26.06.2018 - 17:22 Uhr
Deutschland & Welt

Fake-News-Debatte: "Seehofer befeuert Misstrauen"

Der Bundesinnenminister soll als Hüter der Verfassung Grundrechte wie die Pressefreiheit verteidigen. Statt dessen verunglimpft Horst Seehofer pauschal die Leistung der Journalisten. Das kritisiert Journalistik-Professor Klaus Meier.

Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender und Bundesminister für Inneres, Heimat und Bau, spricht auf einer Pressekonferenz, die im Anschluss an die Sitzung des CSU-Vorstands stattfindet.

Gastbeitrag von Klaus Meier

Im Interview mit dem "Donaukurier" hat Horst Seehofer vergangene Woche behauptet, es gebe "immer mehr Falschmeldungen". Und: "Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert, von Medien wie von Politikern." Mit dieser Behauptung reiht sich Horst Seehofer ein zu Donald Trump, AfD, Pegida - und eine Reihe von Regierungen und Politikern in Europa, die mit "alternativen Fakten" Propaganda betreiben und gegen Journalisten hetzen.

Was der deutsche Innenminister sagt, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Journalismus-Forschung belegt genau das Gegenteil: Journalismus geht immer besser gegen Falschmeldungen vor - und gerade in anderen Ländern werden Fake News zum Zweck politischer Propaganda produziert und verbreitet. Bei der Bundestagswahl zum Beispiel spielten Falschmeldungen hierzulande eine wesentlich geringere Rolle als bei Wahlen und Abstimmungen in anderen Ländern. Das ist größtenteils einem gut funktionierenden Journalismus und einem der besten Mediensysteme der Welt zu verdanken.

Der Journalismus in Deutschland hat auf die Vorwürfe und Angriffe der vergangenen Jahre reagiert und bemüht sich mehr um Faktenchecks. Es gibt neue Faktencheck-Abteilungen, zum Beispiel bei der Tagesschau oder beim Bayerischen Rundfunk. Seit etwa zehn Jahren werden in vielen Redaktionen immer mehr Rechercheteams und -initiativen gegründet. Vorbilder sind zum Beispiel die Kooperation von "Süddeutscher Zeitung" mit NDR und WDR, die BR-Recherche oder die stiftungsfinanzierte Redaktion Correctiv. Diesen Vorbildern folgen viele Redaktionen auch im Regionalen und Lokalen. Die Journalisten sind sich ihrer Aufgabe und Verantwortung in der Gesellschaft stärker bewusst als früher.

Und das Publikum merkt das auch: Studien zeigen, dass das Vertrauen in den Journalismus bei einem großen Teil der Bevölkerung zunimmt. Wie sehr kann man bei wirklich wichtigen Dingen den Medien vertrauen, fragt eine Langzeitstudie der Universität Mainz. Man kann "eher" oder "voll und ganz" vertrauen, sagten 2017 42 Prozent. 2008 waren es noch 29 Prozent, 2015 nur 28 Prozent. Die Bevölkerung in Deutschland ist sich dabei bewusst, dass Redaktionen auch Fehler machen - zumal in einem schnellen Tages- und sogar Minutengeschäft. Eine gute Bildung vermittelt auch eine gesunde Skepsis; davon lebt die Demokratie.


Journalistische Arbeit erklären

Der Journalismus hat auch daraus gelernt: Es gibt inzwischen eine Vielzahl von redaktionellen Initiativen, bei denen Journalisten das Publikum ernst nehmen, mit ihm auf Augenhöhe kommunizieren, erklären, wie Journalismus arbeitet, und Fehler korrigieren. Diese Transparenz darf noch weiter zunehmen, aber die Medien sind auf gutem Wege. Der Trend ist eindeutig.

Horst Seehofer befeuert das Misstrauen und die Ängste von etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen in Deutschland, die der Propaganda der Rechten aufsitzen und denken, sie würden permanent manipuliert. Das ist für eine informierte und diskursive Öffentlichkeit nicht hilfreich, ohne die die Demokratie nicht atmen kann.

