24.05.2018 - 15:13 Uhr
KallmünzDeutschland & Welt

Weltkünstler zu Gast in Kallmünz

Künstlerkolonien gibt es viele. Kallmünz ist das Kunstidyll der Oberpfalz. Kandinskys Beispiel folgten viele – und so gehen dem Bergverein nie die Exponate bekannter Maler aus, die die Burgruine hoch über Ort, Naab und Vils porträtierten.

Angela Weigert und Martin Meyer vor Schilbachs Kallmünz-Gemälde aus den 1920er Jahren, ein Geschenk der Witwe des früheren SPD-Landtagsabgeordneten Xaver Wolf.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ohne den Berg mit der Burgruine keine Künstler. So sieht das jedenfalls der Bergverein. Weshalb Vorsitzender Martin Mayer die Themen Kunst und Berg zusammenführt. Und tatsächlich: Auf den meisten der 50 Gemälde von 40 zumeist namhaften Künstlern - von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart - sind beide abgebildet.
Mayer ist mehr als nur Kurator der Ausstellung, er ist Kallmünz' wandelndes Kunstlexikon und kann zu jedem Gemälde eine Anekdote zum Besten geben. Und klar, da darf das Sujet Berg nicht fehlen: Zum Ölbild "Hirtin auf dem Berge" des Würzburgers Wilhelm Schachtweiß er: "Die alten Kallmünzer kennen dieses Hirtenmädchen Zillero noch", verbindet er gleich eine Botschaft mit der Geschichte. "Der Bergverein hat es geschafft, den inneren Wall wieder freizustellen", weil sich die Kunst- und Bergfreunde lange ärgerten, dass die charakteristische Silhouette zuwucherte. "Der nächste Schritt wird sein, den Wall von Bewuchs freizuhalten - die probate Lösung ist die, die der Maler hier darstellt ... die Ziegen machen sich schon bereit."

Unwägbarer Kunstmarkt

"Von Münter bis Miller" ist der zweite Teile der Reihe"Kallmünz mit den Augen der Maler"überschrieben. Die 50 Kunstwerke von 40 Malern sind mit einem Gesamtwert von lediglich 100 000 Euro versichert: "Der Einkaufswert ist dreimal so hoch", meint Mayer, "auch wenn die Münchener Schule, der viele der ausgestellten Maler angehören, an Wert verloren hat." Die Unwägbarkeiten des Kunstmarkts eben.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ausgerechnet der künstlerische Dilettant und Massenmörder Adolf Hitler den realistisch-romantischen Stil der Stadt der braunen Bewegung besonders schätzte: Hermann Gradl nahm der Oberfaschist in seine "Liste der 12 gottbegnadeten Künstler" auf - darunter Schauspieler und Musiker. "Gradl erhielt den mit sagenhaften 80 000 Reichsmark dotierten Auftrag, den Reichstag auszumalen", weiß Mayer. Constantin Gerhardinger, einem anderen Vertreter dieser Schule, kaufte er ein Bild für 5000 Mark ab - das Jahreseinkommen eines Kunstprofessors.
Das teuerste Bild der Ausstellung ist die mit 35 000 Euro versicherte Leihgabe "Brücke" (1923) - im Besitz der 90-jährigen Tochter - von Anton Lutz aus Linz. Das Kuriosum dabei: "Weil er es nicht verkaufen konnte, hat er die Leinwand umgedreht und eine nackte Schönheit auf die Rückseite gemalt." In der Ausstellung sind nun beide Seiten zu bewundern. Der "Akt in Weißblau" hängt jetzt freilich zugunsten der Kallmünzer Brücke auf dem Kopf - Baselitz lässt grüßen.
Prominenter in der Welt des Sports als der Kunst war Bayern Münchens erster Torwart, Kunststudent Otto Ludwig Naegele: Sein "Kallmünz" von 1931 mit stilisierten Zwiebeltürmen wäre ein passendes Sofabild für Uli Hoeneß.
Eine besondere Rolle spielt auch Hugo Klingenmanns"Kallmünz" (vor 1910) von dem es Postkartenabzüge gibt: "Kandinsky wurde über so eine Postkarte auf Kallmünz aufmerksam", freut sich Mayer, dass der große Russe über diesen Zufall ins Vilstal stolperte. "Kandinskykam 1903 hierher und hat in seiner ,Braut vor Kallmünz' eine ganz ähnliche Ansicht im Hintergrund gemalt."
Apropos Wassily: Von seiner großen Liebe Gabriele Münterexistiert ein Bild, dessen Sujet die Kunstgeschichte lange Zeit in die Provence verortete: "Als ein Forscher einmal dieses Foto mit der Malerin in Kallmünz genauer betrachtete, entdeckte er genau dieses Bild - ,Landstraße bei Kallmünz' (1903)."
Kandinsky und Münter machten das 3000-Einwohner-Städtchen so weltberühmt, dass sogar US-Touristen auf der Jagd nach Souvenirs hier einkauften. Ein Beleg: "Auf Ludwig von SängersBild von 1903 hier steht hinten drauf ,Landscape'." Das nennt mal dann wohl gutes Marketing. Mayer ersteigerte das Bild für 100 Euro auf Ebay in den USA.
Die lange Geschichte hochrangiger Kunstgäste geht auf Charles Palmier, den späteren Leiter der Kunstakademie, zurück: "Die Münchener hatten in Oberbayern schon jeden Berg und jeden See gemalt, da machte ihn ein Versicherungsvertreter aus Amberg auf Kallmünz aufmerksam." Die verwöhnten Bohèmiens testeten Essen und Zimmer in der "Roten Amsel" und das Zoigl von der Kommunbrauerei und waren zufrieden.

"Dame von Kallmünz"

Jüngstes Exponat ist die Zeichnung des Albrecht-Altdorfer-Bewunderers Manfred Sillner: "Er war vor drei Jahren bei uns in der Ausstellung", erzählt Mayer, "da habe ich ihn gefragt, warum haben Sie Kallmünz eigentlich nie gemalt." 2016 bekam der Kallmünzer eine E-Mail: "Jetzt gibt es auch von mir eines." Der Berliner mit Wohnsitz in Kelheim hatte beim Friedhof geparkt und eine barocke Grabplatte entdeckt, die kunsthistorisch als sehr wertvoll bewertet wird. "Er hat sie gezeichnet und mit ,Dame von Kallmünz' betitelt, weil es sich um eine wichtige Persönlichkeit gehandelt haben muss."

Manfred Sillners "Dame".

Xaver Fuhrs "Lange Gasse"

"Landscape"-Etikett

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