Im Hier und Jetzt

Auf ihrem aktuellen Album "Kicks" vereint Rickie Lee Jones Emotionen mit Songs wie "My Fathers Gun" und Humor in Songs wie "Houston". Die richtige Balance zwischen 70er-Rock und 50er-Jazz war für Jones kein Problem.

Auf "Kicks" präsentiert Rickie Lee Jones ihre neusete Sammlung an Songs aus den 50er bis 70er Jahren. Mit einer Mischung aus Pop, Rock und Jazz präsentiert sie ihre einzigartige und anspruchsvolle Interpretation dieser Songs.
von Autor MFGProfil

Rickie Lee Jones riss bereits 1969 - gerade mal 14 Jahre jung - von ihrer Heimat Chicago aus, um seither nie mehr in ihr Elternhaus zurückzukehren. Das wilde Kalifornien war ihr Ziel, wo sie bis vor sechs Jahren an unterschiedlichen Orten residierte. "The Lady Is A Tramp", hätte Frank Sinatra das lyrisch mit seinem gleichnamigen Lied ausgedrückt. Doch ganz so poetisch war das Dasein der "ewigen Herumtreiberin", wie sich die Singer/Songwriterin selbst benennt, "garantiert nicht immer", beteuert sie.

Rickie Lee Jones bezeichnet sich als "ständig Abenteuerlustige, ich wollte nicht nur Musik machen und davon mein Leben fristen können - ich wollte einen kompletten Lifestyle der Andersartigkeit zelebrieren, eine Art "poetisches Underdog-Dasein" in Szene setzen. Das habe ich ausführlich getan. Ob mir so eine Existenz immer gut getan hat, ist eine andere Geschichte. Jedes Extrem hat seine positiven wie negativen Seiten."

Tage zu Nächten gemacht

Die heute 64-Jährige war in den 1970ern Lebensgefährtin der damaligen Schnapsdrossel Tom Waits (der seit langem dem Alkohol komplett abgeschworen hat), trieb sich mit Größen wie Dr. John, Randy Newman oder Michael McDonald von den Doobie Brothers herum, mit denen sie Musik live spielte und aufnahm, zudem nicht wenige Nächte zu Tagen machte. Beinahe nebenher wurde die Ausnahme-Musikerin 1980 völlig zurecht für ihr grandioses, nach ihr betiteltes Debütalbum für zwei Grammys nominiert. "Stimmt schon, ich hatte ein wildes Leben, eine endlose lange Sause", erinnert sich Jones anno 2019. "Ich bereue meine Vergangenheit nicht. Aber ich möchte zur selben Zeit keine Zukunft mehr in diesem verrückten Stil haben. Darum bin ich im Jahr 2013 nach New Orleans gezogen, wo ich bis heute lebe. Ich wollte weg aus dieser falschen Glitzerwelt von Hollywood & Co. "No more Showbusiness", lautet meine Devise seit dem Umzug. Es wurde Zeit, dass ich mich ganz auf meine Musik zurück-konzentriere."

Von Folk bis Blues

Rickie Lee Jones hat 2014 ihre eigene Plattenfirma gegründet, darauf ist aktuell ihr Album "Kicks" erschienen. Zu hören sind Coverversionen aus den 50ern bis 70ern, zuvorderst eine eigenwillige, intensive Mixtur aus Folk, Jazz, Blues und Pop, getragen von dieser unvergleichlichen Stimme. Die mag inzwischen brüchiger als einst klingen, eher Nico als Joni Mitchell, bedingt durch die bewegte Vergangenheit. Dadurch ist dieses Sangesorgan allerdings auch verletzlicher geworden, wirkt eindringlicher. Doch wie kam es zum Umzug speziell nach New Orleans? "Ich habe diesen Ort bewusst gewählt - vermutlich hat er auch mich ausgewählt", erklärt Jones etwas kryptisch. "Schon als ich anreiste, war mir klar, dass es der menschlichste Ort ist, den man in den USA aktuell findet. Hier gibt es noch einen echten Milchmann, der die morgens eine Flasche vor die Tür stellt. Der Müll wird von richtigen Leuten entsorgt, nicht von Maschinen wie in Los Angeles. Wenn du neu einziehst, machst du einen Antrittsbesuch bei den Nachbarn - und sie öffnen tatsächlich die Tür und plaudern mit dir. Im Rest von Amerika ist das die grandiose Ausnahme. Richtig, ich habe mich nach Herzenswärme und Empathie gesehnt. Daher musste ich weg von der Westküste."

Die einst so legendär-lässige Westcoast hat Rickie Lee Jones seit längerem emotional nicht mehr gut getan, wie sie seufzend berichtet: "In den letzten Jahren dort hatte ich kaum Geld und wenig Motivation für die Arbeit", bekennt sie. "Stattdessen habe ich viel geträumt. Ich befand mich gerne in einer Art Parallel-Welt. Es ist ein interessantes Dasein, mehr oder weniger von der Hand in den Mund zu leben. Eine Zeitlang war ich beinahe traurig, wenn ich meinem Broterwerb nachgehen und im Studio Musik aufnehmen oder live spielen musste. Doch seit ich in New Orleans wohne, habe ich einen neuen Kick für Kreativität bekommen. Ich bin wieder voll da! Nun ja, zumindest rede ich mir das ein."

Unglaubliche Sehnsucht

Die Antriebsfeder für dieses spezielle Werk war, laut Rickie Lee Jones, "die Sehnsucht nach den alten Zeiten, obwohl ich im Hier und Jetzt verankert bin. Interessant für mich", sagt die Troubadourin, "dass ich etwa die 70er gehasst habe, als ich mittendrin steckte. Heute habe ich eine unglaubliche Sehnsucht nach dieser Ära." Jones steckt demnach zwischen allen Dekaden, in denen sie zu Gast sein durfte. "Das ist wirklich verrückt", lacht sie, "weil ich mir beinahe Tag für Tag wie eine Außerirdische vorkomme. Aber wenn man sich über diesen Zustand nicht allzu viele Gedanken macht, ist das auch ganz lustig. So lange ich kreativ bleibe, staune ich immer wieder aufs Neue."

www.rickieleejones.com/

Plattencover "Kicks"
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