Update 28.01.2019 - 08:48 Uhr
KonnersreuthDeutschland & Welt

Besuch aus Hollywood

Es ist das Jahr 1927. Der kleine Ort Konnersreuth, der schon damals durch die stigmatisierte Magd Therese Neumann bekannt war, bekommt Besuch von einer Schauspielerin aus Hollywood. Sie will sich mit der Resl treffen...

Die Schauspielerin Doris Hofmann spielt die Rolle des berühmten Hollywood-Stars Lillian Gish.
von Stefan Voit Kontakt Profil

Der Schriftsteller und Dramatiker Bernhard Setzwein ist immer wieder für Überraschungen gut. Zuletzt hatte er mit dem Theaterstück über "Lola Montez - Die falsche Spanierin" (2018) großen Erfolg gefeiert, jetzt wagt er sich an die Resl aus Konnersreuth. Im Gespräch mit der Kulturredaktion erzählt er, wie er auf den Stoff gekommen ist und wie er sich an das brisante Thema gewagt hat.

ONETZ: Nach der königlichen Mätresse Lola Montez widmen Sie sich in Ihrem aktuellsten Stück der Resl von Konnersreuth, einer von vielen wie eine Heilige verehrte Frau. Größer könnte der Kontrast gar nicht sein …

Bernhard Setzwein: Das ist wohl wahr. Ich habe selber ein bisschen gestutzt, wie mir das klar geworden ist, dass das nun unmittelbar aufeinanderfolgen würde, erst die Lola, dann die Resl. Weiter auseinanderliegende Pole gibt’s gar nicht. Ich könnte jetzt etwas frech sagen, mei, der Setzwein erforscht halt die weibliche Psyche in ihrer ganzen Bandbreite, aber das wäre vielleicht dem Thema unangemessen. Es hat sich aus Zufall so ergeben. Till Rickelt und ich diskutieren schon lange, welchen Stoff ich fürs Landestheater Oberpfalz neuerlich bearbeiten könnte, nachdem dort ja schon meine Stücke über den letzten Henker Bayerns, aber auch über Dietrich Bonhoeffer uraufgeführt worden sind – übrigens zu meiner vollsten Zufriedenheit, drum schätze ich die Zusammenarbeit ja so.

ONETZ: Die Geschichte, die Sie bei der Recherche entdeckt haben, klingt filmreif: Der berühmte Regisseur Max Reinhardt (1873-1943) hatte 1927 – die Resl war damals 29 Jahre alt – die Idee, einen Stummfilm über sie zu drehen. Wie sind Sie drauf gestoßen?

Ja, etliche Vorgespräche, intensive Recherche, langes Nachdenken darüber, wie man so ein Stück aufzäumen könnte und dann dieser tolle Fund von Tina Lorenz, die damals noch am LTO gearbeitet hat, unter anderem als Dramaturgin. Sie ist da darauf gestoßen, was ich noch in keinem der vielen Resl-Bücher gelesen hab, dass nämlich Max Reinhardt in Zusammenarbeit mit einem Filmstudio-Chef aus Hollywood plante, einen Stummfilm zu drehen, der Bezüge zur Resl von Konnersreuth haben sollte. Den Drehbuchentwurf dazu schrieb Hugo von Hofmannsthal ... die beiden hatten zu diesem Zeitpunkt ja schon den „Jedermann“ als Freilichtstück vor dem Salzburger Dom auf die Bühne gehoben.

ONETZ: Wie ist Reinhardt, der zu dieser Zeit in Berlin lebte und arbeitete, auf die stigmatisierte Resl gestoßen?

Das weiß ich leider nicht. Reinhardt scheint am Phänomen „Mystikerin“ allgemein interessiert gewesen zu sein. Und man muss wissen, die Resl war zu diesem Zeitpunkt ja schon in aller Munde und – kann man sagen – ein Medienhype. Bin da auf kuriose Sachen gestoßen, die auch Eingang ins Stück gefunden haben. Es gab zum Beispiel einen Varietékünstler in Berlin, der trat unter dem Programmtitel „Die Heilige und ihr Narr“ auf. Irgendso eine Zeitungsmeldung wird der Reinhardt schon mitbekommen haben.

ONETZ: Das Drehbuch sollte kein geringerer als Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) schreiben? Gibt es dazu detailliertes Material, wie das Stücke hätte aussehen sollen?

Ja, das kann man in der Werkausgabe von Hofmannsthal nachlesen, mit einem guten Kommentar zur Entstehungsgeschichte. Ich muss jetzt einräumen: In meinem Stück habe ich das etwas zugespitzt, die dichterische Freiheit erlaubt das, glaube ich. In Hofmannsthals tatsächlichem Drehbuchentwurf sind die Bezüge zu Konnersreuth nur sehr lose. Es gab da einen gewissen Disput zwischen Reinhardt und Hofmannsthal, den ich in meinem Stück ebenfalls zuspitze. Hofmannsthal hat meiner Meinung nach kalte Füße bekommen und zum Beispiel extra ein Zeitungsinterview arrangiert, wo er bestritt, dass der Film überhaupt etwas mit Konnersreuth zu tun habe. Das stimmt aber eindeutig nicht.

