Kreative Freiheiten

"Monster" war das neunte Album von R. E. M. aus Athens/Georgia, erschienen Ende 1994. Der Vierer, die Hohepriester des "Alternative Rock", trat mit dieser Scheibe eine schwere Last an. Sänger Michael Stipe erinnert sich an diese Zeit.

Vor 25 Jahren waren R.E.M. eine der wichtigsten und erfolgreichsten Rockgruppen der Welt. Ihr 1994 erschienenes Album "Monster" erlebt jetzt eine opulente Jubiläums-Neuauflage. Sänger Michael Stipe (rechts, mit Bassist Mike Mills) spricht im Interview über die Musik von damals, die Zeit nach dem Split - und über aktuelle Politik.
von Autor MFGProfil

Die Vorgänger "Out Of Time" und "Automatic For The People" machten aus der Formation Superstars, mit einer immensen Zahl verkaufter Tonträger überall auf der Welt. Acht Jahre nach der Auflösung der Gruppe, mehr als 85 Millionen verkauften Platten später und 25 Jahre nach Erscheinen von "Monster" gibt es jetzt in verschiedenen Formaten eine DeLuxe-Version, gespickt mit jeder Menge unveröffentlichter Demoaufnahmen, und einem seltenen Konzertmitschnitt von 1995.

Sänger Michael Stipe ist entspannt und gleichzeitig hochkonzentriert, wenn es darum geht, das "Monster" richtig einzuordnen für die Öffentlichkeit. Der 59-Jährige spricht eloquent über die Hintergründe dieser Platte. Nur über den aktuellen US-Präsidenten Donald Trump möchte der politisch bekennende Progressive möglichst wenige Worte verlieren.

ONETZ: „Monster“ wurde damals kontrovers behandelt: Die eine Seite attestierte erfreut, dass es sich um das rockigste Album handelt, das R. E. M. je aufgenommen haben – der anderen Seite wiederum war es zu rockig ausgefallen, man warf der Band mehr oder weniger sinnfreien Krach vor. Wie stufen Sie selbst diese Platte ein?

Michael Stipe: Uns ging es in erster Linie darum, eine Scheibe mit kernigem Material vorliegen zu haben, um damit nach über fünf Jahren Live-Abstinenz endlich wieder auf die Bühne zu können. Wir waren heiß, auf Tour zu gehen! Außerdem wollten wir denjenigen unserer Fans etwas bieten, die auf das Raue, Theatralische unserer Musik stehen. „Monster“ sollte zum Tanzen einladen, zum wilden Haare schütteln. Es sollte eine sexy Angelegenheit werden. Es gab ja stets eine Menge Missverständnisse, wie man unseren Stoff kategorisieren soll – sind wir Alternative, Rock, Folk oder Punk? Alles und nichts davon traf zu. Weswegen wir es speziell bei „Monster“ genossen, jegliche kreativen Freiheiten zu genießen. Durch den materiellen Erfolg der beiden Vorgängerplatten konnten wir uns jegliche Freiheiten leisten.

ONETZ: Wie ist der Albumtitel zu verstehen, was haben R. E. M. mit „Monstern“ zu tun?

Michael Stipe: Während wir an der Platte schrieben, starb völlig überraschend der Schauspieler River Phoenix, gerade mal 23 Jahre jung. Er war wie ein geliebter kleiner Bruder für mich. Nach dessen Ableben hatte ich sechs Monate lang eine Schreibblockade, so nahe ging mir die Sache. Und danach auch noch einen Nervenzusammenbruch. Aber als ich das alles überstanden hatte, entwickelte ich ungeahnte Kräfte. Und mit einem Mal ging mir das Komponieren rasch von der Hand. River jedenfalls ist mit dem „Monster“ gemeint. Im zärtlichsten Sinn des Wortes. Wobei ich zugebe, dass unsere Band nie sonderlich gut im Finden von Albumtiteln war.

ONETZ: Der amerikanische Starproduzent Scott Litt hatte bereits das Original-Werk unter seinen Fittichen, nun gibt es auf der Jubiläums-Box eine Remix-Version von ihm. Wie kam es dazu?

Michael Stipe: Scott wollte „Monster“ schon vor 25 Jahren in der jetzigen Form aufnehmen, sehr direkt und unnachgiebig. Damals ließen wir ihn nicht gewähren. Doch immer wieder redete er auf uns ein, dass „Monster“ nur in dieser aktuellen Form all seine Stärken ausspielt. Also ließen wir ihm freie Hand. Und was soll ich sagen: Wir sind alle miteinander extrem zufrieden mit dem Ergebnis.

ONETZ: Die Vorgänger waren unter kommerziellem wie künstlerischem Aspekt extrem erfolgreich. Bestand da ein Druck, während Sie „Monster“ aufnahmen?

Michael Stipe: Wir haben Druck von wem auch immer niemals in der Band-Historie auf uns einwirken lassen. Wir besaßen genügend Selbstbewusstsein, um genau auszuloten, was wir künstlerisch erreichen wollen. Natürlich tun enorme Verkaufszahlen ein übriges, damit man sich in vollkommener kreativer Freiheit suhlen kann.

ONETZ: Während der Aufnahmen zu „Automatic For The People“ litten Sie unter schlimmen Depressionen. Waren diese zwei Jahre später verschwunden?

Michael Stipe: Würde ich so nicht behaupten. Einfach aus dem Grund, dass ich seit jeher ein … nun ja … melancholischer Zeitgenosse bin. Der bin ich bis heute. Solche Charaktereigenschaften prägen das Werk eines Künstlers, der seine Arbeit ernst nimmt, die ganze Zeit über.

ONETZ: Acht Jahre nach Trennung von R. E. M. – welche Verbindung besteht 2019 zwischen den vier Bandmitgliedern?

Michael Stipe: Wir alle verfolgen Soloprojekte. Und wir stehen allesamt in regelmäßigem Kontakt zueinander. So muss es sein bei einer Gruppe von Jungs, die viel erreicht haben. Wir schätzen uns. Und nein, R. E. M. Wird es trotzdem nie mehr geben. Wir haben alles erreicht.

ONETZ: In der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ haben Sie vor kurzem mitgeteilt, dass Sie an Ihrem ersten Soloalbum werkeln ...

Michael Stipe: 2020 wird es mein Solodebüt geben, 18 Stücke davon sind weitgehend fertig. Die erste Single daraus ist gerade erschienen: „Your Capriccious Soul“ ist sehr elektronisch ausgefallen. Und inhaltlich mit der Protestkultur verbunden. Der gesamte Erlös fließt übrigens an die Klimaschutzaktivisten von „Extinction Rebellion“. Also Klimaschützer: Kauft das Ding, selbst wenn euch die Musik nicht gefällt …

ONETZ: Über den aktuellen Präsidenten Ihres Landes möchten Sie eher nicht sprechen, wurde mir von Ihrem Management mitgeteilt…

Michael Stipe: Nein, möchte ich nicht. Wozu auch? Donald Trump langweilt mich schlicht, in seiner widerlichen Arroganz, in seiner Dummheit. Über so jemanden lohnt es nicht zu reden. Ich hoffe nur, dass er möglichst bald von der öffentlichen Bildfläche verschwindet.

Die "25th-Deluxe-Edition" von "Monster" vereint neben dem Remastered-Album auch ein von Scott Litt komplett neu gemischtes Remix-Album sowie bislang unveröffentlichte Demoaufnahmen, einen seltenen Konzertmitschnitt von 1995, Bonus-Videos und brandneue Liner Notes auf 5 CDs und einer Blu-ray.
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