24.05.2019 - 15:37 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Der Tag der vermissten Kinder

Am Samstag ist internationaler Tag der vermissten Kinder. Vor exakt 43 Jahren verschwand Monika Frischholz (12). Aktuell ist in der Oberpfalz ein Kind vermisst gemeldet: die zwölfjährige Vietnamesin Thi Chung.

Mit diesem Text fahndete die Polizei im Mai 1976 nach Monika Frischholz.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Ein Einspalter. Mehr nicht. Äußerst knapp vermeldet "Der neue Tag" das Verschwinden der zwölfjährigen Monika Frischholz am 25. Mai 1976: "Volksschülerin vermißt". Es folgt eine zweite Meldung zwei Tage später: "Nach wie vor vermißt". Das war's. Mehr erscheint zwei Monate lang nicht.

"Das waren andere Zeiten", meint Florian Beck, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Auch aus polizeilicher Sicht. Würde sich heute am Ortseingang von Flossenbürg eine Zwölfjährige in Luft auflösen, liefe eine irre Maschinerie an. Hubschrauber mit Wärmebildkamera, Mantrailer-Hunde, Auswertung von Handy-Daten - Beck fallen spontan jede Menge polizeilicher Maßnahmen ein, die heute gang und gäbe sind. Dabei will er die Arbeit der Kollegen von einst gar nicht bewerten. Eine andere Zeit eben.

Auch aus medialer Sicht: Aufmacherbild auf der Titelseite des "Neuen Tags" ist am Tag nach Monikas Verschwinden eine Ortsansicht von Flossenbürg. Zu sehen ist die Burgruine, im Vordergrund die Häuser der Froschau, wo die Schülerin zuhause war. Wer meint, der Fall hätte es auf die Titelseite geschafft, täuscht sich: Es handelt sich um die Ankündigung einer Sternwanderung des Oberpfälzer Waldvereins an Christi Himmelfahrt. Eine weitere Meldung berichtet über den Truppenabzug Kubas aus Angola. 13 000 kubanische Soldaten sind damals in Afrika stationiert - wer weiß das heute noch? Im Lokalteil bestimmt die Oberbürgermeister-Wahl die Schlagzeilen. Am Sonntag, 30. Mai 1976, gewinnt Newcomer Hans Schröpf sensationell gegen den Abgeordneten Willibald Moser. Monika Frischholz? Keine Zeile mehr.

Am heutigen Samstag - dem internationalen "Tag der vermissten Kinder" - jährt sich ihr Verschwinden zum 43. Mal. Dabei ist die Zahl der in Deutschland langfristig vermissten Kindern überraschend gering. Laut Bundeskriminalamt werden zwar tagtäglich Kinder als vermisst gemeldet, aber die wenigsten bleiben verschwunden. 2014 lag die Aufklärungsquote bei 99 Prozent (7198 Kinder vermisst, 7114 geklärt). Die 84 übrigen Fälle beinhalten auch Kindesentziehung bei Sorgerechtsstreitigkeiten, notorische "Streuner" und unbegleitete Flüchtlinge, die ihre Unterkünfte verlassen. Ihre Zahl schnellte 2015 nach oben, was die Statistik stark verändert hat (2018: 12 762 als vermisst registrierte Kinder, 12 440 geklärt). Das Internationale Rote Kreuz führt eine Suchdatenbank ("Trace the face"), in der Angehörige nach Migranten suchen, deren Spur sich in Europa verliert. Darunter sind 1000 Minderjährige.

In der Oberpfalz wird derzeit "nur" nach einem Kind gefahndet: Thi Chung Nguyen. Die Vietnamesin war in einer Jugendhilfeeinrichtung in Amberg untergebracht, die sie am 10. Dezember 2018 verlassen hat. Zuletzt wurde sie gesehen, als sie am Bahnhof Tickets nach Ostdeutschland kaufte. Die Polizei geht nicht von einem Verbrechen aus. Die Zwölfjährige, die laut Polizei auf 15 Jahre geschätzt werden kann, spricht kaum Deutsch, kein Englisch und hat keine nahen Verwandten in Deutschland.

Seit 10. Dezember 2018 abgängig: Thi Chung Nguyen (12).

Nach 30 Tagen gefunden

Der zweite Vermisstenfall eines jungen Menschen in der Oberpfalz - die Suche nach Johannes P. (20) aus Regenstauf - fand am Freitagmittag nach 30 Tagen Ungewissheit ein trauriges Ende. Der Student wurde tot hinter einem Verbrauchermarkt seines Heimatortes gefunden. Die Polizei geht von Suizid aus. Seine Familie und viele Freunde hatten in den letzten Tagen mit einer Videobotschaft nach dem jungen Mann gesucht. Die Suche lief multimedial, auch bei der Polizei. Das Präsidium hat die Vermisstenmeldung per Facebook veröffentlicht, der Eintrag wurde 500 Mal geteilt. Zigtausende werden mit einem Klick erreicht - andere Zeiten.

Die mediale Suche nach Monika Frischholz beschränkte sich damals auf die Region. Erst "Aktenzeichen XY" sorgte 1977 für größere Aufmerksamkeit. Die Familie blieb mit ihrer Sorge für sich. Der Mutter brach es förmlich das Herz, sie starb 1979. Monikas Bruder Bruno, im Februar 2019 verstorben, lag viel daran, dass man noch einmal einen Vorstoß wagte, das mutmaßliche Verbrechen an seiner Schwester aufzuklären.

Ausgeschlossen ist nichts. Der "Tag der vermissten Kinder" wurde 1983 von US-Präsident Ronald Reagan eingeführt, der damit einem Sechsjährigen gedenken wollte, der am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule verschwand. Der Fall ist ein Musterbeispiel, dass auch Cold Cases gelöst werden können. 2015 wurde ein Beschuldigter verhaftet, 2017 verurteilt.

Nach einem Hinweis im Sommer 2018 ist auch in die Vermisstensache Frischholz noch einmal Schwung gekommen. Eine Ermittlungsgruppe wurde gegründet, es erfolgten Grabungen und ein Tauchgang. Bislang erfolglos. Knochen, Uhr, Kleidung - viel gibt es nicht, was man finden könnte. Und noch immer gibt die Kripo nicht auf. Polizeisprecher Beck schließt weitere Aktionen nicht aus. Schon 1986 hatte die Staatsanwaltschaft versucht, den möglichen Mord aufzuklären. "Es ist viel Aufwand getrieben worden", erinnert sich der damalige Leitende Oberstaatsanwalt Lutz Höbold, der die neuen Ermittlungen mit großem Interesse verfolgt. Er hält nichts für unmöglich.

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Amberg

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