Maskierte Polizisten mit Helmen und Maschinenpistolen haben den Hochsicherheitstrakt umstellt, an den Zufahrtsstraßen ist ebenfalls Polizei aufgezogen. Als Spezialeinsatzkommandos drei Männer aus der Untersuchungshaft zum Prozessgebäude bringen, kommt es zu Verkehrsstörungen. In Düsseldorf hat der Prozess um den Mordanschlag auf den Neffen eines berüchtigten Drogenbosses unter ungewöhnlich scharfen Sicherheitsvorkehrungen begonnen.
Mit den Maßnahmen werden die Angeklagten geschützt, denn die Gegenseite soll Blutrache geschworen haben. Zum Auftakt fordern Verteidiger prompt die Ablösung des Staatsanwalts. Der habe einen der Angeklagten stundenlang im Gefängnis vernommen, ohne dessen Verteidiger Bescheid zu sagen.
Der Staatsanwalt erwidert, darum habe der Angeklagte ausdrücklich gebeten. Das Gericht will über den Antrag später entscheiden. Zudem monieren die Verteidiger, dass die verlesene Anklage nicht der ihnen vorliegenden Version entspricht. „Ist so“, bestätigt der Vorsitzende Richter. Der Staatsanwalt muss die Anklage erneut verlesen.
Angeklagter beteuert Unschuld
Dann beteuert einer der drei Angeklagten, ein 39-jähriger Syrer, seine Unschuld: Er sei am Tattag in Hameln (Niedersachsen) gewesen und nicht der Mann, der auf einem Blitzer-Foto auf der Rückbank des Tatwagens zu sehen sei. Die beiden anderen Männer im Auto habe er noch nie gesehen.
Ein weiterer Verteidiger kündigt für seinen Mandanten, einen der mutmaßlichen Schützen, nach der Verhandlung eine Aussage an: Der 22-jährige Türke sei zwar am Tatort gewesen, habe aber nicht geschossen, sagt er Journalisten. Die Schüsse seien entgegen Zeugenaussagen alle aus einer Waffe abgegeben worden - und das sei nicht die seines Mandanten gewesen.
Das Gericht präsentiert Videoaufnahmen und Fotos des Tatwagens, als der mit überhöhter Geschwindigkeit durch einen Tunnel unweit des Tatorts fährt. Ein Foto zeigt drei Männer im dunklen Fahrzeug mit Hamelner Kennzeichen.
Kugelhagel am Jahresende
Zwei der drei Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft versuchten Mord vor, dem dritten Beihilfe dazu. Nach einem vierten Verdächtigen wird seit Montag öffentlich gefahndet.
Am 30. Dezember 2025 waren in Düsseldorf auf einer Hauptverkehrsstraße zehn Schüsse auf einen Taxi-Fahrgast abgefeuert worden. Das 40 Jahre alte Opfer wird von sieben Kugeln getroffen, überlebt aber dank Notoperation.
Das Gericht zeigt Fotos seiner Kleidung - die Einschusslöcher sind markiert. Das Opfer hatte vor der Tat an einer Kundgebung vor dem niederländischen Konsulat in Düsseldorf teilgenommen, bei der die Freilassung seines Onkels gefordert worden war: Der bekannte Drogenboss Hüseyin B., der in den Niederlanden seit rund 28 Jahren im Gefängnis sitzt, wird auch als „Pablo Escobar Europas“ oder einfach „der Pate“ bezeichnet.
Folterkammer im Obergeschoss
Ermittler hatten um das Jahr 1998 herum Telefonate mitgeschnitten, in denen er reihenweise Mordaufträge erteilte. Britischen Medien zufolge soll Hüseyin B., der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird, mit Heroinhandel Milliarden verdient haben. In seinem Haus in London, wo er eine Weile lebte, sei später eine schallisolierte Folterkammer entdeckt worden.
Kundgebung vor dem Konsulat
Schon am Konsulat sei B.s Neffe beobachtet worden, fanden die Ermittler heraus. Als er nach der Kundgebung in einem Taxi die Heimreise antrat, seien ihm drei Männer in einem Auto gefolgt. Schon bald habe der Wagen das Taxi auf einer vierspurigen Nord-Süd-Verbindung, der Kaiserstraße, überholt. Zwei Männer seien aus dem Auto gesprungen. In unmittelbarer Nähe des NRW-Finanzministeriums hätten sie das Feuer eröffnet.
Wer wollte dem Neffen ans Leben?
Ermittler vermuten hinter dem Mordanschlag einen seit Jahren gewalttätig ausgetragenen Streit unter kriminellen Banden, der in der Türkei seinen Ursprung haben soll und sich von dort über Europa ausgebreitet hat.
Die „Daltons“ hätten sich mit weiteren Banden zusammengetan, um dem B.-Clan zuzusetzen, verrät ein Ermittler. Man gehe davon aus, dass dies auch der Hintergrund für die aufsehenerregende Bluttat in Düsseldorf sei. Zur Sprache kommt dies beim Prozessauftakt nicht.
Als mutmaßliche Attentäter sitzen ein 39-jähriger Syrer und ein 22-jähriger Türke auf der Anklagebank. Der 39-Jährige war im niedersächsischen Hameln von Spezialkräften festgenommen worden, der 22-Jährige in Gelsenkirchen. In seiner Wohnung waren eine AK 47 Kalaschnikow und eine weitere Schusswaffe sichergestellt worden.
Vierter Verdächtiger ist flüchtig
Der dritte Angeklagte, ein 37-Jähriger, soll ihnen sein Auto als Tat- und Fluchtwagen zur Verfügung gestellt haben. Er ist wegen Beihilfe zum versuchten Mord angeklagt. Nach dem Mann, der zur Tatzeit am Steuer saß, wird noch gesucht. Das Gericht hat für den Prozess 19 Verhandlungstage angesetzt.
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