27.01.2021 - 15:40 Uhr
LeuchtenbergDeutschland & Welt

Träumen im Garten des KZ-Kommandanten

Wie erlebt ein kleines Kind das unfassbare Grauen des Holocausts? Für Annika Tetzner waren die Geschehnisse im Konzentrationslager Alltag, ohne sie wirklich zu begreifen. Ihre Geschichten sind nun auf der Homepage des LTO zu hören.

Der Blick mit Kinderaugen auf schreckliche Geschehnisse. Ein Bild aus dem Buch „Die Rote Masche“ von Annika Tetzner, das das LTO nun als Online-Lesung zum Holocaust-Gedenktag auf seiner Homepage anbietet.
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

In die "Die Rote Masche" – Ein Shoahbuch für Kinder und Erwachsene" hat die in Israel lebende, tschechische Künstlerin und Autorin Annika Tetzner ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Mauthausen auf eine besondere Art erzählt – durch die Augen ihres kindlichen Ichs. "Ich kannte das Buch zuvor auch nicht. Ein Überlebender aus Flossenbürg hat es uns zur Geburt unseres Sohnes Rufus geschenkt", erzählt Adrian Wenck, Leiter Öffentlichkeitsarbeit beim Landestheater Oberpfalz (LTO). Seine Lebensgefährtin arbeitet im Archiv der KZ-Gedenkstätte. Als dreiteiliges Hörbuch stellt das Landestheater nun die Erlebnisse Tetzners, die als einzige ihrer Familie die Shoa überleben sollte, zum "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" ab 27. Januar kostenlos abrufbar auf seiner Homepage bereit.

Kleine Drachenkämpfer gegen das Grauen

"Es lag mir am Herzen von Seiten des LTO etwas zum Gedenktag zu machen und das großartige Buch bot sich an", erläutert Wenck. Es habe zunächst die Idee einer Live-Lesung gegeben, die aber derzeit natürlich nicht möglich ist. So hat Schauspieler und Sprecher Patrick Heppt die drei 12 bis 18 Minuten langen Geschichten "Die Rote Masche", "Herr Maximus und ich" und "Die drei Drachenkämpfer" als Hörbücher eingelesen. In ihrem Buch schildert Tetzner ihr Leben im Konzentrationslager und dabei nicht die unbegreifliche Gesamtheit der Verbrechen. Sie bleibt bei ihren Erinnerungen. Durch den entwaffnend klaren Blick, mit dem das Mädchen das Unfassbare erlebt und Erlebnisse mit ihrer kindlichen Verständniswelt für sich einzuordnen versucht, wird nicht zuletzt die anonyme Masse der Opfer zu Einzelpersonen mit Schicksalen.

"Was mich fasziniert ist, dass man nur wenig über die Kinder im KZ weiß, und das Buch hierzu einen tiefen Eindruck hinterlässt", erzählt Wenck. "Es ist einfach poetisch, wenn das kleine Mädchen in Theresienstadt in den Garten des KZ-Kommandanten einbricht und sich zum Träumen auf die Wiese legt. Und wie liebevoll die Familie miteinander umgeht." Ein ermutigender Hoffnungsschimmer zwischen Tod, Gewalt und Hunger.

Gelungene Bearbeitung

Gerade dieser Aspekt ist auch für den künstlerischen Leiter des LTO, Till Rickelt, extrem wichtig: "Es ist immer eine Gratwanderung bei der Bearbeitung solcher Stoffe, das Ganze nicht emotional zu überfrachten oder überzudramatisieren und den Zuschauern – so schwer es ist – trotz allem noch ein positives Gefühl mitzugeben. Sonst verwehren sich gerade die jüngeren Zuschauer dagegen." Hier sei das großartig gelungen.

Mit dem ehemaligen KZ Flossenbürg in unmittelbarer Nachbarschaft hat das Landestheater mit Inszenierungen über das Leben von Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer und zuletzt Sophie Scholl viel Erfahrung mit solch schwierigen Stoffen. "Es gibt heute nur noch wenige Zeitzeugen, die davon erzählen können – und leider immer mehr, die sich wieder auf den gleichen Weg begeben", sagt Rickelt. Der Dank Wencks und Rickelts gilt daher dem Verlag Edition Splitter in Wien und Batya Horn für die Genehmigung, die Geschichten in diesem Rahmen veröffentlichen zu dürfen. Und besonders Sprecher Patrick Heppt. "Er hat die Geschichten einfühlsam und ohne Pathos zum Leben erweckt", lobt Wenck.

Veröffentlichungstermine der Online-Lesung :
  • Teil 1 am 27. Januar - Die Rote Masche
  • Teil 2 am 30. Januar - Herr Maximus und ich
  • Teil 3 am 2. Februar - Die drei Drachenkämpfer

Die Episoden werden jeweils um 11 Uhr auf der Homepage des Landestheaters veröffentlicht. Sie sind dann jederzeit kostenlos abrufbar und bleiben bis 26. Februar online. Die Hörbücher und weitere Infos: www.landestheater-oberpfalz.de

Das LTO beschäftigte sich mehrfach wie hier 2011 mit der Shoa: „Anne Frank“ (Alex Gruber) .

 

 

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