Es ist die Nacht vom 14. auf den 15. Januar 2005, als die bayerische Landeshauptstadt München ihren letzten ungekrönten König verliert. Wie jeden Tag rollt auch an diesem Morgen ein luxuriöser Wagen, einer von insgesamt drei Rolls-Royce desselben Besitzers, durch die noch ruhigen Straßen. Am Steuer sitzt der Chauffeur Andreas K. Zum Fahren trägt er weiße Handschuhe. So will es sein Arbeitgeber. Der „Herr Andreas“, wie er von diesem genannt wird, trifft um kurz vor 9 Uhr in der Robert-Koch-Straße in Grünwald ein.
Doch schon auf dem Weg vom Auto zur Haustüre bemerkt der Angestellte, dass an diesem Morgen etwas anders ist als sonst. Denn die Eingangstür zur Villa ist nicht wie üblich verschlossen, sie steht sogar einen Spalt breit offen. Sofort ist Andreas K. alarmiert. Er weiß, wie misstrauisch und ängstlich sein Arbeitgeber ist und dass er deswegen niemals so nachlässig gewesen wäre. Im Inneren des Hauses wartet bereits ein aufgeregter Hund auf ihn. Ein Yorkshire-Terrier. Daisy.
Mehrmals ruft der Chauffeur vom Erdgeschoss aus laut nach seinem Chef. Doch er bekommt keine Antwort. Andreas K. beschließt, die Stufen nach oben zu steigen und im Obergeschoss nach dem Rechten zu sehen. „Da habe ich ihn liegen sehen“, wird er sich später in einer Fernsehdokumentation erinnern. Der Mann, der dort mit einem schwarzen Anzug bekleidet und mit einem Elektrokabel um den Hals liegt, ist der Münchener Modezar und schillernde Lichtgestalt der Schickeria, Rudolph Moshammer.
Anruf setzt Maschinerie in Gang
Sofort verständigt Andreas K. die Polizei. Um 9.45 Uhr treffen die Mordermittler vor dem Anwesen in Grünwald ein. Da ist die Presse bereits vor Ort. Die Nachricht vom Einsatz an der „Mosi-Villa“ verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Noch am Freitag wird eine 20-köpfige Sonderkommission eingerichtet, die „Soko Moshammer“. Stundenlang sichern die Ermittler hunderte Spuren am Tatort. Zeitgleich finden erste Befragungen im Umfeld von Rudolph Moshammer, die Auswertung von Mobilfunkdaten und die Obduktion der Leiche am Rechtsmedizinischen Institut in München statt. Sie ergibt: Der Modezar wurde erdrosselt.
Mit der Bekanntheit Moshammers geht auch einher, dass innerhalb kürzester Zeit zahllose Hinweise zur Sache – ob brauchbar oder nicht – bei der Polizei eingehen. Einige Anrufer melden, dass sie Moshammer am Donnerstagabend in seinem Wagen im Bahnhofsviertel von München gesehen haben wollen. Unter anderem ist dort das Rotlichtviertel angesiedelt. Dass Moshammer sich hier aufhält, ist kein Zufall. Mehrmals die Woche ist er rund um den Bahnhof auf der Suche nach jungen Liebhabern unterwegs – so auch in der Nacht seines Todes. Ein Zeuge will da spät nachts einen dunkelhaarigen Mann mit einer weißen Mütze auf dem Kopf auf dem Beifahrersitz von Moshammers Wagen gesehen haben. Und tatsächlich gelingt es der Polizei, den Unbekannten ausfindig zu machen.
Den entscheidenden Hinweis auf den Mann liefert die rechtsmedizinische Untersuchung des Elektrokabels, mit dem der Modezar erwürgt wurde. Auf diesem befindet sich eine männliche DNA-Spur, die in der Datenbank der Polizei gespeichert ist. In den Fokus der Ermittlungen rückt nun ein 25-jähriger Mann aus dem Irak, Herisch A. Er lebt seit 2002 in München und ist bis zum Zeitpunkt der Tötung Moshammers bereits zweimal in Ermittlungsverfahren wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung verwickelt. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei verhaftet den Mann am Samstagabend vor seiner Wohnung. Bei deren Durchsuchung wird eine zerschnittene, weiße Mütze sichergestellt. Wenige Stunden später gesteht Herisch A. die Tötung Moshammers. Damit ist einen Tag nach dem Leichenfund bereits der mutmaßliche Täter gefasst.
Urteil lautet lebenslänglich
Der Prozess gegen Herrisch A. startet am 2. November 2005 vor dem Landgericht München I. Die Anklage lautet auf Mord aus Habgier und Raub mit Todesfolge. Am ersten Tag wiederholt Herisch A. sein Geständnis und entschuldigt sich. Seine Angaben zum Tatabend und Motiv bleiben aber vage. Am Abend des 14. Januar will er in einer Spielhölle in der Nähe des Hauptbahnhofs viel Geld verzockt und sich deswegen als Versager gefühlt haben. Da sei der Mann mit dem Rolls-Royce gekommen und habe ihn angesprochen. Herrisch A. schildert, dass Moshammer ihm 2000 Euro angeboten habe, wenn er mitfahre.
Die beiden kommen gegen 0 Uhr an der Villa in Grünwald an. Dort vollziehen sie sexuelle Handlungen. Doch der Modemacher soll Herrisch A. danach die Bezahlung verweigert und ihm mit der Polizei gedroht haben. Im Zuge des sich nun entspinnenden Streits habe Herisch A. Moshammer im Affekt getötet und anschließend das Haus nach Geld durchsucht. Weil er nichts gefunden habe, sei er panisch vom Tatort geflüchtet. Während des Prozesses äußert ein psychiatrischer Sachverständiger, dass er den Angeklagten für voll schuldfähig halte und die Tat keine Merkmale eines hochgradigen Affekts trage.
Das Landgericht München I verurteilt Herisch A. am 21. November 2005 zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge. Außerdem wird die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Damit ist eine vorzeitige Haftentlassung faktisch nicht möglich. Am Ende sind es 18 Jahre, die Herisch A. wegen des Mordes an Rudolph Moshammer im Gefängnis sitzt. Im Januar 2023 wird in den Irak abgeschoben und verlässt das Flugzeug in Bagdad als freier Mann. Nach Deutschland zurückkehren darf er nicht. Gegen ihn wurde ein Einreiseverbot verhängt.
Fall hat Gesetzesänderung zufolge
Was nach dem Tod Moshammers bleibt, sind große Anteilnahme und ein noch größeres finanzielles Erbe. Vieles von dem Geld fließt in wohltätige Zwecke. Die Hündin Daisy, die fast genauso bekannt ist, wie Moshammer selbst, lebt bis zu ihrem Tod im Oktober 2006 bei dem Chauffeur Andres K. Der Fall Moshammer geht wohl auch deswegen in die bayerische Kriminalgeschichte ein, weil er unter anderem eine Gesetzesänderung zufolge hat. Vor Moshammers Tod konnten Tatortspuren nur analysiert werden, wenn ein richterlicher Beschluss vorlag. Danach ist das auch ohne möglich. Auch der Katalog, in welchen Fällen DNA-Analysen erstellt werden dürfen, wird erweitert. Ob das ohne die Prominenz des Opfers möglich gewesen wäre, bezweifelt schon der mit dem Fall Moshammer betraute Chef der Münchener Mordkommission, Josef Wilfling.
Hinweise zur Folge
Der Podcast Crime Daheim beschäftigt sich mit wahren Verbrechen und nimmt die Zuhörer mit auf Spurensuche.
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