Der ewige Exzessor

Es war nicht leicht, 1998 mit Udo Lindenberg ins Gespräch zu kommen. Gelinde gesagt war es unmöglich. Und das paradoxerweise, obwohl "Uns Udo" so gut im Geschäft war wie lange nicht mehr.

Udo Lindenberg bei der 70. Verleihung des Medienpreises Bambi.
von Autor MFGProfil

Es gab unter journalistischem Aspekt wie unter dem der puren Neugier jedenfalls viele Gründe, mit Meister Lindenberg zum damaligen Zeitpunkt ein Treffen zu arrangieren. Ein Mann in Hochform, wie es nach außen schien, mit sich selbst im Reinen und ständig im wohlmeinenden Blick der Öffentlichkeit. Mit so jemandem wollte auch ich sprechen, bereits im Februar jenes Jahres.

Also wurde ein Interviewtermin vereinbart, in diesem Falle gleich über mehrere langjährige Vertraute Lindenbergs. Es sollte nicht sein. Doch was war los mit dem "Fettauge in der deutschen Wassersuppe der Pop-Musik", wie ihn Liedermacher Wolf Biermann einst titulierte? Mit dem "klassischen Anti-Typ zu den Schlager-Schnulzen-Schönlingen der Hitparade." (Nina Hagen), dem "Dauer-Superstar des anderen Deutschland" ("Welt am Sonntag"), dem "Rock-Gewissen der Nation" ("Frankfurter Rundschau")?

Spaß am Rock 'n' Roll

Es sah aus, als ob der Mann, der mehr als zwei Jahrzehnte lang das Triumvirat aus Spaß am Rock 'n' Roll, politischem Engagement und der Lust am ausschweifendem Leben verkörperte, dieses Mal eine gehörige Spur zu weit gegangen war. Oder schlichter: Auch ein Udo Lindenberg, "Berufsjugendlicher aus Berufung" (Selbsteinschätzung), wird alt. Und wollte das nicht wirklich wahr haben. Wenn Freunde ihn damals auf seinen unkontrollierten Alkohol- und Drogen-Konsum hinwiesen, wurde das mit einer abweisenden Handbewegung abgetan.

Warum diese Geschichte hier erzählt wird, zwei Dekaden später? Weil sie hoffentlich einen Eindruck vermittelt, wofür "Lindi" Ende der 90er stand. Und weil mit dem opulenten just erschienenen Boxset "Das Vermächtnis der Nachtigall" (Universal Music) die musikalischen Jahre 1983 - 1998 von "Uns Udo" komplett dokumentiert werden, auch mit bislang unveröffentlichten Raritäten. Es ist die "Polydor"-Ära von Lindenberg, der Maestro stand damals bei der gleichnamigen Hamburger Plattenfirma unter Vertrag.

17 Alben in 15 Jahren hat er in jener Phase rausgehauen, wir sprechen von den Werken "Odyssee" bis "Zeitmaschine". Immer wieder schimmert das übermächtige Original U. L. durch. Zur selben Zeit hat sich der anscheinend Unermüdliche in den unterschiedlichsten Genres ausprobiert, neben Rock und Pop schon mal in Techno oder Chanson, Rap oder Belcanto. Nicht immer alles gelungen. Aber höchsten Respekt für so viel Neugier und Experimentierfreude. Sozusagen: Hut ab ...

Auch die verstorbenen Eltern "Hermine" und "Gustav" wurden auf den gleichnamigen Scheiben von 1988 bzw. 1991 gewürdigt. Nicht zu vergessen die ganz hervorragende Kooperation mit dem renommierten "Deutschen Filmorchester Babelsberg" sowie 1985 der vom legendären sowjetischen Radiosender "Eriwahn" präsentierte Auftritt von Udo und seinem Panikorchester in Moskau, alle Beteiligten übrigens in Hochform.

"Polydor-Panik-Dasein"

Doch nicht nur musikalisch ist jede Menge passiert in diesen 15 Jahren "Polydor-Panik-Dasein". Man erinnere sich an legendäre Aktionen wie der erste Auftritt im Ost-Berliner "Palast der Republik", damals noch unter DDR-Flagge. Für gerade mal 15 Minuten Gastspiel wurden die Musiker von der "Stasi" rundum überwacht. Unvergesslich die Begegnung dieser zwei so unterschiedlichen Charakteren wie U. L. auf der einen, DDR-Staatschef Erich Honecker auf der anderen Seite. Beim Besuch des Politikers in Wuppertal 1987 überreichte "Lindi" dem verkniffen dreinblickenden Honecker eine E-Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren", nachdem er ihm zuvor bereits postalisch eine Lederjacke hatte zukommen lassen. "Honey" revanchierte sich prompt mit einer Schalmei.

Für seine erste Tournee durch die hassgeliebte DDR musste Lindenberg zwar bis nach dem Mauerfall warten. Doch gleich 1990 ging's los! Und bereits zwei Jahre zuvor trat er zusammen mit Superstars wie Michael Jackson, Pink Floyd und Nina Hagen beim Rockkonzert direkt vor dem Reichstag in (West-)Berlin auf.

Noch viele viele Anekdoten und Entwicklungen mehr aus der Karriere dieser unvergleichlichen, schillernden Persönlichkeit aus jener Ära gäbe es zu erzählen. Etwa dass "Lindi" ab Mitte der 90er zunehmend auch als Bildender Künstler in Erscheinung trat. Die "Likörelle" - Malereien, eingefärbt mit alkoholischen Getränken -, sind ebenso skurril wir der "Ejakulator", wo mithilfe eines Schlagzeugs die Leinwand vollgespritzt wird.

Man sieht: Mit dem "Exzessor" an der Seite wird einem niemals langweilig. Auch und gerade weil er sich bis heute gerne seeehr weit aus dem Fenster lehnt. Und zum Glück bis dato niemals komplett abgestürzt ist. Viva Udo!

Opulentes Box-Set über die Polydor-Jahre: "Das Vermächtnis der Nachtigall (1983-1998)".
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