17.08.2018 - 17:08 Uhr
Deutschland & Welt

Der Fluch der böhmischen Acht scheint gebrochen

Es ist ein altes Zahlenspiel mit der 8: Ob Aufgang oder Untergang, alles verbindet sich mit dem Symbol der Unendlichkeit.

Zornige Prager Bürger umringensowjetische Panzer: Reformpolitiker innerhalb der KPČ unter Führung Alexander Dubčeks hatten 1968 versucht, in der Tschechoslowakei einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

1618 löst der Prager Fenstersturz den 30-jährigen Krieg aus - das protestantische Böhmen versinkt in der Dunkelheit der katholischen Habsburger Herrschaft. 1918 ist die Geburtsstunde der ersten Tschechoslowakischen Republik mit dem Philosophen Tomás Garrigue Masaryk als Präsidenten. 1938 verraten die Westmächte die CSR beim Münchener Abkommen - das Land wird erst zerstückelt, dann besetzt.

Die Enttäuschung über den Westen führt zur nächsten 8er-Tragödie: Die demokratisch denkenden Tschechen wenden sich mehrheitlich der KPČ zu - und die nutzen 1948 die Gelegenheit, die ganze Macht an sich zu reißen. Schauprozesse folgen. Ganz allmählich löst sich das Land aus der Erstarrung, der Prager Frühling macht Hoffnung. Die nächste 8 ist bereits im Anmarsch: Panzer rollen am 21. August 68 ins Land.

"Die Wahrheit siegt", proklamieren einige Dichter und Denker des Prager Frühlings und sprechen den Opportunisten unter den ehemaligen Reformkommunisten die Deutungshoheit ab: Mutige Querdenker wie der bürgerliche Václav Havel und der Marxist Pavel Kohout attackieren das Regime von links und rechts.

Vielleicht ist es ein Glücksfall, dass die Samtene Revolution nicht schon 1988 ihren Siegeszug antrat. Der Fluch scheint gebrochen, auch wenn sich die siegreiche Wahrheit, die als Flagge über dem Präsidentenpalast auf der Prager Burg weht, beim Amtsinhaber im böhmischen Wind dreht und windet.

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