19.03.2020 - 19:46 Uhr
MitterteichDeutschland & Welt

Mitterteich im Ausnahmezustand: Eine Stadt in Coronahaft

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Mitterteich unter Ausgangssperre – BILD, BR, SAT, RTL und ntv auf Sensationsschau. Und dann auch noch das: Ministerpräsident Markus Söder lässt den Verdacht fallen, ein Starkbierfest könne Ausgangspunkt der gehäuften Coronafälle sein.

Ausgangssperre in Mitterteich: Medien aller Couleur waren das einzig belebende Element im Stadtbild heute.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Seit 7 Uhr 45 ist unser Reporter Josef Rosner unterwegs: "An den Einfahrtstraßen überall Polizeikontrollen", erzählt der Mitarbeiter. Die Stadt wie ausgestorben mit Ausnahme der Kamerateams: "Was wollt ihr denn hier, es ist ja keiner unterwegs?", fragt er die Kameraleute. "Genau das filmen wir ja", bekommt er zur Antwort.

Ungerecht: Partys im Englischen Garten

Keine Menschenseele zu sehen, die Geschäfte natürlich zu. "Eine Frau hat sich aufgeregt, dass über Mitterteich eine Ausgangssperre verhängt wurde und im Fernsehen sieht man Partys im Englischen Garten." Der Unmut über die Gerüchteküche bei den Mitterteichern ist groß: "Ich war ja selbst beim Starkbierfest", sagt Rosner, "das war am 7. März überhaupt noch kein Thema." Jetzt höre man, dass eine einzige Besucherin offiziell infiziert gewesen sein soll." Vielen Bürgern scheint das nicht plausibel zu sein. "Angeblich waren 20 Mitterteicher im Skiurlaub in Südtirol", nennt der Konnersreuther ein anderes Gerücht. "Aber auch das lässt sich nicht nachvollziehen."

So geht das Rätselraten über die Ursache der Häufung von Coronafällen weiter. Auch an höchster Stelle. Bürgermeister Roland Grillmeier, der sich seine letzten Wochen vor dem Wechsel an die Spitze des Landratsamtes sicher anders vorgestellt hatte, ist ratlos: "Es ist nicht zielführend, wenn von offizieller Seite Vermutungen rausgehauen werden, die nicht verifiziert werden können", sagt das Stadtoberhaupt. "Die Infektionsketten sind meines Wissens noch nicht identifiziert."

Wie ausgestorben: gespenstische Ruhe zur Mittagszeit.

Süffikus als Gegenmittel

Auch Regina Kestel, Leiterin der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt, weiß nicht mehr: "Ich war sehr überrascht von der Erklärung des Ministerpräsidenten." Vielleicht verfüge er über Informationen vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit", mutmaßt sie. "Wir haben morgen eine Lagebesprechung, da werden wir das abklären."

Das Starkbierfest als Sündenbock? Im wahrsten Sinne des Wortes, hatte die Brauerei Hösl ihren Süffikus doch ironisch als bestes Gegenmittel gegen das Virus angepriesen. "Das war sicher unglücklich", räumt Grillmeier ein, aber man müsse die damalige Lage sehen: "Am 7. März fanden überall noch Veranstaltungen statt, eine Schließung von Gaststätten war weit entfernt."

Festveranstalter hatte grünes Licht

Auch der Veranstalter beteuert, er habe vom Gesundheitsamt grünes Licht für die Traditionsveranstaltung bekommen: "Wir hatten alle Genehmigungen", sagt Festleiter Christof Härtl vom Burschenverein. "Ich habe mehrfach mit dem Gesundheitsamt telefoniert, das hatte keine Bedenken." Es habe zu diesem Zeitpunkt nicht einmal Verdachtsfälle gegeben. "Im Nachhinein ist man immer schlauer", sagt Härtl, dem die Kritik in den Sozialen Medien an die Nieren geht.

Die zuständige Ärztin habe ihn lediglich informiert, die Veranstaltung könne auch kurzfristig untersagt werden. "Hätte es Hinweise auf eine Gefährdung gegeben, hätten wir das Fest selbst abgesagt, obwohl auch Metzgereien und die Brauerei mit drinhingen", beteuert er.

