Duogynon: "Ein Riesenskandal"

Viele Frauen haben von 1950 bis 1981 Duogynon eingenommen und danach ein Kind mit Missbildungen geboren. Auch Margret-Rose Pyka. Sie kämpft seit langem für Entschädigung. Bisher ohne Erfolg. Jetzt schöpft die Letzauerin neue Hoffnung.

Margret-Rose Pyka kämpft seit 41 Jahren gegen die Pharmafirma Schering und ihren Rechtsnachfolger Bayer. Es geht um eine Entschädigung für duogynongeschädigte Kinder.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Als 1975 Pyka vermutet, schwanger zu sein, geht sie zum Frauenarzt. Er gibt ihr zwei Tabletten, die sie einnimmt: Duogynon - ein "moderner Schwangerschaftstest". Wenn die Menstruation daraufhin nicht einsetzt, ist die Frau schwanger. So war es bei Pyka, die damals in Berlin lebte. Neun Monate später kommt ihre Tochter mit Herzschwäche und Klumpfuß zur Welt.

1978 ahnt Margret-Rose Pyka, dass die Tabletten mit dem künstlichen Hormonen schuld an der Missbildung ihrer Tochter Miriam sind. Seit 41 Jahren kämpft Pyka für Gerechtigkeit. Viel erreichen konnte sie nicht. Aber: "Jetzt kommt richtig Bewegung in das Thema", meint Uli Grötsch.

Denn nun setzt sich die Politik mit dem Fall auseinander. Kürzlich fand ein parlamentarisches Fachgespräch zwischen Mitgliedern des Bundestags und geladenen Experten in Berlin statt. Pyka ist nicht dabei. Bei dem Treffen ging es um Beweise dafür, dass der Schwangerschaftstest die DNA der Embryos verändert hat.

Der Weidener Bundestagsabgeordnete und Generalsekretär der Bayern-SPD Grötsch war zwar auch nicht bei dem Gespräch. Er will aber den Brief, den etwa 20 Politiker an Gesundheitsminister Jens Spahn schreiben, unterzeichnen. Danach möchte sich Grötsch dafür einsetzen, dass endlich anerkannt wird, dass Duogynon aus Stoffen bestand, die Missbildungen ausgelöst haben. "Es geht um Gerechtigkeit, nicht um Geld", sagt Grötsch. Doch bis Gerechtigkeit herrscht, "kann es noch Jahre dauern". Er verspricht aber: "Wir werden nicht nachgeben."

Missbildungen und Tote

Es waren nur zwei Pillen, aber sie haben das Leben von Familie Pyka stark beeinflusst. "Ein Riesenskandal", sagt Pyka, die seit langem in Letzau lebt. "Niemand konnte sich damals vorstellen, dass ein Schwangerschaftstest so perfide funktioniert und entstehendes Leben zerstört", berichtet die 69-Jährige. Die Missbildungen, die Duogynon ausgelöst hat, sind vielfältig. Kinder hatten offene Rücken, eine Blase außerhalb des Körpers, keine Oberschenkel. Viele Kinder lebten nur kurz oder starben noch im Mutterleib.

Seit 1978 kämpft die Frau um Entschädigung für die Opfer. Viele können wegen ihrer Behinderung nicht arbeiten, müssen ständig zum Arzt, können kein normales Leben führen: Die Geschädigten sollen nach Pykas Vorstellung als Entschädigung eine Sofortzahlung und eine Rente erhalten, die sich am Grad der Schädigung bemisst. Um das durchzusetzen hat sie den Bund der Duogynongeschädigten gegründet und sitzt ihm vor. Die Letzauerin hat sich über die Jahre tief in das Thema eingearbeitet. Pyka spricht von Molekülen, natürlichen und künstlich hergestellten Hormonen, zitiert Studien, verweist auf Prozesse.

Zweimal wurden die Opfer nach Pykas Ansicht bestraft: Durch das Leid in den Familien, denn nicht nur die Kinder sind Opfer, auch die Mütter, die sich schwere Vorwürfe machen. Und: "Wir wurden systematisch belogen" - zuerst vom Bundesgesundheitsamt, dann von Bundesamt für Arzneimittel und Risikobewertung. Hersteller und Behörden waren die Risiken seit den 1970er Jahren bekannt, unternommen wurde nichts: In Dokumenten aus dem Landesarchiv Berlin gibt es Hinweise auf eine Kooperation zwischen Schering und dem Bundesgesundheitsamt mit dem Ziel, die Marktrücknahme von Duogynon zu verhindern. Grötsch bezeichnet das als "Kartell, das sich gegen die Geschädigten verschworen hat".

Mehr als 600 Opfer sind laut Pyka in Deutschland gemeldet. In Großbritannien, wo Schering das Mittel unter dem Namen Primodos vertrieben hat, sind es knapp 200. Die Betriebswirtin schätzt aber, dass Hunderttausende betroffen seien. Viele würden das nicht wissen, weil ihre Mütter sich nicht an den Schwangerschaftstest erinnern oder aus Scham nichts berichtet haben. Kam ein behindertes Baby zur Welt, habe man den Müttern gesagt: "Das ist eine Laune der Natur."

