Und es wäre gut gewesen, wenn man exakter gewusst hätte, was man schließen soll, um die Infektionsausbreitung besser zu verhindern." Zu viele Schweden seien zu früh gestorben.Würde man mit dem heutigen Wissensstand auf dieselbe Erkrankung stoßen, läge der richtige Weg seiner Ansicht nach zwischen dem schwedischen und dem, den der Rest der Welt eingeschlagen habe, sagte Tegnell. Welche Vorkehrungen in anderen Ländern den größten Effekt gegen die Coronavirus-Pandemie gezeigt hätten, könne man jedoch nur schwer sagen, da diese Staaten viele Maßnahmen gleichzeitig ergriffen hätten.

Tegnell steht federführend hinter der schwedischen Strategie gegen die Pandemie.

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