"Manche Themen erfordern harte Worte"

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Carolin Kebekus gehört zum festen Ensemble der "heute Show", hat ihre eigene Fernseh-Sendung "Pussy Terror TV" und ist mit ihren Solo-Programmen auf Tour. Sie macht aber nicht nur Comedy, sondern bezieht zu aktuellen Themen klar Stellung.

Sie macht Comedy, Kabarett und Musik - und hat eine klare Meinung: Carolin Kebekus.

Nach der Tour "Alpha Pussy", die über 300 000 Menschen gesehen haben, lotet Deutschlands Chef-Komikerin Carolin Kebekus mit ihrem neuen Programm "Pussy Nation" erneut die Grenzen unter und über der Gürtellinie aus. Kebekus, 1980 in Bergisch Gladbach geboren und dann in Köln-Ostheim aufgewachsen, war als Praktikantin bei einem Sketch der "RTL Freitag Nacht News" für eine verspätete Schauspielerin eingesprungen.

Seither ist das vielfach ausgezeichnete Comedy-Talent regelmäßig im Fernsehen. Verharmlosung von rechter Hetze lässt Carolin Kebekus niemandem durchgehen. Ein Gespräch mit der Kölner Kabarettistin über modernen Feminismus und den Umgang mit sexistischen Shitstorms.

ONETZ: Frau Kebekus, die Comedy-Szene war lange eine Männer-Domäne. Jetzt sind die witzigen Frauen schwer im Kommen.

Carolin Kebekus: Das ist wie so oft, wenn Frauen ein bisschen länger brauchen. Weil es eben diese Wege für Frauen in vielen Bereichen bislang gar nicht gab. Ohne Leute wie Gabi Decker oder Gaby Köster oder Anke Engelke, die ich im Fernsehen sah, hätte ich nicht gewusst, dass das ein Beruf auch für Frauen ist. Ich hätte halt gedacht, ich sei schon ein bisschen lustig, aber: Die richtigen Witze machen nur die Jungs!

ONETZ: Nach „Pussy Terror“ und „Alpha Pussy“ haben Sie in Ihrem neuen Programm „Pussy Nation“ Ihren eigenen Staat gegründet. Eine logische Entwicklung?

Carolin Kebekus: Ich finde schon. Erst mal mit Terror auf sich aufmerksam machen, dann die Macht ergreifen und Anführer werden. Und dann einen neuen Staat gründen. Anders wär‘ es nicht gegangen.

ONETZ: Wie sieht denn dieses Gesellschaftsmodell aus, das Sie in „Pussy Nation“ propagieren?

Carolin Kebekus: (lacht) Es ist natürlich absolut eine Diktatur. In mein Land kommt man nur rein nach meinen Regeln. Aber jeder darf mitmachen. Ich bin eine gerechte Herrscherin. Man muss keine Angst haben.

ONETZ: Das sagen alle Diktatoren ...

Carolin Kebekus: Stimmt schon. Aber wenn man als Diktator Gutes täte für die Menschheit, dann wäre das doch eine gute Sache, oder? Ich könnte zum Beispiel befehlen: Ihr dürft kein Plastik mehr verbrauchen!

ONETZ: Das Image des Feminismus ist ja ziemlich angestaubt. Sie verleihen dem Ganzen aber eine coole, eine sexy Note.

Carolin Kebekus: Feminismus hatte für viele diese Anmutung von Nickelbrille und Strickpullover. Total schlimm finde ich, dass man immer gleich als frigide abgestempelt wird, wenn man sich für Frauenrechte einsetzt: „Das macht die doch nur, weil die nicht gebumst ist. Klar, dass die so sauer ist.“ Das ist totaler Schwachsinn! Man darf einer Frau nicht automatisch die Sexualität komplett absprechen, nur weil sie ihre Rechte einfordert.

ONETZ: Sie haben mal gesagt, sie sähen sich nicht als Aktivistin, eher als Multiplikatorin, die die Aufmerksamkeit auf etwas lenkt. Welche Themen brauchen unsere Aufmerksamkeit am dringendsten?

Carolin Kebekus: Ich glaube, wir spüren alle, dass die Klima-Diskussion gerade am dringendsten ist. Akut in Deutschland ist das Rechtsextremismus-Problem. Das macht mir am meisten Sorge. Wie schnell sich das entwickelt. Wie sehr man Dinge verharmlost. Ich gehe immer davon aus, dass die Leute in Deutschland doch wissen müssten, was es bedeutet, wenn man eine rechte Partei wählt, was es bedeutet, wenn man rechte Hetze verbreitet. Was das für wahnsinnig schreckliche Konsequenzen haben kann. Durch Ereignisse wie in Halle merkt man dann plötzlich: Nee, man kann sich nicht darauf verlassen, dass das in allen Köpfen ist.

