07.01.2021 - 14:19 Uhr
Deutschland & Welt

Jan Josef Liefers über Corona, Filmedrehen und die Figur Joachim Vernau

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Als Anwalt Joachim Vernau gerät Jan Josef Liefers ins Haifischbecken der Berliner Immobilienspekulanten. Ein Gespräch über explodierende Mieten, grassierende Viren und Mexiko in Berlin Marzahn.

Joachim Vernau (Jan Josef Liefers) sucht und findet Brigitte Marquardt (Carina Wiese) mit einer Waffe in der Hand.
von Redaktion KulturProfil

Von Andrea Herdegen

ONETZ: Herr Liefers, seit 1983 haben Sie fast durchgehend in Berlin gelebt. Wie sehen Sie die Entwicklung, die im Film thematisiert wird, wo Immobilien-Haie Mieter aus ihren Wohnungen klagen und Multimillionen-Spekulationen um Grundstücke laufen?

Jan Josef Liefers: Generell finde ich, dass das Grundrecht auf Wohnen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen sehr teuer erkauft werden muss. Für jemanden, dessen höchste Miete in Ostberlin 42,80 Mark für zwei Zimmer betragen hatte, noch immer ein Kulturschock. Andererseits war diese Wohnung völlig abgewohnt, hatte enormen Renovierungsstau und musste mit Briketts geheizt werden. Ob Mietendeckel das Problem lösen, bezweifle ich. In einer Marktwirtschaft wird Wohnraum erst wieder günstiger zu haben sein, wenn mehr im Angebot ist, als nachgefragt wird.

ONETZ: Objekt der Begierde im Film ist das Tempelhofer Feld, das riesige Areal des früheren Flughafens Berlin-Tempelhof. Über die künftige Nutzung wird auch in der Realität gestritten. Was wäre die ideale Lösung?

Jan Josef Liefers: Ich dachte immer, die Randbebauung mit Wohnhäusern ist eine sinnvolle Sache. Das Rollfeld abzutragen und die vermutlichen Bodenkontaminierungen zu beseitigen, ist sicher ein irrer Aufwand. Eine so große Freifläche zur Nutzung für Sport und Freizeit mitten in Kreuzberg-Tempelhof zu haben, ist aber auch was Großartiges, besonders in einer Zeit, in der das vielzitierte Wohl des Menschen in der Geldwelt null von Interesse ist.

ONETZ: Auch die Autorin der Vernau-Romane, Elisabeth Herrmann, ist Wahl-Berlinerin. Wie finden Sie es, wie sie tatsächliche Geschehnisse und Thriller-Handlung miteinander verquickt?

Jan Josef Liefers: Das ist ihre schlaue Handschrift bei den Vernau-Krimis. Es gibt der Krimi-Handlung einen historischen Bezug, man wird nicht nur in Spannung gehalten, sondern erfährt auch noch etwas.

ONETZ: „Requiem für einen Freund“ ist das sechste – und bislang letzte – Buch von Frau Herrmann in dieser Reihe. Wie geht es jetzt weiter? Es sollte doch jedes Jahr einen Vernau-Fall im ZDF geben.

Jan Josef Liefers: Auch bisher gab es keinen strikten Zeitplan für neue Vernau-Krimis. Mal jedes Jahr einen, mal waren zwei Jahre Pause… Es ist eher eine lose Folge, und so könnte es von mir aus auch bleiben. Wir brauchen ja immer eine gute Story, bevor es losgeht mit dem Dreh. Ich mag die Figur, sie ist immer noch recht einzigartig in der deutschen TV-Krimi-Landschaft.

ONETZ: Lesen Sie die neuen Elisabeth-Herrmann-Romane sofort nach Erscheinen? Oder warten Sie lieber auf das Drehbuch?

Jan Josef Liefers: Wenn ein neuer Vernau da ist, lese ich meist zuerst den Roman, und dann vergeht ohnehin eine Weile bis zum fertigen Drehbuch. Fast alle Vernau-Filme unterscheiden sich am Ende auch von den Romanen. Filme folgen anderen Regeln als Romane. Ich lese generell viel. In Zukunft möchte ich mehr eigene Ideen verfolgen, selbst mit Partnern Stoffe entwickeln und sie zu Filmen machen.

ONETZ: Der Film wurde nach dem ersten Corona-Lockdown im Frühsommer 2020 fertiggedreht. Es gibt sogar einige Szenen mit Anspielungen auf das Virus. Wie schwierig war es für alle Beteiligten, das Projekt zu Ende zu bringen?

