Update 05.01.2026 - 07:44 Uhr

Der Funtensee - das Kälteloch Deutschlands

Die tiefen Temperaturen, die Deutschland im Griff halten, sind nichts gegen die beißende Kälte am Funtensee in den bayerischen Bergen. Warum der Ort so besonders ist - und welches Rätsel er aufgibt.

Kalt, kälter - Funtensee. Der idyllische Fleck vis-à-vis vom Watzmann in den Berchtesgadener Alpen kann mit der tiefsten jemals in Deutschland gemessenen Temperatur aufwarten. Das liegt an einer geologischen Besonderheit. Noch dazu hat der kleine Bergsee ein ungelöstes Rätsel zu bieten.

Der Kälterekord

An Heiligabend 2001 maß eine private Wetterstation am Funtensee minus 45,9 Grad - der historische Tiefstwert in Deutschland. Die Station des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf der anderen Seite des 270 Meter langen und 130 Meter breiten Gewässers registrierte damals „nur“ minus 44,0 Grad - was den Rekord aber nicht in Zweifel zieht, wie DWD-Experte Tobias Reinartz erläutert: Schon minimale Faktoren könnten bei solch extremen Verhältnissen einen enormen Einfluss haben. „Es reicht, dass eine Station zwei, drei Meter höher liegt oder näher an der Senke ist.“ Außerdem hatte der DWD selbst ein Jahr zuvor, am 25. Januar 2000, mit minus 45,8 Grad einen nur minimal abweichenden Tiefstwert gemessen.

Die Geografie 

Der auf gut 1.600 Metern Höhe liegende See ist regelrecht eingekesselt, die Berge um ihn herum sind zum Teil über 2.000 Meter hoch. Dazu kommt, dass der See in dem Karstgelände unterirdisch versickert, statt oberirdisch abzufließen. Daher ist er rundherum umgeben von einer Schwelle, die an ihrer tiefsten Stelle etwa 100 Meter höher ist als der Wasserspiegel - wie ein Rest Suppe in einem Suppenteller. 

Der dritte Faktor ist die massive Abschattung des Sees durch einen südlich gelegenen Berg. „Da scheint die Sonne schon mal herein, aber im Winter nur wenige Stunden am Tag“, schildert Josef Egger, Ranger im Nationalpark Berchtesgaden.

Die Zutaten für extreme Kälte

„Schnee, windschwach, wolkenlos - das sind die drei Hauptfaktoren, die da sein müssen, damit es extrem kalt werden kann an diesem Ort“, zählt Meteorologe Reinartz auf. Das entstehende Phänomen fasst Ranger Egger in wenigen Worten zusammen: „Im Tal würde man sagen, es ist eine Inversionswetterlage, die kalte Luft wird unten festgehalten und kann nicht mehr weg, solange nicht ein Wind kommt.“ 

Der Mechanismus dahinter: „In der Nacht fließt die kalte Luft, die sich über den Bergen abgekühlt hat, die Berge hinunter zum See und sammelt sich dann dort in der Mulde“, schildert Reinartz. Das alleine reicht aber nicht. „Es muss wolkenlos sein, damit der Boden ausstrahlen kann, damit die Wärme letztlich ins Weltall abhauen kann. Und es muss windstill sein, damit sich die kalte Luft am See sammeln kann und nicht durch den Wind verfrachtet wird.“ Wenn dann noch auf dem gefrorenen See Schnee liege, fehle zudem die Bodenwärme. „Das heißt, die Luft, die über dem Schnee liegt, kann von unten nicht mehr erwärmt werden.“

Das Rätsel

Am Funtensee sticht eine doppelte Baumgrenze ins Auge. Normalerweise wird der Bewuchs in den Bergen nach oben hin immer niedriger und geht von Wald in Krummholz, Zwergsträucher und letztlich Gräser über. Am Funtensee jedoch wachsen direkt am See keine Bäume, erst etwas weiter oben kommen niedriger Bewuchs und dann auch wieder Bäume hinzu. 

Der Grund dafür ist umstritten. Viele machen dafür eben genau jene extreme Kälte verantwortlich, die den Pflanzen immer wieder das Leben schwer mache. In wissenschaftlichen Arbeiten wird hingegen der starke menschliche Einfluss hervorgehoben: Mehr als 350 Jahre lang, bis ins Jahr 1964, trieben die Bauern ihr Vieh hinauf zu den Almen am Funtensee. Dort sollen die Menschen die bestehenden Bäume gefällt und die Tiere die Jungpflanzen verbissen haben.

Ranger Egger findet es zumindest auffällig, dass es in dem Kessel keinen Wald gebe, jedoch ungefähr hundert Meter höher, wo die Kaltluft abfließen könne, nochmal ein Baumkranz aus Lärche und Zirbe stehe. Seine persönliche Meinung: „Ich bin schon der Überzeugung, dass nicht die Bauern dort den Wald gerodet haben, sondern dass die die Alm dort gemacht haben, weil in dem Kaltluftsee kein Wald war.“ Allerdings ergänzt Egger pragmatisch: „Vermutlich kann man das nicht mehr richtig nachweisen.“ 

Side Fact

Auch wenn am Funtensee die tiefste in Deutschland gemessene Temperatur registriert wurde - als kältester Ort führt ihn der Deutsche Wetterdienst dennoch nicht. „Dadurch, dass es so eine exponierte Lage ist, die null repräsentativ ist für Deutschland an sich, taucht dieser Wert in keiner offiziellen Auswertung vom DWD auf“, erzählt Reinartz. Es könnten sogar noch kältere Orte in Deutschland existieren. „Es gibt ganz viele Höhentäler und Senken in den Alpen, wo es Ähnlichkeiten gibt“, schildert Reinartz. Manche davon lägen noch höher. „Aber am Funtensee steht halt eine Messstation.“

Rekordhalter ist stattdessen Wolnzach-Hüll in Oberbayern. Dort wurde es am 12. Februar 1929 minus 37,8 Grad kalt. Selbst für Meteorologe Reinartz etwas Besonderes. „Es kommt schon alle paar Jahre mal vor, dass es extrem kalt wird, Temperaturen unter minus 20 Grad hatten wir in den letzten Jahren schon auch hin und wieder. Aber unter minus 30 ist schon sehr, sehr, sehr selten!“

Infos Zweckverband Bergerlebnis Berchtesgaden

Infos zum Funtensee-Rekord vom DWD

© dpa-infocom, dpa:260105-930-498520/3

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.