"Kreative Feuerwerke"

1969 veröffentlichten The Kinks mit dem Konzept-Werk "Arthur (Or The Decline And Fall Of The British Empire)" ihr vielleicht originellstes, mit Sicherheit aber missverstandenes Album der schier endlosen Karriere.

Zweifellos ist das 7. Studioalbum von Kinks eines der größten Rockalben, die je aufgenommen wurden, ein nahezu perfektes Beispiel für Ray Davies' unglaubliche Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und eine Innovation im Jahr 1969: einem Konzeptalbum. Das Foto zeigt die Kinks (von links) mit Mick Avory, John Dalton, Dave Davies, Ray Davies.

Jetzt ist "Arthur" (BMG) in einer schmucken CD-Box in den Handel gekommen, darauf zu finden sind neben dem remasterten Original etliche Bonustracks sowie, gleichfalls remastered "The Great Lost Dave Davies Album", das im selben Jahr entstand. Sämtliche Musik hat keinerlei Patina angesetzt.

Die Geschichte: Der Teppichleger Arthur Morgan lebt mit seiner Frau Rose in der Londoner Vorstadt, auf einem Anwesen, das er pompös "Shangri-La" nennt. Sohn Terry emigriert mit Frau und Kindern nach Australien. Der andere Sohn Eddie stirbt im Korea-Krieg. Der Bruder - ebenfalls ein Eddie - ist in der Schlacht an der Somme gefallen. Um es auf den Punkt zu bringen: "Arthur" gibt erneut Einblick in den gerne skurrilen, nicht immer heiteren Alltag des britischen Kleinbürgertums, mit all seinen Facetten.

Kinks-Mastermind ist seit jeher Ray Davies, Sänger, Gitarrist und Komponist der britischen Kult-Formation. 1963 rief der heute 75-Jährige die Gruppe ins Leben, zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Dave. Die beiden so Unterschiedlichen hassen und lieben sich seit Dekaden gleichermaßen.

1993 wurde das letzte Studioalbum "Phobia" veröffentlicht, 1996 wurde die Gruppe aufgelöst. Doch seit einiger Zeit gibt es Gerüchte, dass 2020 ein neues Kinks-Werk in den Handel kommen soll. Ray Davies steht Rede und Antwort zum Status Quo dieser Ausnahme-Formation.

ONETZ: Was bedeutet Ihnen das „Arthur“-Album, ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung?

Ray Davies: Als ich beim Abmischen für die Jubiläumsausgabe den Stoff wieder hörte, wurde mir so richtig bewusst, wie gut die Band Ende der 60er aufeinander eingespielt war. Die Kommunikation zwischen uns war schier unglaublich! Da wurden kreative Feuerwerke gezündet. Alleine schon deshalb ist „Arthur“ für mich eine sehr besondere, originelle Angelegenheit.

ONETZ: Ist diese Platte wirklich „very british“, wie ihr in Rezensionen über all die Jahrzehnte hinweg attestiert wurde?

Ray Davies: So war dieses Ding zumindest aus meiner Sicht konstruiert. (lacht) Wobei das Kuriose an der Geschichte ist, dass die Amerikaner „Arthur“ viel mehr geschätzt und offensichtlich auch verstanden haben. Die Menschen in meiner Heimat hingegen begegneten der Geschichte hinter der Produktion weitgehend mit Unverständnis oder Ignoranz. Sie konnten oder wollten sich in den Figuren nicht wieder erkennen.

ONETZ: Woher kam die Inspiration für das „Arthur“-Konzept?

Ray Davies: Ausschließlich durch Verwandte in meiner Familie, da gab und gibt es sehr kauzige Charaktere. (lacht) Doch auch diese Typen erkannten sich nicht wieder in den Charakteren. Ich fürchte, keiner der „Betroffenen“ hat jenes Album wirklich verstanden. Aber immerhin, allesamt haben sie es geliebt.

ONETZ: Warum wurde „Arthur“ kommerziell nicht so erfolgreich, wie es das Werk verdient gehabt hätte?