Jan Josef Liefers: Kann man unter Corona-Bedingungen Filme drehen? Ja! Und Dutzende Produktionen haben bewiesen, dass es für alle auf eine sichere und gefahrlose Art machbar ist. Alles, was im richtigen Leben nervt, nervt auch beim Arbeiten. Aber damit kann man leben. Und so können wenigstens in der Filmbranche die Menschen in ihren Berufen arbeiten und Geld verdienen. Alles, was mit Publikum zu tun hat, geht derweil den Bach runter.

ONETZ: Der Showdown sollte laut Drehbuch im Ausland stattfinden. New York schied wegen Corona aus. Jetzt endet der Film in Mexiko – aber da waren die Darsteller gar nicht. Stimmt es, dass die Mexiko-Szenen in Marzahn gedreht wurden?

Jan Josef Liefers: Das stimmt zum Teil. Wegen der Reisebeschränkungen wurde mit allen Mitteln gekämpft: Schauspieler hier in Berlin vor einer großen grünen Wand, Hintergründe wurden später in Baja California nachgedreht, und dann wurde beides so zusammengefügt, dass man möglichst den Trick nicht mehr sieht.

ONETZ: In „Requiem“ gibt es eine kleine Hommage an Alfred Hitchcock und Cary Grant. Wer kam auf die Idee mit der (Modell-)Flugzeug-Attacke wie in „Der unsichtbare Dritte“?

Jan Josef Liefers: Ich glaube, der Modellflieger war eine Idee von Joseph Rusnak, dem Regisseur. Das Zitat aus dem „Unsichtbaren Dritten“ ergab sich beim Spiel. Lag ja auch nahe.

ONETZ: Ihrem jetzt sechsten Einsatz als Joachim Vernau stehen 38 „Tatorte“ aus Münster mit Professor Boerne gegenüber. Was mögen Sie an diesen beiden so unterschiedlichen Figuren?

Jan Josef Liefers: Dazwischen liegen Welten. Das macht es für mich als Schauspieler besonders schön. Ich schlüpfe gerne in verschiedene Charaktere. Der eine ein Rechtsmediziner, etwas weltentrückt, ein Nerd, ein Snob, ein brillanter Experte mit mageren sozialen Fähigkeiten. Der andere emphatisch, mit einer gewissen Grandezza und Lässigkeit. Was beide verbindet, ist der Hang zu schicken Anzügen. Diese wiederum spielen bei mir privat eine Nebenrolle. Das mag ich.

ONETZ: Zweimal „Tatort“ im Jahr, einmal ein „Vernau“-Fall, diverse andere Kino- und Fernsehrollen, dazu Platten und Tourneen mit Ihrer Band. Herr Liefers, sind Sie ein Workaholic?

Jan Josef Liefers: Eigentlich lebe ich gerne in den Tag hinein. Wenn ich mir die letzten zwanzig Jahre anschaue, sehe ich das Gegenteil: einen Workaholic. Vielleicht kommt es daher, dass ich meine Arbeit so gerne mache, dass sie mir nicht wie Arbeit vorkommt. Aber nun werde ich auch langsam älter. Um noch ein paar Jahre unverletzt durch brennende Reifen springen zu können, habe ich den Sport wieder mehr in mein Leben integriert. Das kann ich jedem empfehlen. Es muss ja kein Rennrad sein, obwohl Radsport schon eine sexy Sache ist – und immer schon war.

Ein besonderes Filmprojekt

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Zur Person::

Jan Josef Liefers

Der 1964 in Dresden geborene Jan Josef Liefers stammt aus einer Theaterfamilie. Am Staatstheater Dresden lernte er Tischler, bevor er 1983 nach Berlin an die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ ging. Seit Ende der 1980er-Jahre ist der Schauspieler erfolgreich auf der Bühne sowie in Film und Fernsehen. Besonders seine Darstellung des Gerichtsmediziners Professor Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne im „Tatort“ aus Münster machte ihn zum Publikumsliebling. Liefers, der mit seiner Band Radio Doria auch als Musiker erfolgreich ist, lebt in Berlin. Der Vater von vier Kindern ist verheiratet mit der Schauspielerin und Sängerin Anna Loos.

Der Film:

„Requiem für einen Freund“

„Requiem für einen Freund“ nach dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Herrmann spielt im Berlin von heute mit all seinen Problemen. Es geht um Wohnungsnot, Korruption, Gier und Bestechung in höchsten Kreisen. Aber es geht auch um die alte Freundschaft von Anwalt Joachim Vernau (Jan Josef Liefers) zu Sebastian Marquardt (August Zirner), der Baulöwen und Politiker berät und dabei – im Gegensatz zum integren und unbestechlichen Vernau – gut verdient.

„Requiem für einen Freund“ läuft am Montag, 11. Januar, um 20.15 Uhr im ZDF und ab 9. Januar jederzeit in der ZDF-Mediathek.

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