Besorgte Bürger melden sich auch bei Oberpfalz-Medien. Frau Lehner aus Neusorg, den Vornamen will sie nicht verraten, hatte das Starkbierfest in Mitterteich besucht. Die 40-Jährige sei ein Corona-Verdachtsfall, momentan auf Anweisung des Gesundheitsamts unter Quarantäne. Sie habe seit vier Tagen Fieber, fühle sich im Stich gelassen. "Bisher hat noch kein Arzt vorbeigeschaut und einen Test gemacht", klagt sie am Telefon. Es fühle sich keiner für sie zuständig.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (links, CSU) besucht das BRK Mitterteich.

Bürgermeister: 12 von 25 Fällen waren sicher nicht am Fest

"Es waren statt wie sonst 1400 Besucher vielleicht 1000 überwiegend junge Leute da", glaubt Bürgermeister Grillmeier dennoch nicht an das Fest als Wurzel allen Übels. Die seien aus dem ganzen Landkreis gekommen, weshalb dann nicht nur Mitterteich betroffen sein dürfte.

"Von den 25 Corona-Fällen kenne ich 12 persönlich", sagt er. Von keinem sei ihm bekannt, dass er auf dem Fest oder im Skiurlaub in einem Risikogebiet gewesen sei. "Unser erster Fall trat am 9. oder 10. März auf", fährt er fort, zu kurz für Infektion und Ausbruch. "Ein 83-Jähriger, der sicher nicht am Fest war." Dasselbe gelte für einen infizierten Mitarbeiter und eine Kindergärtnerin. Beide sind ursächlich, dass im Rathaus auf Homeoffice umgestellt wurde und sich der Kindergarten in Quarantäne befindet.

Ausgang zur Stichwahl erlaubt

"Wir akzeptieren die Entscheidung natürlich", ist der Bürgermeister hin- und hergerissen, wenn auch mit dem Gefühl, dass ein Warnschuss in Richtung Corona-Partygänger abgefeuert werden soll, für die Mitterteich nichts könne. "Ich habe gestern zum Innenminister gesagt, vier oder fünf Länder in Europa haben Ausgangssperre - und Mitterteich, vielleicht hätte eine Zwischenstufe auch gereicht."

Er und sein Restteam hätten auch so schon genügend zu organisieren: "Die Stichwahl steht ja auch noch an", sagt er seufzend, "wir haben gemeinsam mit Wiesau Briefwahlunterlagen verschickt, die Teams für die zehn Auszähllokale sind organisiert, wenn es keine Ausfälle gibt." Grillmeier appelliert: "Nutzen Sie die Wahl für einen Spaziergang zum Briefkasten." Schließlich gehe es um die Belange aller Bürger. Dieser Ausgang sei erlaubt.

62 bestätigte Fälle im Landkreis: Schwerpunkt Mitterteich:

Ausgangssperre wird weitgehend eingehalten

Apropos erlaubt: „Unaufschiebbare Tätigkeiten zum Tierwohl sind erlaubt“, beantwortet Roland Heldwein von der Polizeiinspektion Waldsassen bereitwillig unsere Fragen. „Da gehört meiner Ansicht nach das Gassigehen im unbedingt erforderlichen Umfang dazu.“ Auch Hilfeleistungen für Kranke oder Behinderte seien selbstverständlich freigestellt. Spaziergänge, Joggen und Radfahren aber nicht. Außer im eigenen Garten: „Da kann jeder machen, was er will.“ Heldwein ist mit seinen Kollegen für die Überwachung der Ausgangssperre zuständig, die zunächst bis 2. April angeordnet wurde: „Wir machen seit gestern Nachmittag der Lage angepasst mobile und Standkontrollen.“

Im Großen und Ganzen würde die Anordnung akzeptiert und eingehalten, es gebe ja noch genügend Ausnahmen: „Wer zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt, darf das natürlich weiter.“ Ob geschummelt werde? „Arbeitnehmer sollten sich eine Bescheinigung vom Arbeitgeber geben lassen“, erklärt Heldwein. Wenn jemand eine Einkaufstüte schleppt, sei der Sachverhalt einfach, „im Zweifel fahre ich hinterher. Man braucht halt etwas Fingerspitzengefühl.“ Sollte jemand grob fahrlässig oder vorsätzlich gegen die Verordnung verstoßen, warnt der Polizist, drohe eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. Natürlich nur in krassen Fällen: „Also, wenn einer etwa eine Kiste Bier dabei hat und sich damit zum Feiern mitten auf den Marktplatz setzt.“

Hotline Gesundheitsamt: 09631/707676 und 09631/88410, aktuelle Informationen zum Coronavirus www.kreis-tir.de

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