Politiker tragen zur Verbreitung von Angst bei

Im Übrigen tragen auch die Wortwahl von Politikern, die von ihnen verbreiteten Halbwahrheiten und Zahlenspiele - vor allem bei Auftritten im Fernsehen - nicht zu einer informierten Öffentlichkeit bei, sondern eher zur Verbreitung von Ängsten, Vorurteilen und Verunsicherung. Wenn Markus Söder immer wieder von "Asyltourismus" oder "Asylgehalt" spricht, werden die pauschalisierenden Erzählungen der Rechten in die Mitte der Gesellschaft geholt. Wenn das deutsche Innenministerium wie in der vergangenen Woche die Kriterien für die Statistik ändert, um die eigentlich stärker abnehmende Zahl der Asylsuchenden nach oben schrauben zu können, ist das eine bewusste Munition, um Horst Seehofers "Masterplan" gegenüber der Bundeskanzlerin zu stärken.

Das Gefühl der Menschen dafür, was richtig und was falsch ist, wird von dieser Politik arg auf die Probe gestellt. Umso wichtiger ist es, dass ein kritisch-recherchierender Journalismus Politik kontrolliert, Fakten checkt - und dabei seine Arbeitsweise transparent offenlegt.

Klaus Meier, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Info:

Professor Klaus Meier

Klaus Meier, 49, ist in Mitterteich aufgewachsen und wurde nach der Schulzeit am Stiftland-Gymnasium Tirschenreuth von der Frankenpost, u.a. in den Redaktionen Hof, Tirschenreuth, Kemnath und Marktredwitz, zum Redakteur ausgebildet. Nach Studium und Promotion in Eichstätt war er Professor für Journalistik an der Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität Dortmund. Er ist seit 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Journalistik I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Träger des Ars-legendi-Preises für exzellente Hochschullehre 2017.

Info:

Horst Seehofer und die Fake-News

Der Vorwurf von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wonach es hierzulande „immer mehr Falschmeldungen geben“ soll war auch Thema bei der Regierungspressekonferenz am Montag. Dabei wurde Regierungssprecher Steffen Seibert gefragt, ob er die Beobachtung Seehofers bestätigen könnte.

Der CSU-Chef hatte vergangene Woche im Interview gesagt: „Leider werden Nachrichten heute selbst im Qualitätsjournalismus nicht mehr überprüft. Es gibt immer mehr Falschmeldungen. Die Medien sind in einer Krise. Wir reden immer über die Gefahren russischer Einflussnahme über Fake News. Wir müssen nicht nach Russland schauen. Die meisten Fake News werden in Deutschland produziert, von Medien wie von Politikern.“

Seibert wollte das Zitat von Seehofer nicht kommentieren. Der Regierungssprecher betonte aber, er denke, „wir haben in Deutschland immer noch eine große Vielfalt von Qualitätsmedien, und wir alle sollten, denke ich, dazu beitragen, dass uns diese Vielfalt erhalten bleibt, weil das für ein demokratisches Gemeinwesen von konstitutiver Bedeutung ist“. Eleonore Petermann, die Sprecherin der Bundesinnenministeriums sagte: „Ich möchte hinzufügen, dass natürlich auch für den Bundesinnenminister die Pressefreiheit ein hohes Gut ist, das er in jedem Falle schätzt und auch erhalten wissen möchte.“ Sie erklärte Seehofer habe sich auf Ereignisse und auf Pressemitteilungen aus der vergangenen Woche bezogen.

Auf die Zusatzfrage, ob der Minister keine empirischen Erkenntnisse habe, „auf denen seine Aussage fußt, dass die meisten Fake News von Medien und Politikern in Deutschland produziert würden?“ antwortete Petermann: „Nein, das beruhte nicht auf empirischen Aussagen, sondern auf der persönlichen Erfahrung der vergangenen Woche.“ (paa)


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