Zur Vorgeschichte

Prozess unmöglich

Die Letzauerin hat im Kampf für die Rechte duogynon-geschädigter Kinder schon viel versucht: Pyka hat 1987 ihren Frauenarzt angezeigt - ohne Erfolg. Die Staatsanwaltschaft hat den Fall eingestellt, weil nur eine leichte Körberverletzung vorläge. Und die wäre schon verjährt. Dann zeigten Opfer Schering an. Doch es gab Studien über Duogynon, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Die Opfer konnten die Wirkung nicht beweisen. "Wir Frauen haben Duogynon genommen und wir haben keinen Schaden davongetragen. Das, was den Schaden hatte, war noch kein Leben im Sinne des Strafgesetzbuchs." Ein Prozess unmöglich. Eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 2011 in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es "wenig wahrscheinlich ist, dass Missbildungen von Duogynon kommen", berichtet Pyka. Sie traut der Studie nicht, weil darin die Wirkung der Stoffe nicht berücksichtigt worden sei. Pyka will dagegen vorgehen, doch die Studie ist verschwunden. Die Betriebswirtin fordert eine interdisziplinäre Studie, bei der es auch um die chemische Reaktion der Substanzen im Körper geht. "Eine Studie kann man fälschen, chemische Reaktionen nicht."

Teilnehmer einer Demonstration halten am 29.04.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) anlässlich der Hauptversammlung von Bayer Transparente mit der Aufschrift "Contergan Teil 2 - Duogynon 1000-faches Leid - Für Bayer verjährt, für uns leider nie".

Beweise nun bekannt

Seit 2017 lägen endlich die Beweise vor: Nach dem ARD-Bericht "Der vertuschte Skandal" meldet sich Dr. Reinhard Seeber bei Pyka. Der Arzt und promovierte Chemiker sammelt, was zu Duogynon publiziert wurde, forscht selbst. Sein Schluss: "Die erbgutschädigende Wirkung von Duogynon ist seit 40 Jahren bekannt."

In Großbritannien beschäftigen sich mehr Forscher mit dem Thema. Professor Carl Heneghan von der Uni Oxford etwa. Er hat alle Studien überprüft und das Risiko berechnet: Von 100 Frauen, die Duogynon genommen haben, haben 40 Kinder mit Schäden geboren. Seit 2014 kümmert sich eine Untersuchungskommission um Aufklärung. Sie war sich jedoch uneinig, ob Heneghans Studie plausibel ist oder nicht. Nun prüft das die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Sie wird ihr Ergebnis Mitte April verkünden, weiß Pyka. Renommierte Anwälte aus den USA hätten bereits angekündigt, in einem möglichen Prozess die britischen Opfer vertreten zu wollen.

Die Entscheidung der EMA könnte den Fall auch in Deutschland vorantreiben. Pyka: "Eine deutsche Firma ist Verursacher und alle gucken ins Ausland, damit auch in Deutschland was passiert."

Duogynon:

Das Medikament Duogynon des Pharmaherstellers Schering war von 1950 bis 1981 auf dem Markt, ab 1978 hieß es Cumorit, in Großbritannien Primodos. Ärzte haben es mit zwei Tabletten oder zwei Spritzen als Schwangerschaftstest verabreicht. Wer abtreiben wollte, nahm vier Tabletten. Die heute üblichen Urin-Schwangerschaftstests oder Stäbchentests beruhen auf einem britischen Patent von 1980.

Vier Substanzen waren in den Duogynon-Tabletten enthalten, einer davon ist „der Schädiger“, erläutert Margret-Rose Pyka: Ethinylestradiol. Das verhinderte, dass die Leber die anderen Stoffe nicht absorbiert. „Das hat Schering auch zugegeben, dass sie das so designt haben“, sagt Pyka, eine betroffene Mutter aus Letzau (Kreis Neustadt/WN).

Ein weiterer Inhaltsstoff war Norethisteronazetat. Stieß dies auf die Plazenta, hat diese es in Ethinylestradiol umgewandelt. Der Embryo erhielt die 17.000-fache Anzahl der gefährlichen Hormone. Schon 1969 wurde laut Pyka festgestellt, dass sie die DNA des Embryos verändern. So kam es zu den Missbildungen.

Nach Dr. Reinhard Seeber, Arzt und Chemiker, habe bisher niemand bestätigt, dass die Umwandlung der Stoffe in der Plazenta geschieht. Am 21. März erhält Pyka eine E-Mail von Dr. Anne Dwenger, Bundesgesundheitsministerium: Sie bestätigt darin, dass die Effekte bekannt waren. Wieder ein Punkt, der für die Opfer spricht.

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