Journalisten dürfen nicht zum Werkzeug von Verbrechern werden

Der Attentäter von Christchurch hat seine Morde gefilmt und live auf Facebook verbreitet. "Bild.de" veröffentlichte Ausschnitte der Aufnahmen. Der Deutsche Presserat prüft nun, ob er ein Verfahren einleitet.

Trauernde gedenken der Opfer des Anschlages. Das Massaker mit mindestens 50 Todesopfern in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch geht allem Anschein nach auf das Konto eines Rassisten.

(epd/dpa/kan) Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat Redaktionen kritisiert, die das Täter-Video des Terroranschlags in der neuseeländischen Stadt Christchurch veröffentlicht haben. "Es steht für mich außer Frage, dass journalistische Medien nicht das Video des Attentäters zeigen dürfen, auch nicht in längeren Ausschnitten", sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Aufgabe von Journalisten sei die Information und nicht die Befriedigung von Sensationsbedürfnissen. Es könne nicht sein, dass Facebook millionenfach das Video des Attentäters lösche und hierzulande einzelne Boulevardmedien Teile des Films auf ihren Digitalseiten zeigten.

Das sagt Facebook

Facebook hat nach eigenen Angaben den ersten Hinweis auf das Video nach 29 Minuten erhalten. Der Täter hatte seinen Angriff auf zwei Moscheen live im Netz übertragen. Der Nutzerhinweis kam laut Facebook zwölf Minuten nach Ende dieses Livestreams. Das Video sei "binnen Minuten" nach einer Anfrage der neuseeländischen Polizei gelöscht worden. Damit war zunächst unklar, wie lange genau es online stand. Livestream-Videos bleiben nach Ende einer Übertragung zum Abruf verfügbar.

Während des Livestreams sei das Video weniger als 200 Mal angesehen worden, insgesamt jedoch rund 4000 Mal, bevor Facebook es entfernte. Allerdings habe ein Nutzer der Plattform 8chan eine Kopie auf eine Filesharing-Seite hochgeladen, noch bevor Facebook auf das Video aufmerksam gemacht wurde. Das dürfte zur späteren Verbreitung des Videos beigetragen haben.

Facebook hatte am vergangenen Wochenende erklärt, das Online-Netzwerk habe allein in den ersten 24 Stunden 1,5 Millionen Videos mit der Darstellung des Anschlags gelöscht. Davon seien 1,2 Millionen bereits beim Hochladen gestoppt worden. Da Nutzer versucht hätten, die automatische Erkennung mit Veränderungen am Video auszutricksen, sei auch der Ton abgeglichen worden.

Bei "Bild.de" zu sehen ist unter anderem der Täter, wie er seine Waffe auspackt und auf eine Moschee zugeht. Opfer und brutale Szenen sind nicht zu sehen. Nach den ersten Szenen bricht das Video ab. Auf der Website heißt es dazu: "Ab hier zeigt BILD keine Filmsequenzen mehr aus dem Video des rechtsextremen Killers, nur noch Standbilder. Die Bewegtbild-Szenen sind unerträglich."

Ausdrücklich widerspricht DJV-Vorsitzender Frank Überall der Aussage, der Journalismus dürfe solche Bilder nicht den sozialen Netzwerken überlassen: "Journalismus hat die Aufgabe, aufzuklären, Informationen einzuordnen, sie zu recherchieren, Hintergrund zu liefern. Welchen Erkenntnisgewinn haben Mediennutzer davon, durch die Perspektive der Body Cam des Attentäters einen Teil des grauenhaften Geschehens zu sehen?" Wenn sich jetzt Bürger beim Presserat beschwerten, sei das die logische Konsequenz, sagte Überall.

Zahlreiche Beschwerden

Beim Deutschen Presserat gingen bisher allein gegen die Veröffentlichung des Videos auf "Bild.de" mehrere Dutzend Beschwerden ein, wie eine Sprecherin des Selbstkontrollorgans dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Nach Angaben des Presserats wird geprüft, ob Verstöße gegen den Artikel 11 des Pressekodex vorliegen. Dort heißt es unter anderem: Bei der Berichterstattung über Gewalttaten wäge die Presse "das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen." Artikel 11.5 führt zudem aus: "Die Veröffentlichung sogenannter Verbrecher-Memoiren verstößt gegen die publizistischen Grundsätze, wenn Straftaten nachträglich gerechtfertigt oder relativiert werden, die Opfer unangemessen belastet und durch eine detaillierte Schilderung eines Verbrechens lediglich Sensationsbedürfnisse befriedigt werden."

