Der Fall Christoph Metzelder und die Tücken der Verdachtsberichterstattung

Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen den ehemaligen Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder (38) wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornografie. Ein gefundenes Fressen für manche Medien?

Bisher hat sich Christoph Metzelder (38) nicht zu den Vorwürfen geäußert.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Einige Leser werden sich vielleicht an den Fall Dieter Wedel erinnern, ausgelöst durch die Berichte im "Zeit Magazin" zu Beginn vergangenen Jahres. Im Zuge der #MeToo-Debatte beschuldigten Schauspielerinnen den Regisseur, er habe sie in den 1990er Jahren sexuell bedrängt. Wedel wies die Vorwürfe der Frauen zurück.

Es entbrannte eine Diskussion über die sogenannte Verdachtsberichterstattung. Exemplarisch erwähnt sei an dieser Stelle ein Podium des Journalistenverbandes Berlin-Brandenburg und des Deutschen Anwaltsvereins in Berlin. Damals stellten sich laut "Tagesspiegel" Juristen und Journalisten unter anderem folgende Fragen: Wie berichtet man angemessen über Verdachtsfälle, deren Ausgang offen ist? Wo liegen die Voraussetzungen und Grenzen von Verdachtsberichterstattung, die durch das Informationsinteresse der Allgemeinheit und nicht durch Sensationsgier begründet ist?

Die Verdachtsberichterstattung sei "das größte Privileg und die größte Verantwortung, die Journalisten besitzen", unterstrich Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo dem "Tagesspiegel" zufolge bei dieser Veranstaltung. Weiter sagte er demnach: Ein Verdacht könne sich als falsch erweisen - dennoch dürften Journalisten darüber berichten, solange sie sich an bestimmte Vorgaben hielten. Verdachtsberichterstattung sei für Journalisten eine der "schwierigsten Aufgaben". Die Rechtsanwältin Gül Pinar, so stand im "Tagesspiegel" zu lesen, hob hervor, dass bei einer Verdachtsberichterstattung beim Leser offen bleiben müsse, ob die Person unschuldig sei oder nicht. Stets gelte die Unschuldsvermutung. "Die Grenze ist dann überschritten, wenn der Leser am Ende keine Fragezeichen mehr im Kopf hat", wurde Pinar zitiert.

Metzelder nicht erreichbar

Damit zum aktuellen Fall Metzelder, über den auch unser Haus berichtet hat: bisher einmal online und auch in der gedruckten Ausgabe vom Donnerstag, 5. September, unter der Überschrift "Fußballer Metzelder im Visier der Polizei - Ex-Nationalspieler soll Kinderpornos verbreitet haben". Es war ein nicht sehr umfangreicher, von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommener Bericht mit einem Foto des 38-Jährigen. In dem Artikel wurde auch erwähnt, dass Metzelder "für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen" war.

Die vielbeschworene Unschuldsvermutung - sie gelte, das sei bei Bekanntwerden der Ermittlungen immer wieder zu hören gewesen, auch für den früheren Nationalspieler, schrieb das "Westfalen-Blatt" in einem Kommentar zum Fall Metzelder. Und weiter: "Es ist nicht einfach. Für alle nicht und am wenigsten für Metzelder. Noch ist öffentlich viel zu wenig über den Fall bekannt, als dass sich irgendjemand ein Urteil erlauben sollte. Allerdings ist es bemerkenswert, dass die Staatsanwaltschaft Hamburg bekanntgab, weshalb sie gegen den Ex-Nationalspieler ermittelt, nämlich wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornografie. Andere Staatsanwaltschaften halten sich in solchen Fällen hinsichtlich des Tatvorwurfs bedeckt. Denn gerade Straftaten rund um Kinder sind in der Gesellschaft besonders geächtet, und bekanntgewordene Ermittlungen hinterlassen ein Kainsmal - ganz gleich, wie die Sache ausgeht. Die Fotos, die die Ermittler bisher zu Gesicht bekommen haben, werden schon eine gewisse Relevanz haben. Sonst traute sich die Staatsanwaltschaft vermutlich nicht öffentlich so weit in die gegnerische Hälfte. Aber ob sie von Metzelder stammen - das wissen wir noch nicht. Es macht die Einschätzung nicht einfacher, dass der Vizeweltmeister (...) zu all dem schweigt. Metzelder wird damit einem Rat seiner Anwälte folgen, der hinsichtlich der Ermittlungen sicherlich richtig ist. Die öffentlichen Wirkung seines Abtauchens allerdings ist desaströs. Allen Beteiligten ist deshalb nur zu wünschen, dass der Fall zügig geklärt wird. So oder so."

Bleibt in Köpfen hängen

"Focus Online" hat ein Interview mit dem bekannten Erlanger Medienethik-Professor Christian Schicha geführt und ihn gefragt, wie er in der Sache Metzelder die Rolle der Medien und der Staatsanwaltschaft bewerte. Die Wucht der Berichterstattung sei aus seiner Sicht hochgradig problematisch, antwortete Schicha und sagte: "Es handelt sich um eine reine Verdachtsberichterstattung, man weiß nur sehr wenig Konkretes. Ähnlich wie im Fall Kachelmann beobachte ich hier eine Entgrenzung." Aus seiner Perspektive, so Schicha zu "Focus Online", hätte es gereicht, darüber zu berichten, dass es einen Verdacht gegen Christoph Metzelder gibt und es um kinderpornografisches Material geht. "Dann sollte erst wieder berichtet werden, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und ein Urteil gefallen ist."