ONETZ: Für die Hauptrolle war Lillian Gish (1893-1993), einer größten weiblichen Stars der Stummfilm-Ära Hollywoods, vorgesehen. Was konnten Sie über diese Schauspielerin in Erfahrung bringen?

Dass sie zum Beispiel extra aus Amerika nach Europa gereist kam, um die Resl in Konnersreuth leibhaftig zu sehen. Das ist doch ein klarer Beweis dafür, was ich eben meinte: Lillian Gish und Max Reinhardt waren offenbar – anders als Hofmannsthal – der Meinung, dass der entstehende Film die Geschichte der Resl von Konnersreuth thematisieren sollte. Und die Gish wurde auch vorgelassen zur Resl. Es gab ja noch ein anderes Filmprojekt von einer deutschen Filmfirma. Das hat man in Konnersreuth, also die Neumann-Familie und der Ortspfarrer Naber, abgelehnt und verhindert.

ONETZ: Wie kann man sich dieses Treffen vorstellen? Gab es einen Übersetzer oder wie werden die beiden kommuniziert haben?

Alles, was wir finden konnten, ist die Autobiografie von Lillian Gish, die 1969 in Amerika erschienen ist. Da gibt es zwei, drei Seiten zu dem Treffen. Die Gish schreibt, die Resl habe am Anfang über ihr schlechtes Deutsch gekichert, dann aber hätten sie versucht, sich in ihrer jeweils eigenen Sprache zu unterhalten. Also kein Dolmetscher. Die Gish hat dann am darauffolgenden Tag eine von Resls Ekstasen erlebt und das Blut fließen sehen. Sie schreibt dann, dass sie das alles ohne Zweifel für ein Wunder halte, ein Mirakel, und jetzt noch sicherer sei, dass man diesen Film machen müsse. Sie selber stammte übrigens aus einer strenggläubig pietistischen Familie.

ONETZ: Worin liegt für Sie als Autor der Reiz dieses Stückes und wie haben Sie die Person Resl angelegt?

Naja, seit ich an dem Stück arbeite, habe ich natürlich mit vielen Leuten darüber gesprochen und komischer Weise festgestellt: Wirklich kalt lässt das Thema kaum jemanden. Man fragt sich: Was ist das? Was ist da passiert? Wie ist das einzuordnen? Ich mein, was kann man sich als Theaterautor mehr wünschen, als ein solches Grundinteresse am Thema.

ONETZ: Therese Neumann hat ja schon immer für kontroverse Diskussionen gesorgt: Von Mystikerin bis Schauspielerin gehen die Meinungen weit auseinander. Wie haben Sie die Resl bei Ihren Vorbereitungen kennengelernt? Haben Sie sich ein eindeutiges Bild von Ihr gemacht und eine Meinung – Stigmatisierung, Nahrungslosigkeit – dazu gebildet?

Nein, ein eindeutiges Bild auf keinen Fall. Das ist sehr schwierig. Nicht umsonst dauert das Seligsprechungsverfahren so lange. Ich bin aber auch der Meinung, es kann überhaupt nicht die Aufgabe eines solchen Stückes sein, irgend eine Gewissheit von der Bühne herunter zu verkünden. Dem Sinne nach: So ist es gewesen und so habt ihr das zu sehen. Wie bei all meinen Stücken versuche ich dem Zuschauer eine Geschichte möglichst in all ihren Facetten und aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen darzustellen. Eine Meinung und ein Urteil sollte er sich selber bilden.

ONETZ: Das Stück könnte zwischen Anhängern und Ablehnern für heftige Diskussionen sorgen. Haben Sie das in Ihre Dramaturgie mit eingeplant?

Naja, ich bin eher ein Anhänger der ruhigen Diskussion. Was mich ungemein stört an unserer jetzigen Zeit, wenn man zum Beispiel auf die Kommentarseiten im Internet schaut, sind diese hoch aggressiven Verbalschlachten, die man gar nicht einmal mehr „Gespräch“ nennen kann. Bin allerdings recht pessimistisch, ob man da noch etwas dagegensetzen kann. Wenn es mit so einem Stück und den daran sich anschließenden Diskussionen doch gelingen würde, wäre ich hochzufrieden.

Info:

Service

Einblick ins Stück: Sonntag, 10. März (11 Uhr), Regionalbibliothek Weiden, Eintritt frei

Weitere Aufführungen:

Donnerstag, 14 März, Freitag, 15. März; Samstag, 16. März; Donnerstag, 21. März; Freitag, 22. März, Samstag, 23. März.

Spielort: Regionalbibliothek Weiden; Beginn jeweils 20 Uhr.

www.landestheater-oberpfalz.de

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0, www.nt-ticket.de und Abendkasse

Lillian Gish zählt zu den Pionieren der Filmgeschichte. Bekannt wurde sie durch ihre Zusammenarbeit mit D. W. Griffith bei Filmen wie „Die Geburt einer Nation“. 1971 erhielt sie einen Ehrenoscar.
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