Den Presserat erreichte zudem eine weitere Beschwerde gegen die Berichterstattung in der gedruckten "Bild"-Zeitung vom Samstag, 16. März. Vier weitere Beschwerden richten sich gegen die Titelseite der Berliner Boulevardzeitung "B.Z." vom vergangenen Samstag. Das Blatt hatte mit Blick auf den Attentäter von Christchurch und den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz vom Dezember 2016 getitelt: "Er tötete Unschuldige aus Rache für den Terror am Breitscheidplatz". Die Zeitung bezog sich dabei darauf, dass auf einem der Gewehre des Täters "For Berlin" ("für Berlin") stand.

Die Beschwerdeführer kritisierten die Schlagzeile unter anderem als islamfeindlich, wie die Sprecherin des Presserats sagte. Dieser prüft nun, ob er Verfahren gegen "Bild" und "B.Z." einleitet.

Info:

Das sagt "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt

In einem Kommentar hat „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt die Veröffentlichung des Videos verteidigt. „Wir zeigen diese Bilder ganz bewusst. Wir glauben, dass wir diese Bilder zeigen müssen“, so tut er kund. Und doziert: „Journalismus muss zeigen, was geschehen ist. Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat. Das Video des Massakers ist online überall genauso verfügbar, wie der Täter es wollte. Journalismus darf solche Bilder aber nicht Social Media überlassen.“ Schließlich formuliert der „Bild“-Chef: „Durch Journalismus wird aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: kein Kämpfer, kein Soldat. Sondern bloß ein niederträchtiger, feiger Mörder, der unschuldige, wehrlose Menschen massakriert hat. So und nicht anders, nicht in der Version seines Videos, sollten wir an ihn denken. Wir trauern um seine Opfer.“ (kan)

Info:

Worte, denen ich mich anschließe

Der Journalist Stefan Fries (Deutschlandfunk) hat dieser Tage einige bemerkenswerte Sätze gesagt: „Natürlich müssen Journalisten über solch eine Tat berichten. Die Frage ist, wie sie das tun. Über die Morde lässt sich auch ohne Bilder vom Täter und Bilder des Täters berichten. Das Bekennerschreiben lässt sich als rechtsextrem einordnen, ohne es kontextlos zu zitieren. Journalisten tragen Verantwortung. Sie können sich nicht von den Folgen ihrer Berichterstattung freisprechen. Es ist keine Selbstzensur, wenn sie nicht alle Details veröffentlichen, von denen sie während der Recherche erfahren. Sie wählen immer aus, das ist Teil ihrer Arbeit.

In vielen Situationen handeln Journalisten heute schon anders als in der Vergangenheit, etwa indem sie nicht mehr Geiselnehmer und Geiseln während der Tat interviewen, wie im Fall Gladbeck passiert, oder indem sie zurückhaltend über Selbsttötungen berichten, was die Zahl der Fälle hat sinken lassen. Es wird Zeit, dass sie das auch bei Terroranschlägen tun. Denn Terroristen wollen nicht nur töten, sondern Angst und Schrecken verbreiten. Wer in ihrem Sinne berichtet, wird zum Mittäter.“

In einem Blog-Eintrag bezieht Stefan Fries Position zum Aspekt der Namensnennung des Täters: „Was bringt mir als Nutzer der Name von jemanden, den ich sowieso nicht kenne? Er führt nur dazu, dass derjenige genau die Aufmerksamkeit bekommt, die er sich wünscht, und die er – ich wiederhole das bewusst – nur bekommt, weil er Menschen getötet hat. Er animiert Nachahmer, er wird zum Vorbild für weitere Täter, ebenso, wie er sich möglicherweise prominente Massenmörder zum Vorbild genommen hat.“ (kan)

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