24.02.2019 - 14:57 Uhr
KemnathDeutschland & Welt

Der neue Standortleiter bei Siemens Kemnath: Etwas leiser, aber lauter Ideen

Es war ein herbstlicher Paukenschlag: Überraschend gab Alfred Koch die Leitung des Siemens-Standorts Kemnath ab. Inzwischen ist der Neue seit fünf Monaten im Amt. Zeit für ein erstes Zwischenfazit mit Michael Braunreuther.

Michael Braunreuther
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Michael Braunreuther war bewusst, dass er sich auf etwas Besonders einlässt. Der 57-Jährige aus Kastl war zehn Jahre weg vom Siemens-Standort Kemnath in Forchheim. Im Oktober 2018 kehrte er nun zurück, als neuer Standortleiter. Weshalb er diesen Schritt tat, obwohl er ungern im Rampenlicht steht, erzählt Braunreuther im Interview.

ONETZ: Herr Braunreuther, seit Oktober hat sich Ihr Arbeitsweg verkürzt, weil Sie nicht mehr 95 Kilometer nach Forchheim, sondern nur mehr 5 nach Kemnath pendeln müssen. Gab es weitere Gründe, die für Kemnath sprachen?

Michael Braunreuther: Die Fahrstrecke hat bei der Entscheidung für Kemnath überhaupt keine Rolle gespielt. Die weitere Strecke nach Forchheim hat mich daran in den ersten Monaten gestört. Nach zehn Jahren hatte ich mich gewöhnt. Die kürzere Strecke war eher ein Grund, nicht nach Kemnath zu gehen.

Michael Braunreuthers spontane Antworten auf drei Fragen

ONETZ: Wie meinen Sie das?

Michael Braunreuther: Ich muss mich erst an das öffentliche Interesse an meiner Person gewöhnen. Das war in Forchheim anders, bei einer vergleichbaren Position. Jetzt muss ich mir überlegen, ob ich am Samstagmorgen in Jogginghosen die Semmeln hole. In Forchheim hätte das niemand interessiert.

ONETZ: Siemens hat hier in Kemnath einen besonderen Stellenwert für die Identität der Stadt und der Region. Gibt es das an anderen Standorten weniger?

Michael Braunreuther: Siemens spielt auch in Erlangen oder Forchheim eine außergewöhnliche Rolle. Aber die Wahrnehmung eines Standortleiters ist hier in Kemnath sicher noch einmal eine andere. Im Großstadtumfeld ist alles anonymer als hier im Kemnather Land.

ONETZ: Wenn diese Nähe und die Rolle des Standortleiters gegen den Wechsel nach Kemnath gesprochen haben, wieso haben Sie ihn dann dennoch vollzogen?

Michael Braunreuther: Ich habe für mich persönlich ein Resümee gezogen und bin dann zur Überzeugung gekommen: "Ja, du kannst das." Und es wäre letztlich nicht fair gewesen zu sagen, "du machst das nicht", aus irgendwelchen familiären Gründen.

ONETZ: Galt Ihre Verantwortung eher dem Arbeitgeber oder der Heimat?

Michael Braunreuther: Das betraf beide Seiten, es war eine Kombination. Ich habe mir die Frage gestellt: "Wenn ich es nicht mache, wer macht es dann?" Und: "Was bedeutet das dann für den Standort und für Siemens?" Ich glaube schon zu wissen, wie der Laden tickt und wie er ins Siemens-Netzwerk eingebunden ist. Durch die zehn Jahre in Forchheim habe ich ein gutes Netz ins Unternehmen geknüpft. Das sehe ich als großen Vorteil auch für diese neue Aufgabe in Kemnath und die weitere Entwicklung des Standorts.

ONETZ: Sie sind jetzt nach zehn Jahren zurück am Standort Kemnath. Wie war das Zurückkommen, wie war die Aufnahme? Haben sich Ihre Erwartungen an die neue Stelle erfüllt?

Michael Braunreuther: Ja. Wobei das öffentliche Interesse schon größer war, als ich erwartet hatte. Die fachlichen Herausforderungen, das Umgehen mit den Menschen, das war alles positiv. Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden. Ich glaube, wir haben in der kurzen Zeit auch als Team hier im Führungskreis schon sehr gut zusammengefunden. Das Feedback, das ich bekomme, ist jedenfalls sehr gut.

ONETZ: Ihr Vorgänger hat die besondere Rolle von Siemens hier auch besonders ausgefüllt. Es war klar, dass Siemens Einfluss im Stadtgeschehen hat. Alfred Koch hat sich zu Herausforderungen der Region geäußert. Wie sehen sie Ihre Rolle?

Michael Braunreuther: Ich bin in dieser Beziehung etwas anders als Herr Koch. Etwas zurückhaltender. Mir sind die internen Kontakte und Netzwerke hin zu Siemens Erlangen und Forchheim wichtig, weil dort letztlich über den Standort entschieden wird. Es ist wichtig, wie man dort als Standort wahrgenommen wird, dass wir dort die richtige Position haben. Wie der Standort dann nach außen wirkt, hängt letztlich ja davon ab, ob die Performance nach innen stimmt.

ONETZ: Wenn Sie „Ihren“ neuen/alten Standort betrachten. Was hat sich in den zehn Jahren seit Ihres Weggangs verändert?

Michael Braunreuther: Was sich wirklich verändert hat, waren die Menschen. Es war schon überraschend, wie viele neue, motivierte Menschen ich in der kurzen Zeit kennenlernen durfte. Und natürlich hat die Digitalisierung den Standort sehr verändert. Aber diese Entwicklung gab es auch in Forchheim. Diese Veränderungen habe ich erwartet, weil sich ja in der ganzen Welt in diesem Bereich sehr viel tut.