Ray Davies: Schwer zu sagen. Vielleicht zu anspruchsvoll? Vielleicht zu verwegen? Vielleicht zu weit entfernt vom Massengeschmack, obwohl ein paar eingängige Melodien darauf vorhanden sind? Bis heute habe ich keine Ahnung, warum der arme „Arthur“ materiell weitgehend untergegangen ist. Aber so viel weiß ich immerhin: Mit dieser aktuellen Box ist die Geschichte des Burschen erzählt. Ich habe die Sache für mich abgeschlossen.

ONETZ: Sie haben immer wieder üppig konstruierte Geschichten auf Ihren Alben zum besten gegeben. Woher kommt Ihre Leidenschaft, via Pop- und Rock-Musik Storys zu vermitteln?

Ray Davies: Ich sehe mich seit jeher als beides: Singer/Songwriter-Musiker und literarischer Erzähler. Leider war letzteres in den 60ern nicht besonders angesagt. Ich würde dennoch nichts an meiner künstlerischen Vita ändern wollen.

ONETZ: Auf der Box findet man komplett samt Bonus-Tracks „The Great Lost Dave Davies Album“ Ihres Bruders. Wie kam es dazu?

Ray Davies: „Arthur“ wie auch jene Platte sind parallel zueinander entstanden. Wir Kinks waren damals im Kreativitätsrausch, die Hütte brannte lichterloh. Gleichzeitig waren wir im Umbruch begriffen – mehr Rock, weniger Pop. Wir wollen mit der Box erreichen, dass der geneigte Hörer einen tiefen Einblick darin bekommt, wofür die Kinks 1969 standen.

ONETZ: Wenn man sich die „Arthur“-Texte näher betrachtet, könnte man durchaus Parallelen zum „Brexit“ herstellen – es geht um das britische Volk, das so wenig wie möglich Einflussnahme von außen haben möchte. Komme was da wolle. Sehen Sie Parallelen?

Ray Davies: Unbedingt! Als „Arthur“ entstand, gab es das fieberhafte „Swinging London“, einzigartig auf der Welt, Magnet für die angenehm Verrückten auf diesem Planeten. Nun ja, „Brexit“ heute ist weit weniger angenehm, das gebe ich zu. Aber wir Engländer möchten eben was Besonderes sein. Keine Ahnung, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Ich unke nur so viel: „Swinging London“ ist damals gescheitert …

ONETZ: Woher stammen eigentlich all die unveröffentlichten Bonus-Tracks auf der Box?

Ray Davies: Mir wurde so richtig erst jetzt bewusst, wie viele Archive mit verschollenem Kinks-Material existieren. (lacht) Ich habe die letzten Monate jedenfalls viel telefoniert. Bitte fragen Sie nicht nach Details, das wäre sehr mühselig mit der Antwort. Nur so viel: Es gibt noch unglaublich viel Material von einst. Die Kinks-Fans können schon mal ihre Portemonnaies öffnen …

ONETZ: Angeblich soll im nächsten Jahr ein neues Kinks-Album erscheinen, das erste seit 1993, auch Ihr Bruder Dave wird an Bord sein. Wie weit sind die Arbeiten daran fortgeschritten?

Ray Davies: Es gab ein paar Sessions dazu. Doch was genau wann passieren wird, kann ich beim besten Willen momentan nicht sagen. Ich danke fürs Verständnis.

ONETZ: Wie war es, mit Ihrem hassgeliebten Bruder mal wieder gemeinsam in den Kreativ-Ring zu steigen?

Ray Davies: Vielleicht drücke ich es so aus: Das Wort „gemeinsam“ ist in diesem Zusammenhang irreführend. Wir waren nie ein wirkliches Team. Aber immerhin, wir verstehen uns derzeit leidlich gut. So gut, wie das bei zwei Hitzköpfen möglich ist. Wir sind zu unserem immer schon gestörten Verhältnis zurückgekehrt.

In dieser Jubiläumsausgabe sind 4 CDs mit 81 Songs enthalten, davon 5 unveröffentlichte Tracks und 28 bisher unveröffentlichte Versionen. Dazu gehören neu remasterte Versionen des Originalalbums , Mono- und Stereo-Single-Versionen, B-Seiten, alternative Mono- und Stereo-Mixe, Proben-Tracks, BBC- Mixe und das verlorene Dave-Davies-Soloalbum mit Bonustracks.
Kinks-Frontmann Ray Davies.
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