16.08.2019 - 10:54 Uhr

Harmonie und Klang

Im September gastiert Uli Jon Roth, der mit den Scorpions Rockgeschichte geschrieben und viele Gitarristne mit seinem virtuosen Spiel beeinflusst hat, in Wurz. Im Interview erzählt er von seinen Erinnerungen an die Oberpfalz.

Der 1954 in Düsseldorf geborene Uli Jon Roth zählt zu den weltweit einflussreichsten Rock-Gitarristen. Bild: Uli Jon Roth
Der 1954 in Düsseldorf geborene Uli Jon Roth zählt zu den weltweit einflussreichsten Rock-Gitarristen.

Schweden, England, Norwegen, Belgien, Griechenland, Frankreich - und Wurz: Uli Jon Roth wird als Hauptact das "Storm Crusher"-Festival besuchen. Die Musikredaktion führte mit ihm dieses Interview.

ONETZ: Sie spielen nicht zum ersten Mal in der Oberpfalz. Im November 1977 fand im Weidener Josefshaus eine Ihrer letzten Shows mit den Scorpions statt, bevor es auf Ihre erste große Japan-Tournee ging. Haben Sie noch Erinnerungen daran?

Uli Jon Roth: Uli Jon Roth: An diese spezielle Show kann ich mich nicht erinnern. Aber ich weiß, dass wir am Tag zuvor in Hamburg gespielt hatten. Dort waren immer all unsere Bekannten, und es gab immer riesige Partys. Die allerletzten Shows vor unserer Japan-Tour fanden übrigens ganz in Eurer Nähe statt, in einem winzig kleinen Dorf in Franken namens Schnaid. Der Bruder meiner damaligen Freundin Monika Dannemann betrieb dort eine Discothek. Dort hatten wir uns mit den Scorpions vor der Japan-Tour im Frühjahr 1978 einquartiert, geprobt und auch einige Male live gespielt. Aber weißt Du etwas mehr über diese Show in Weiden?

ONETZ: Im Pressebericht des „Neuen Tags“ von 1977 hieß es, dass die Scorpions zunächst Angst hatten, auf die Bühne zu kommen, weil sich im Publikum eine Rockergang aus Cham befand. Es mussten erst noch mehr Security-Leute die Show absichern.

Uli Jon Roth: Davon weiß ich nichts mehr. Aber es kam einige Male vor, dass wir Betrunkene im Publikum hatten, die Stress machten. In Bad Homburg war es einmal schlimm, da mussten wir flüchten. Ansonsten war die Stimmung auf unseren Shows immer total friedlich. Das war eine ganz andere Zeit als heute. Steht in dem Bericht sonst noch etwas?

ONETZ: Die Lokalreporter beschwerten sich, dass sie die Band wegen des dichten Trockeneisnebels nicht richtig sehen konnten …

[Lacht] So schlimm war das doch damals gar nicht! Wir verwendeten das Trockeneis immer nur bei unserem Song „Fly To The Rainbow“.

ONETZ: Das „Storm Crusher“-Festival ist ein pures Heavy-Metal-Festival mit einigen richtig harten Bands. Woher rührt in den letzten Jahren das Interesse dieser Szene an Ihrem Sound, der ja eher von Gitarristen wie Jimi Hendrix und klassischer Musik geprägt ist.

Uli Jon Roth: Gute Frage! Das kann ich Dir nicht beantworten. Ich war ja nie ein Heavy-Metal-Gitarrist. Womöglich wollen die Veranstalter etwas melodischeres, um das Gesamtpaket aufzulockern, und rufen deswegen bei mir an. Vielleicht wollen die jungen Fans auch etwas über den Tellerrand blicken und unseren Sound anchecken. Wir setzen noch auf ein sehr authentisches Klangbild – den organischen Sound der frühen Siebziger. Vielleicht ist das für die Jüngeren heute wieder interessant.

ONETZ: Lassen Sie sich umgekehrt auch von den härteren Metalbands und deren Energie auf den Festivals inspirieren? Oder nehmen Sie Reißaus, wenn es zu hart wird?

Uli Jon Roth: Eher letzteres. Ich habe einfach eine Abneigung gegen diesen Klang. Wenn ich diese Musik vor unseren Auftritten höre, möchte ich meist nach einer Minute nur noch weg. Ich bin da sehr altmodisch, ich stehe auf ein harmonisches Klangbild. Mit Brutalität und Aggression in der Musik konnte ich noch nie etwas anfangen. Das war nie meine Welt.

ONETZ: Seit einigen Jahren treten Sie in Ihren „Sky Academy“-Seminaren auch als Musiklehrer auf. Was ist Ihnen wichtiger: Disziplin oder Inspiration?

Uli Jon Roth: Disziplin ist schon wichtig, vor allem zu Hause beim Üben. Aber worum es mir vor allem geht, ist es Inspiration zu vermitteln. Oder besser: Ich möchte die Inspiration vermitteln, sich inspirieren zu lassen. Wir leben heute in einer Welt, die sehr von Stress und Ablenkungen bestimmt ist. Da fällt es schwer, sich auf die Musik einzulassen. Das möchte ich bei meinen Seminaren erreichen: Dass meine Schüler es schaffen, mal loszulassen und sich ihrer Inspiration hingeben.

ONETZ: Man hat bisweilen den Eindruck, dass Musik in der jüngeren Generation nur noch zwischen Castingshow und Klingelton eine Bedeutung entfaltet. Wie schafft man es heute, junge Menschen für ein Instrument wie die Gitarre zu begeistern?

Uli Jon Roth: Es ist wichtig, früh damit anzufangen. Das gilt für jeglichen Umgang mit Musik. Sie wirkt sich auf alle Bereiche der persönlichen Entwicklung und Intelligenz positiv aus. Musik ist ein Allheilmittel – solange sie nicht zur Obsession wird. Irgendwann muss aber dann der Impuls von Innen kommen, mit Druck funktioniert es dann nicht mehr. Aber das ist heute extrem schwierig, denn gerade die junge Generation wird total auf Beschleunigung und Schnelligkeit getaktet. Sie sind durch ihre I-Phones permanent abgelenkt und von der Welt abgekoppelt, weswegen viele Jugendliche auch mit ihrem Leben nicht mehr klar kommen. Dazu propagieren die sozialen Medien ein absolut oberflächliches Dasein.
Das bereitet mir echte Sorgen, denn diese Geschwindigkeit und Oberflächlichkeit sind kein Nährboden für Menschen, die kreativ sein wollen. Die tiefere und konzentrierte Auseinandersetzung mit Musik, etwa die Zeit, ein Instrument zu beherrschen, die ist oft nicht mehr vorhanden. Wer weiß, wie das in 20 Jahren sein wird?

Info:

Service

„Storm Crusher“-Festival vom Freitag, 13. und Samstag, 14. September (ab 14 Uhr, Einlass 13 Uhr), in der O‘Schnitt-Halle in Wurz (Kreis Neustadt/WN).

Line-up: Uli Jon Roth und seine „Scorpions Revisited Show“ (Deutschland), Demon (England), Atlantean Kodex (Vilseck), The Exalted Piledriver (European Exclusive Show), Lord Vicar, Bulldozer, Metalian, Mass, Necros Christos, Magister Templi, Helvetets Port, Ironflame, Stälker, Blackslash, Freeways, Küenring, Nekrovault und God’s Away On Business.

Warm-up-Party am Donnerstag, 12. September. (puh)

www.storm-crusher.de

Informationen und Karten:

www.puresteel-shop.com/STORM-CRUSHER-FESTIVAL-2019

www.van-records.de/product_info.php?products_id=4130

 
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