ONETZ: Wie schätzen Sie den Standort ein, den Sie vorgefunden haben?

Michael Braunreuther: Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt. Das heißt aber nicht, dass wir uns im Sessel zurücklehnen und die Sache laufenlassen können. Wir stehen im globalen Wettbewerb, die Wettbewerber sitzen nicht in Forchheim oder Erlangen, sondern in China oder den USA. Hier müssen wir vorbereitet sein, es ist wichtig, richtige Leute an richtigen Stellen sitzen zu haben mit den richtigen Ideen, um einen Schritt voraus zu sein.

ONETZ: Wo erwarten Sie in den nächsten Jahren die stärksten Veränderungen, nicht nur bei Siemens?

Michael Braunreuther: Die neuen Medientechniken, die Digitalisierung: Einige klassische Jobprofile werden sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern. Netzwerke, Künstliche Intelligenz werden ganz andere Mechanismen zur Verfügung stellen, die ich jetzt noch gar nicht im Detail benennen kann. Wir haben gerade vor ein paar Tagen entschieden, in 3-D-Druck zu investieren. Das sind neue Techniken, an die man vor ein paar Jahren noch gar nicht gedacht hat. Heute helfen sie, den Standort nach vorne zu bringen.

ONETZ: Gibt es weitere Bereiche, in denen Sie neue Schwerpunkte setzen wollen?

Michael Braunreuther: Ich sehe das nicht als neuen Schwerpunkt, sondern als kontinuierliche Entwicklung. Demnächst werden wir unsere neue Lackiererei eröffnen. Wir haben eine Menge dafür investiert. Die neue Anlage bietet deutlich mehr Möglichkeiten, sie ist wesentlich umweltfreundlicher und das alles auf der Hälfte der Fläche, die wir vorher hatten.

ONETZ: Planen Sie auch Veränderungen, die nicht aus der Kontinuität kommen, die eher einen Umbau darstellen?

Michael Braunreuther: Wenn es die Anforderungen gibt, würden wir Kemnath auch komplett umbauen. Bloß derzeit sehen wir keinen Bedarf. Vielleicht können wir das globale Siemens-Netzwerk noch besser ausbauen und nutzen, so dass wir daraus Vorteile ziehen.

ONETZ: Wie stehen Sie zu Veranstaltungen, die Siemens für die ganze Stadt oder Region organisiert hat. Ich denke zum Beispiel an die Hot-Kem-Summer-Party.

Michael Braunreuther: Wenn ich mich richtig erinnere, gab es den "Hot Kem Summer" schon 2018 nicht mehr. Die Frage ist, was ist unser Auftrag? Ich denke, dass es für uns sinnvoller ist, eine Party für die Mitarbeiter und deren Angehörige zu machen. Damit die einmal sehen können, wie arbeitet mein Papa oder meine Mama den ganzen Tag. Ich glaube, dass uns eine solche Veranstaltung eher nahe liegt, als so ein Hot Kem Summer. Ich bin eher ein Fan der klassischen Betriebsfeste für die, die nahe an uns dran sind.

ONETZ: Siemens Healthineers hat in den vergangenen Tagen mit einer Nachricht aufmerksam gemacht, die aber eher den Standort Forchheim betrifft. Dort werden in den nächsten Jahren rund 350 Millionen Euro investiert. Was bedeutet dies für den Standort Kemnath? Wäre überhaupt noch Geld da, wenn hier Investitionen nötig wären?

Michael Braunreuther: Jetzt abzuleiten, Kemnath braucht auch 350 Millionen, wäre keine gute Ableitung. Für die Investitionen, die in Kemnath nötig sind, wird Geld vorhanden sein. Mein Ziel und mein Auftrag sind es, den Standort weiterzuentwickeln. Dafür sind aber keine 350 Millionen Euro nötig. Das Geld für Forchheim wird unseren Standort nicht beeinträchtigen, weil es dort um ganz andere technische Ausprägungen geht. Außerdem ist es eine vernünftige Investition für die Wettbewerbsfähigkeit von Healthineers insgesamt. Und wenn die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens steigt, ist das gut für Kemnath.

ONETZ: Aber wenn Sie hören, dass an ihrem alten Arbeitsplatz plötzlich 350 Millionen Euro zur Verfügung stehen: Sagen Sie da nicht, das Geld hätte ich auch gerne mit ausgegeben?

Michael Braunreuther: Das wäre sicher eine spannende Aufgabe. Allerdings hätte mich das in Forchheim nicht betroffen, es sei denn, ich hätte mich darum beworben. Und einbringen und gestalten kann ich auch hier in Kemnath. Das hängt nicht von der Investitionssumme ab. Auch wir mit unserem Team hier können ganz große Dinge machen. Ich bin in keinster Weise neidisch. ich bin froh über diese Investition, weil ich glaube, dass es der richtige Schritt für die Performance von Healthineers als Ganzes ist.

Hintergrund:

Zur Person

Michael Braunreuther ist 57 Jahre als. Der studierte Maschinenbauingenieur stammt aus dem Kemnather Ortsteil Löschwitz. Heute lebt er in Kastl bei Kemnath. Braunreuther ist verheiratet, er hat zwei Kinder und einen Enkel. Seine Freizeit verbringt er gerne mit der Familie und hin und wieder geht er gerne laufen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.