Wer ein altes Haus kauft, der kauft auch seine Geschichte mit und fügt ihm selbst ein weiteres Kapitel hinzu, mit allen Freuden, Träumen, Schmerzen und Enttäuschungen, die das Leben so bereithält. Eva Menasses neues Buch „Alleinruhelage“ erzählt genau dies, die Geschichte eines Hauses als Hort sehr persönlicher Erinnerungen, aber auch als Spiegelbild einer bewegten Historie und einer Gesellschaft im Umbruch.
Das Haus, um das es hier geht, liegt irgendwo in der „alleröstlichsten Pampa“ am Rande eines von Schilf erstickten Sees. Es steht da inmitten einer „Lichtung voller Sonne und Farben“ und erinnert an „eine aufgestellte Käseecke. So spitz, schrullig und seltsam, ein Haus, dem die Tiefe, also sozusagen Rücken und Hintern fehlt.“ Das Haus, eine ehemalige Gastwirtschaft, ist Teil einer Datschensiedlung in einem Landschaftsschutzgebiet. Die begehrte „Alleinruhelage“ überzeugt. Die Käufer sind Zugereiste, Fremde, Berliner, sie zudem eine gebürtige Österreicherin. Und dann sind sie, oh Schreck, auch noch Intellektuelle. Drei Kinder stammen aus unterschiedlichen Beziehungen, eine Patchworkfamilie, die von den Datschenbewohnern argwöhnisch beäugt wird.
Versuch der Verwurzelung
Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Die Ich-Erzählerin, die wie Menasse als Autorin arbeitet, erzählt davon im Rückblick, als sie noch einmal wiederkehrt, um das geliebte Sommerhaus zu verkaufen. Diesmal endgültig, nachdem ein erster Versuch nach dem Ende ihrer Ehe scheiterte. Damals gab sie dem Haus eine zweite Chance. Nicht mehr als Heimstatt einer jungen, turbulenten Familie, sondern als Nest für eine ekstatische Liebe zwischen einem Mann und einer Frau in mittleren Jahren. Auch das ist nun aus und vorbei.
Menasse erzählt vom Versuch der Verwurzelung in fremder Umgebung. Die Städter müssen sich in die ostdeutsche Datschen-Hierarchie einfügen und sie tun das mit emsiger Beflissenheit, indem sie besonderen Arbeitseinsatz bei Gemeinschaftsaufgaben zeigen, etwa bei der Rettung des verschilften Sees. Auch freunden sie sich mit dem Oberzampano der Datschisten, einem gealterten Schönling im Paul-Newman-Stil an, einer „roten Socke“ mit undurchsichtiger Vergangenheit. Ein vermutlich aus der DDR-Zeit ererbtes Misstrauen gegen alles Fremde kennzeichnet eine boshafte Großfamilie, die durch schiere Überzahl ihre Macht ausspielt.
Loblied auf gewitzte Heimwerker
Dunkle Geheimnisse umwehen das vermeintliche Paradies. Was hat es zum Beispiel mit dem stacheldrahtumzäunten Bungalow im Wald auf sich, der als militärischer Sicherheitsbereich markiert und von Wachhunden beschützt wird? Ist das ein Nazinest? Die Ich-Erzählerin geht dem aber ebenso wenig nach wie dem Verdacht, dass die Festung im Wald ein ehemaliges Stasi-Gebäude war. Vielmehr hält sie sich an den Rat der „roten Socke“: „Man kann auch woanders spazieren gehen.“
Wir folgen der Erzählerin gerne auf ihren verschlungenen Pfaden durch diese verwunschene Welt der Erinnerungen, ihren Kampf gegen die wuchernden Schlingpflanzen im See und die nicht enden wollenden Tücken eines alten renovierungsbedürftigen Hauses. Ganz nebenbei ist dieses Buch auch ein Loblied auf den gewitzten Heimwerker, allerdings nicht den deutschen. Denn in Menasses Buch findet dieser Typus seine schönste Verkörperung in zwei überaus patenten Osteuropäern, dem obelixhaften polnischen Frührentner Bolek und Alla, der wilden „Baufrau aus Moldawien“ mit ihrer herzerfrischenden Devise: „Geht nicht, gibt's nicht“. Allein wegen dieser beiden schrulligen Charaktere lohnt sich schon das ganze Buch.
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