ONETZ: Sehen Sie es als Aufgabe als Kabarettistin, auf der Bühne auch klar Haltung zu zeigen?

Carolin Kebekus: Absolut! Das ist ganz klare Aufgabe jedes Künstlers – vor allem jedes deutschen Künstlers – der eine derart große Reichweite hat. Wir in Deutschland haben durch unsere Vergangenheit eine große Verantwortung. Ich selbst habe das nie so empfunden wie viele, die sagen „Das muss doch jetzt mal gut sein“ oder „Damit haben wir doch heute nichts mehr zu tun“. Denn: Unsere Verantwortung aus unserer Geschichte heraus dauert an.

ONETZ: Sie haben aber auch einen gewissen Hang zum vulgären Witz. Finden Sie, dass ein bisschen schocken nicht schaden kann, um ein Publikum aufzurütteln? Gerade auch bei diesem Thema?

Carolin Kebekus: Ja, das finde ich. Allerdings: Vulgär zu sein, nur um der Provokation willen, ist mir ein bisschen zu langweilig. Wenn man damit etwas transportieren kann, dann ist es besser. Manche Themen erfordern einfach auch harte Worte.

ONETZ: Nicht selten lösen Ihre bissigen Gags wahre Shitstorms aus. Nehmen Sie diese Angriffe persönlich?

Carolin Kebekus: Ich lese das nicht. Es geht nun schon über viele Jahre so. Ich bin an diese Beschimpfungen so gewöhnt, dass mich gar nichts mehr schocken kann. Es beeinflusst auch meine Arbeit in keiner Weise.

ONETZ: Was Ihnen da entgegenschlägt hat ja wahrscheinlich viel mit Sexismus zu tun?

Carolin Kebekus: Ja, das meiste. Neunzig Prozent der Posts gehen darum, dass ich mich heftiger penetrieren lassen sollte.

ONETZ: Noch nie wurde so viel über Sexismus gesprochen wie jetzt seit #MeToo. Hat diese Diskussion den Alltag von Frauen verändert?

Carolin Kebekus: Ich würde sagen: Ja. Wenn ich mich mit Freundinnen unterhalte, merke ich, dass da eine andere Aufmerksamkeit entstanden ist. Nicht nur bei uns Frauen. Auch Männer werden nun eher aktiv, wenn sie solches Verhalten mitbekommen von anderen. Es ändert sich vieles. Aber langsam.

ONETZ: Selbstbewusste starke Frauen verändern gerade die Welt. Ein Beispiel ist die eben siebzehn gewordene Greta Thunberg, die eine globale Kampagne zur Klimarettung angestoßen hat.Können Frauen wieder richten, was Männer über Jahrhunderte verbockt haben?

Carolin Kebekus: Ich glaube schon. Da ist zum Beispiel die neue finnische Regierung: alles Frauen unter vierzig. Die Chefin, Sanna Marin, ist erst 34. Alle ihre vier Koalitionspartner haben Frauen als Vorsitzende. Bei Greta Thunberg finde ich total interessant, was diesem Mädchen an Hass begegnet. Einfach nur, weil sie ganz simpel und unemotional allen Menschen einen Spiegel vorhält und ganz einfache Lösungen aufzeigt.

ONETZ: Im Mai werden Sie selbst vierzig. Mit welchen Gefühlen sehen Sie diesem Tag entgegen?

Carolin Kebekus: Ich freue mich sehr auf diesen Geburtstag. Ich finde es richtig cool, dass man – je älter man wird – immer mehr merkt, wie wenig diese Zahl an Jahren eine Rolle spielt.

ONETZ: Sie sind immer erfolgreicher geworden, die vergangenen Jahre müssen Ihnen vorgekommen sein wie ein Zeitraffer, so viel haben Sie gemacht. Wird es in diesem Tempo weitergehen?

Carolin Kebekus: Ich arbeite unheimlich viel, das stimmt schon. Aber schnell ging es nach meinem Gefühl nicht. Ich habe das als langen Weg empfunden, auf dem ich sehr viel an mir gearbeitet habe. Ich bin seit 21 Jahren im Mediengeschäft und seit 18 Jahren auf der Bühne. Da kann man, finde ich, nicht von „schnell“ reden. Natürlich wird alles viel schneller: Im vergangenen Jahr habe ich ein neues Programm geschrieben, eine riesige Tour gespielt, noch eine eigene Fernsehsendung gemacht, hatte Gastauftritte in anderen Shows, habe Hörbücher eingesprochen und so weiter. Man macht tatsächlich wahnsinnig viel, und vieles macht man auch tatsächlich schnell.

Info:

Termine

18. September: München, Circus Krone

19. September: München, Circus Krone

23. Oktober: Regensburg, Donau Arena

12. November: Bayreuth, Oberfrankenhalle

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0

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