Mit dem Verhalten der Staatsanwaltschaft Hamburg setzte sich Schicha ebenfalls auseinander und sagte, es sei für ihn völlig unklar, warum sich die Behörde äußert. Der Medienethiker wörtlich: "Grundsätzlich ist wegen der Unschuldsvermutung Zurückhaltung angesagt. Die Staatsanwaltschaft kann bestätigen, dass es Ermittlungen gibt, müsste sich dann aber zurückziehen und erst wieder informieren, wenn ein Urteil da ist. Dass sie in diesem Fall so dezidiert informiert, finde ich erschütternd." "Was macht dieser Fall denn mit der Person Christoph Metzelder, wenn sich der Verdacht gegen ihn nicht erhärten sollte?", wollte "Focus Online" schließlich wissen. Selbst wenn der ehemalige Fußballer vollumfänglich freigesprochen werden sollte, "bleibt das in den Köpfen der Menschen hängen", ist sich Schicha, der an der Uni Erlangen-Nürnberg lehrt, sicher.

Das sagen Juristen zum Thema Verdachtsberichterstattung:

Nötig: Ein Minimum an Beweistatsachen

Ein Pfarrer gerät in den Verdacht, Kinder missbraucht zu haben. Gegen ihn wird ermittelt. Medien schreiben darüber ausführlich – und sie nennen den vollen Namen. „Das dürfen sie auch“, betonen die Juristen der Initiative Tageszeitung (ITZ) in ihrem Online-Lexikon zum Thema Presserecht unter dem Stichwort „Verdachtsberichterstattung“. Denn wenn die Presse mit ihrer Berichterstattung immer so lange warten müsste, bis ein Sachverhalt mit Sicherheit feststeht – also bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt –, würden wesentliche Kontrollrechte in der Demokratie aufgegeben.

„Die Presse auf die absolute Wahrheit zu verpflichten, wäre nicht vereinbar mit den Notwendigkeiten aktueller Berichterstattung“, erläutern die Presserechts-Experten. Dafür müsse das Risiko in Kauf genommen werden, dass sich die Beschuldigten als unschuldig erweisen. Die Anforderungen an die Wahrheitspflicht, so habe der Bundesgerichtshof mehrfach entschieden, dürften nicht überspannt werden. Als Freibrief dürfe das allerdings nicht missverstanden werden.

Die Grenzen zulässiger Verdachtsberichterstattung ziehe die journalistische Sorgfaltspflicht. Dazu gehöre es, das Informationsinteresse der Öffentlichkeit mit dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen, der durch die Veröffentlichung bloßgestellt wird. Je größer die Gefahr, dass grob in Rechte Dritter eingegriffen wird, desto höher die Anforderung an die Sorgfalt. Die ITZ-Juristen listen in diesem Zusammenhang folgende zu beachtende Punkte auf (Auszüge):

1. Der Verdacht muss von öffentlichem Interesse sein. Dies hängt von der Stellung des Beschuldigten und von der Art des Vorwurfs ab.

2. Es muss ein Minimum an Beweistatsachen geben, die für den Wahrheitsgehalt der Information sprechen. Die Aussage eines Informanten, die ein bloßes Anschwärzen sein kann, reicht hier nicht. Auch das Vorliegen einer womöglichen Strafanzeige genügt nicht, denn diese kann ebenso aus der Luft gegriffen sein. Zeugenaussagen sind als Grundlage einer Verdachtsäußerung häufig nicht ausreichend.

3. Der Betroffene muss zu den Vorwürfen gehört worden sein, und seine Stellungnahme muss sich in ihren wichtigsten Punkten im Bericht wiederfinden. Ist der Beschuldigte nicht zu sprechen, beispielsweise weil er sich durch Untertauchen entzieht, genügt es, wenn der Journalist nachweisen kann, dass er sich rechtzeitig und ernsthaft um eine Stellungnahme bemüht hat.

4. Alle erreichbaren Quellen müssen ausgeschöpft werden.

5. Alle entlastenden Tatsachen müssen mitgeteilt werden.

6. Der Bericht muss den Vorwurf mit journalistischer Distanz wiedergeben, um jegliche Vorverurteilung zu vermeiden. Der Text muss deutlich zwischen Verdacht und bewiesener Schuld unterscheiden. Auch dem Wortlaut der staatsanwaltschaftlichen Presseerklärungen sollten Journalisten in diesem Punkt nicht vertrauen. Die Presse unterliegt hier strengeren Anforderungen als die Ermittlungsbehörde.

Sind diese Anforderungen erfüllt, so ist der Bericht zum Zeitpunkt seiner Verbreitung rechtmäßig.

Pressekodex:

Es gilt die Unschuldsvermutung

Ziffer 13 des Pressekodex, an den sich die meisten Zeitungen halten, befasst sich mit der Unschuldsvermutung: „Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.“

In der Richtlinie 13.1 (Vorverurteilung) heißt es: „Die Berichterstattung über Ermittlungs- und Gerichtsverfahren dient der sorgfältigen Unterrichtung der Öffentlichkeit über Straftaten und andere Rechtsverletzungen, deren Verfolgung und richterliche Bewertung. Sie darf dabei nicht vorverurteilen. Die Presse darf eine Person als Täter bezeichnen, wenn sie ein Geständnis abgelegt hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen hat. In der Sprache der Berichterstattung ist die Presse nicht an juristische Begrifflichkeiten gebunden, die für den Leser unerheblich sind. Ziel der Berichterstattung darf in einem Rechtsstaat nicht eine soziale Zusatzbestrafung Verurteilter mit Hilfe eines ,Medien-Prangers‘ sein. Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.“

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