02.12.2020 - 16:50 Uhr
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Michael Mittermeier: "Ich mag es, Licht am Ende des Tunnels zu sehen"

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Comedian Michael Mittermeier spricht über die Krise der Künstler, seine Angst vor dem Tod und sein neues Buch "Die Corona-Chroniken". Bissiger Untertitel: "Ich glaube, ich hatte es schon."

Comedian Michael Mittermeier hat ein Buch über seinen Alltag während der Pandemie geschrieben.

Von André Wesche

ONETZ: Herr Mittermeier, hatten Sie’s schon?

Michael Mittermeier : Nein. Ich glaube nicht, dass sich seit meinem letzten Test etwas geändert hat. Ich habe aber schon zweimal geglaubt, es zu haben. Bis jetzt war das Ergebnis negativ - oder ich habe keine Antikörper ausgebildet. Ich kenne tatsächlich ein Ehepaar, die beide positiv getestet wurden. Er hatte Antikörper und sie nicht. Das bedeutet scheinbar, dass die Frau es auch noch einmal kriegen kann. Man lernt nie aus.

ONETZ: Sie sind auch im Autokino aufgetreten. Ist das der vielzitierte Spatz in der Hand?

Michael Mittermeier : Jein. Natürlich würde man sich ein Publikum auf Stühlen und nicht hinter Glasscheiben wünschen, wenn man die Wahl hätte. Aber das Autokino war für mich nicht der Spatz, sondern tatsächlich der Einstieg in eine neue Kreativität. Es war ein Wiederanfang und so habe ich es auch immer gesehen. Ich bin nicht am 7. Juni da hoch und habe mir gedacht, das ist nur ein Autokino. Ich habe mich gut vorbereitet und mir sogar Autofilme angekuckt, zum Beispiel "Drive" mit Ryan Gosling und "Fast & Furious", Teil 1 - 6. Und ich habe mir Gedanken über Wortspiele zum Thema Autos und Autokino gemacht. Dann bin hoch auf die Bühne gegangen und habe erzählt, was mir passiert ist. Für mich als Comedian war eine neue Welt entstanden, über die ich reden konnte.

ONETZ: Sie bezeichnen diese Erfahrung als durchaus positiv. Könnten Sie bitte Ihre Gedanken und Gefühle auf der Bühne beschreiben?

Michael Mittermeier : Ich war sehr glücklich. Aber es war eine Herausforderung. Es war ein Autokino im Niemandsland von Niederbayern und der Veranstalter hatte alles mit viel Engagement selbst gestemmt. Es waren 11 Grad und es hat geregnet. Aber je mehr ich gefordert bin, umso geiler bin ich drauf, es den Leuten da draußen schön zu machen. Ich nehme das alles auf und höre es mir nachher nochmal an. Die ersten 20 Minuten habe ich nur improvisiert, über die Automarken, die Kennzeichen. Dann hat der Kirchturm geschlagen und ich habe über die Kirche improvisiert. Und dann gingen auch noch Spaziergänger vorbei, weil der Weg direkt vor dem Autokino langführt. Eine Familie mit Hund, die ich einbezogen habe. Das war in diesem Moment superlustig. Wir hatten alle einen Heidenspaß und ich werde es ewig in Erinnerung behalten. Diese Auftritte haben für mich meine Welt wieder aufgemacht. Sie haben mich inspiriert und gezeigt, wie geil es sein kann, aus der Komfortzone rauszugehen. Ich hätte keine Pandemie und keinen Lockdown gebraucht, um wieder zu mir zu finden. Aber ich habe als jemand funktioniert, der Extremsituationen annehmen kann.

ONETZ: Friedrich Merz meint, dass sich durch Kurzarbeit in der Coronakrise relativ viele Menschen daran gewöhnen könnten, ein Leben ohne Arbeit zu führen. Ihre Meinung?

Michael Mittermeier : Fragen Sie mal Friedrich Merz, was eine U-Bahn-Karte kostet. Er hat in den letzten 20 Jahren wahrscheinlich nicht an einer U-Bahn-Haltestelle gestanden und sich nicht mit Menschen über ihren täglichen Lebenswandel unterhalten. Er fliegt mit einem seiner zwei Flieger irgendwo hin. Really? Ist es das, was einem zur aktuellen Situation einfällt? Es tut mir fast weh zu sagen, dass selbst der Söder gegen ihn noch menschlich wirkt. Wenn mir das mal jemand gesagt hätte! Es gibt so viele Menschen, die zurzeit mit dem Leben kämpfen, auf zwei Ebenen.

ONETZ: Welche beiden Ebenen meinen Sie?

Michael Mittermeier : Die eine ist: Wir müssen uns alle zusammensetzen und schauen, dass wir irgendwie zurechtkommen. Viele haben nicht das Geld oder den Job dazu. Um mich muss sich niemand kümmern. Wenn ich nach dreißig Jahren on Tour Hilfe bräuchte, dann hätte ich etwas falsch gemacht. Aber es gibt so viele Menschen, die wirklich Unterstützung benötigen. Viele Künstler bräuchten Hilfe, und zwar unkompliziert. Wie willst Du denn einen Künstler nach Betriebsausgaben fragen? Das ist doch Bullshit! Die Betriebsausgaben eines Solokünstlers sind sein Auto, seine Miete, sein Essen und dass er seine Familie durchbringt. Und dann sitzt da ein Friedrich Merz, der überhaupt nicht weiß, was es bedeutet, sich allein durchzuschlagen. Insofern: Lerne doch erst mal wieder etwas über das Leben. Und dann mach den Mund auf.

ONETZ: Machen Sie sich dieser Tage häufiger Gedanken über die Zukunft unserer Kinder?

Michael Mittermeier : Darüber mache ich mir schon sehr lange Gedanken, auch vor Corona. Allein, wenn ich mir das Klima anschaue. Ich mache mir auch Gedanken über das menschliche Klima. Diese Extremität, mit der die Leute heute reagieren, diese Shitstorms. Das macht mir echt Angst. ... Ich glaube, dass wir die Pandemie überstehen. Wir überleben Corona. Das zeigt, dass wir auch in dieser Zeit zusammenhalten. Es ist ja nur ein kleiner Teil, der den Wahnsinn pflegt. Ich bin in der Schweiz aufgetreten, einen Tag, nachdem dort eine große Corona-Demo stattgefunden hat, mit QAnon-Leuten, Reichsbürgern und ähnlichen, zu denen man kein Wort findet. Ich habe eine Nummer dazu gebracht, die sich zum Teil auch im Buch wiederfindet. Es geht um die Verschwörungstheorien. Wenn einer sagt, mit Nano-Technologie würde sein Ego in die Cloud hochgeladen, wie soll ich da anders reagieren, als zu sagen: "Ich glaube, manche Egos werden da ein Speicherplatzproblem bekommen.". Da kann ich nur mit Humor reagieren. Wie soll ich das denn ernst nehmen?

ONETZ: Das Schweizer Fernsehen hat den Clip dann ins Netz gestellt. Wie waren die Reaktionen?

Michael Mittermeier : Am Anfang hatte er 20 oder 30 Kommentare. Wunderbar, habe ich gedacht, die Leute schauen sich das an. Eine Woche später habe ich wieder draufgeschaut und plötzlich waren es um die 350 Kommentare. Meine Leute haben schon geschrieben, dass Attila Hildmann mal wieder den YouTube-Krieg ausgelöst hat. Diese Leute sind eng vernetzt und sie schreiben sich untereinander an: "Ey, da ist eine Nummer über uns auf YouTube. Scheißt sie zu!". Dann machen sie alle den Daumen nach unten und schreiben, wie unlustig ich bin. Ist das nicht lächerlich? Glauben die wirklich, dass sie mir wehtun könnten, indem sie den Daumen senken? Menschen, die wirklich glauben, dass die Erde eine Scheibe ist? Check into reality!

ONETZ: Eine ernste Frage zu einem lustigen Buch, aber in Corona-Zeiten wahrscheinlich legitim: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Michael Mittermeier : Auf eine diffuse Art und Weise ja. Ich renne nicht dauernd mit der Angst vor dem Tod herum. Das kommt eher in Wellenbewegungen. Ich hatte schon Augenblicke der Todesangst. Ich hatte aber auch schon Momente, in denen es mir egal war. Dann habe ich etwas gemacht, von dem ich wusste, dass es auch schiefgehen kann. Das hat nichts mit einer Mutigkeit zu tun, sondern damit, dass es mir wirklich egal war. Ich bin ja so ein pessimistischer Optimist. Als erstmal alles stillstand, habe ich gedacht, fuck, was ist los hier? Dann muss man erstmal runterfahren. Damit konnte ich anfangs überhaupt nicht umgehen. Aber dann bin ich wieder einer, der schnell darauf reagiert und handelt. Ich mag es, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Und wenn ich dort gar kein Licht sehe, versuche ich irgendwo einen Lichtschalter zu finden, der es wieder einschaltet. Das macht den Unterschied. Es gibt leider einige Menschen, die die Fähigkeit gerade nicht mehr haben, auch das Licht zu sehen. Das ist eigentlich schade.

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Deutschland und die Welt
Hintergrund :

Zur Person: Michael Mittermeier

  • Jahrgang 1966, geboren im oberbayerischen Dorfen als Michael Fritz Mittermeier
  • Studium der Politologie und Amerikanistik an der LMU München, Magisterarbeit über „Amerikanische Stand-up-Comedy“
  • Erste erfolgreiche Comedy-Tour 1996 mit „Zapped“. Darin parodierte er unter anderem Werbesendungen.
  • Zahlreiche weitere erfolgreiche Bühnenprogramme, etwa „Safari“ (2007), „Blackout“ (2013) oder „WILD“ (2015)
  • Autor mehrerer Bestseller wie „Achtung Baby“ (2010) und „Die Welt für Anfänger“ (2013)
  • Sein neues Buch „Die Corona-Chroniken“, das Leser an seinem Alltag während der Pandemie teilhaben lässt, erschien am 5. November.
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